Kategorie: Wissenschaft und Kultur


11. Bürgerstaat: Mittlere Reife für alle

Das Ziel „Mittelstand für alle“ setzt voraus, dass alle einen mittleren Bildungsabschluss schaffen. Der heißt heute allgemein „Mittlere Reife“. Er ist die Voraussetzung für den Zugang zu den meisten Berufsausbildungen und zur schulischen Oberstufe (Sekundarstufe II). Wir sind, wie im letzten Blog-Bericht gesagt, der Überzeugung, dass auch bei uns gelingen muss, was Finnland, die Schweiz u.a. erreichen: 95 % haben einen Abschluss der Sekundarstufe II (Abitur oder Mittlere Reife und Berufsabschluss). Ein Viertel oder ein Drittel junger Leute ohne Berufsabschluss wie bei uns ist untragbar (vgl. letzten Blog-Bericht).

Es liegt nicht an einer zu dummen Jugend, sondern an einem zu dummen Schulsystem. Ein Blick in den schulischen Alltag zeigt ein Video des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Eine, wie es heißt, gar nicht außergewöhnliche Hamburger Schule wurde besucht: „Lehrer am Limit

Aber auch diejenigen, die einen Abschluss bekommen, haben zu oft nicht die „Ausbildungsreife“. Das wird weithin beklagt. So berichtete „Die Zeit“ am 13.07.2006 über das Ergebnis einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts und der Uni Würzburg: „Wir haben für die Jugendlichen ein Diktat aus den sechziger Jahren genommen. Würde man das Rechtschreibniveau der Schüler von damals zum Maßstab nehmen, wären drei Viertel der heutigen Kinder Legastheniker [Lese- und Rechtschreibschwache].“ Ähnliches gilt fürs Rechnen. Pisa zeigt keine großen Besserungen. Fragen wir nach den Gründen.

Schon durch den Blick ins Klassenzimmer [Lehrer am Limit], aber erst recht durch eine vertiefte Beschäftigung mit dem Thema erkennen wir vier wesentliche Gründe:

1. Die antiautoritäre Erziehung hat zum Erziehungsverlust geführt. 2. Die Verwissenschaftlichung der Schule hat den Abschied vom kind- und altersgerechten Unterricht gebracht. 3. Die neuen Fachlehrer ab der Grundschule nahmen Abschied vom Wesentlichen und Wichtigen. Alle Fächer, aller Stoff im Lehrplan wurden gleich wichtig. Zu kurz kommen nun das Lesen, Schreiben und Rechnen, dann bis zum Abi die Fächer Deutsch, Mathe und Englisch. 4. Viele Klassen und Schulen wurden „multikulturell“. Hier wirken sich die Neuerungen von 1. bis 3. besonders verhängnisvoll aus.

Die Folgen sehen wir heute: Viele Lehrer am Limit, viele Schulabgänger nicht ausbildungs- und berufstauglich.

Lesestoff: Viviane Cismak, Schulfrust, 10 Dinge, die ich an der Schule hasse, Berlin 2011 - dazu die Berliner Zeitung: "Ihr Buch 'Schulfrust' ist die erste umfassende Kritik des Bildungssystems aus Schülersicht." Cismak schildert, was sie vor allem an einem Berliner Gymnasium erlebte.

Viel früher als die Bildungspolitiker, Professoren und Experten haben das die Eltern erkannt. So ergab schon 1993 eine Umfrage der GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) folgende Rangordnung der Bildungs- und Erziehungsziele bei den Eltern:

1. Disziplin 2. Vernünftigen Umgang miteinander 3. Toleranz 4. Die Fähigkeit zur Zusammenarbeit 5. Wissen und breite Allgemeinbildung

In allen Umfragen davor nahm der letzte Punkt, nämlich die Wissensvermittlung, auch bei den Eltern den ersten Platz ein. Das entsprach den Reformzielen der 1970er Jahre mit ihrer allein auf Wissen und Verwissenschaftlichung ausgerichteten Schule. Inzwischen zeigen sich im Schulalltag die Erziehungsverluste samt der Gewalt auf dem Schulhof in solchem Ausmaß, dass sich die Eltern umorientierten.

Wir müssen zwischen Erziehung und Bildung unterscheiden. Als in den 1980er Jahren der baden-württembergische Kultusminister Mayer-Vorfelder auch Erziehung in den Schulen forderte, ging ein Aufschrei nicht nur durchs Ländle, sondern die ganze Republik. Die antiautoritären Intellektuellen wollten keine Erziehung, denn gezielt sollten die bürgerlichen Werte abgeschafft werden. Nur noch wissenschaftliche Bildung sollte es geben, am besten ab dem Kindergarten.

Erziehung vermittelt Werte, wie sie oben in den Punkten 1. bis 4. die Eltern fordern. Bildung schafft dagegen Wissen, wie es die Eltern an 5. Stelle verlangen. Es gibt hochgebildete Terroristen – von der Roten Armeefraktion bis zur Terrorgruppe IS (Islamischer Staat). Bildung allein ist zu wenig. Erziehung ist das erste Recht und die oberste Pflicht der Eltern (Art. 6 GG). Sie müssen endlich in die schulische Erziehung einbezogen und dadurch in die Pflicht genommen werden.

Dann müssen wir Bildung von Wissenschaft unterscheiden. Beide vermitteln Wissen, aber mit unterschiedlichen Zielen. Bildung soll den jungen Menschen, aber auch noch den Erwachsenen helfen, die Welt zu verstehen, sich im Leben zu orientieren. Dazu sind Überblicke und Zusammenhänge wichtig. Wissenschaft will dagegen bis zu den Einzelheiten vordringen und durch Forschung zu neuen Erkenntnissen vorstoßen. Schule ist eine Bildungseinrichtung, kein Forschungsinstitut. Bildung zu vermitteln, ist schwerer als Einzelheiten vorzutragen und in Tests abzuprüfen.

Was erwarten wir von der Schule der Zukunft?

Oberstes strategisches Ziel jeder Gemeinschaft, ja Organisation ist, das langfristige Überleben zu sichern. Das ist für einen Staat zu allererst die Geburtenrate. Als Beitrag der heutigen Schulen dazu ist zu fordern, dass sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Deshalb brauchen wir leistungsfähige und bedarfsgerechte Ganztagsschulen.

Immer noch ein strategisches, aber darunter angesiedeltes Ziel ist, die jungen Menschen in die Erwachsenen- und Erwerbswelt einzugliedern, und zwar in den Mittelstand über die „Mittlere Reife für alle“.

Die unterschiedlichen Begabungen und Neigungen unserer Jugend führen uns zu den benötigten Schulangeboten. Wir brauchen Schulen für die praktisch und für die theoretisch Begabten. Alle sollen sich entfalten können. Das führt zu Technischen und Naturwissenschaftlichen sowie Wirtschaftlichen und Sprachlichen Mittelschulen. Die Technischen und Kaufmännischen Gymnasien brauchen einen Unterbau. Auch an Berufsoberschulen muss das Abi abgelegt werden können. Wir brauchen einen „dualen Weg“ bis zum Hochschulabschluss.

Wir lernen fürs Leben, nicht für die Schule. Was ist dafür unverzichtbar, was nett und schön, wenn es die Jugendlichen können? Das führt zur Unterscheidung von Kernfächern und Bildungsfächern. Kernfächer sind Deutsch, Mathe und Englisch. Sie muss jeder auf einem praxis- und prüfungstauglichen Niveau beherrschen. Das ist am Ende jeder Schulstufe durch zentrale Abschlussprüfungen festzustellen: Grundschulabschluss (ohne Englisch), mittlere Reife, Abitur. Kernfächer sind Lernfächer, jeder Schüler muss den Stoff lernen.

Die übrigen Fächer sind Bildungsfächer. Wir können sie auch Lehrfächer nennen, weil die Lehrer gefordert sind, den Stoff am besten ohne Noten im Wege des „natürlichen Lernens“ zu vermitteln. Hier sollen bei den Jugendlichen Wissendurst und Erfolgslust, Begeisterung und Forscherdrang reifen. Jeder kann etwas, oft steht das nicht im Lehrplan. Die Gemeinschafts-, Gesamt- oder Einheitsschulen werden vielen Begabungen nicht gerecht, sie sind für viele viel zu theorielastig.

Die Erziehung ist ohne Einbeziehung der Eltern nicht zu schaffen. Das zeigt jede nähere Beschäftigung mit der Jugendhilfe in Jugendämtern. Das zeigen auch die Erfahrungen in Finnland. Dazu müssen unsere heutigen staatlichen Obrigkeitsschulen zu Bürgerschulen werden.

Den beratenden Elternbeirat muss ein neuer örtlicher Schulrat ersetzen. Er muss ein echtes Entscheidungsorgan wie ein Gemeinderat oder Kreistag sein. Darin müssen zu einem Drittel Eltern (Erziehungsberechtigte), Lehrer (Fachkräfte) und Gemeinderäte (verantwortlich für die Gemeindepolitik und die Finanzen) sitzen.

Dazu brauchen die Schulen endlich das Selbstverwaltungsrecht, wie es Gemeinden und Landkreise besitzen. Seit Jahrzehnten gibt es dazu Diskussionen und Versprechungen. Umgesetzt wurde nichts Wesentliches. Die Schulpflegschaften in NRW sind Mogelpackungen. Die Bürger im Bürgerstaat sollten sich an fortschrittlichen Beispielen in den Niederlanden oder Dänemark orientieren. Dann werden nur die Ziele (z. B. Niveau der Abschlussprüfungen in den Kernfächern) festgelegt, den Weg zu den Zielen wählen die Schulen durch ihre örtlichen Schulräte mit Drittelparität selbst. Dazu muss die Schulträgerschaft ganz den Kommunen (Gemeinden, Kreise) übertragen werden. Nicht nur wie heute für Gebäude, Hausmeister und Sekretärinnen (sachliche Schulträgerschaft), sondern auch für die pädagogische Schulträgerschaft einschließlich Einstellung der Lehrkräfte müssen sie zuständig sein. (Dass das geht, zeigen die Krankenhäuser. Dort sind auch die Kommunen voll verantwortlich, bis zur Einstellung der Chefärzte.)

Lehrpläne sind dann Empfehlungen, keine Rechtsvorschriften. Wie Sexualkunde oder der Stoff der Kulturfächer vermittelt wird, entscheiden dann die Betroffenen vor Ort im örtlichen Schulrat. Warum sollen die Parteipolitiker im Landtag und die Beamten im Kultusministerium alles besser wissen? Sie dürfen so viel empfehlen, wie sie wollen, entschieden wird durch die Betroffenen. Schließlich heißt es im Grundgesetz: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ (Artikel 6 Absatz II Grundgesetz) Ziele und Grundsätze festzulegen, nicht Einzelheiten und ideologische Wahrheiten vorzuschreiben, ist der Auftrag des staatliche Wächteramts. Im Bürgerstaat kann darum durch Wahlen und Abstimmungen gerungen werden. Denn alle Staatsgewalt geht vom Volk aus, nicht von Parteizentralen oder Parteitagen.

Wenn diese Reform gelungen ist, dann wurde aus der staatlichen Obrigkeitsschule endlich die Bürgerschule. Nicht mehr nur die, die es sich leisten können, Privatschulen zu gründen, alle Bürger haben in Selbstverwaltung „ihre“ Schulen.

Lesestoff: Gerhard Pfreundschuh, Die Mittelschule, Reform der Sekundarstufe I, Heidelberg 2015

13. Bürgerstaat: Werte und Wertewandel

Werte sorgen für das friedliche Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft. Die Ereignisse der Silvesternacht 2015 / 2016 haben die Bedeutung von Werten als allgemeine Verhaltensregeln wieder bewusst gemacht. Überhaupt hat die Auseinandersetzung mit dem Islam und anderen Kulturen die Frage nach europäischen Werten entfacht.

Gerade der Bürgerstaat, der von unten statt von oben seine Ziele, Gesetze und Lebensformen entwickelt, braucht gemeinsame Werte und Überzeugungen. Denn es wird nicht wie in einem Zwangs- oder Obrigkeitsstaat von Kommissaren kommandiert, was richtig oder falsch ist. Es ist auch nicht eine selbsternannte Elite oder politischen Klasse, die der Herde vorgibt, was zu glauben und zu tun ist. Die mündigen Bürger sprengen die ideologischen Raster, „denn letztlich geht es um etwas sehr einfaches: dass freie Individuen frei entscheiden können, was das Beste für sie ist“. [Wolfgang Koydl, Die Besserkönner, Zürich 2014, S. 14] Die Zeit und unsere Bürger sind reif dafür.

Machen wir uns also Gedanken darüber, wie bei jedem von uns Werte entstehen. Fragen wir, ob sich Werte wandeln oder immer gleich und ewig gültig sind. Fragen wir auch, ob Werte zeit-, raum- und kulturabhängig sind. Kant und andere große Philosophen, die Religionen und Ideologie samt ihren Gläubigen behaupten bis heute, dass es nur eine Wahrheit und Wertordnung gäbe, und zwar die jeweils eigene.

Die heutige Hirnforschung erklärt uns, warum wir Menschen zu unterschiedlicher Wahrheit und Moral kommen.

Im 20. Jahrhundert haben unsere Kenntnisse über „den gestirnten Himmel über uns“ und „das Gesetz in uns“ (Kant) gewaltig zugenommen. So kann erklärt werden, wie und warum nicht nur die „reine oder die praktische Vernunft“, sondern auch Gefühle und Instinkte unsere jeweils ganz persönlichen Werte bestimmen. Wir haben nämlich drei miteinander verbundene Einzel-Gehirne. Sie stammen aus verschiedenen Zeiten unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung (biologischen Evolution). Ihre Aufgaben und ihr Aufbau sind unterschiedlich.

Das älteste und innerste ist das Reptilhirn, auch Stammhirn genannt. Wir haben es mit den Kriechtieren gemeinsam; und bei ihnen wurden auch Aufbau und Funktionsweise erforscht. Fressen, Beißen und der reine Geschlechtstrieb sitzen hier. Instinkte und Hormone, Reflexe und Erregungszustände steuern das Verhalten, und man kann damit überleben. Höhere Tiere und wir Menschen haben dann noch das Limbische System als zweites Gehirn dazubekommen. Gefühle und Mitgefühle, Zu- und Abneigungen, Freude, Trauer und Stimmungen gehen unbewusst, spontan von hier aus. Schon an unserem Hund werden wir vieles davon entdecken. Wir könnten hier von „Seele“ oder „Herzlichkeit“ sprechen, im Unterschied zum kühlen mathematischen Verstand. Damit sind wir beim letzten und nur uns Menschen eigenen Gehirnteil: der Großhirnrinde. Das Denken und bewusste Erleben, der Wille mit den willkürlichen Bewegungen und die Sprache machen uns zum „homo sapiens“, zum vernunftbegabten Menschen.

Doch mit der Vernunft ist es so eine Sache. Denn unserem Bewusstsein entzogen wirken die zwei anderen Gehirne auf das oberste ein – und umgekehrt. Da alles zusammenwirkt, ist nach heutigem Wissensstand eine scharfe Trennung nicht möglich (z.B. Neugiertrieb). Einzelne Krankheiten werden jedoch ganz oder überwiegend einem der Gehirne zugeordnet (z.B. Autismus dem Limbischen System). Das obige Bild zeigt stark vereinfacht das Modell nach Paul McLean. [anschaulich und reich bebildert: Hans Günter Gassen, Das Gehirn, Darmstadt 2008; gut auch: Karl Popper und John Eccels, Das Ich und sein Gehirn, München 1987]

Werte sind Überzeugungen, die ins Limbische System abgesunken und so gefühlsmäßig aufgeladen sind. Das hat die Volksweisheit erkannt: „So können die Irrtümer des Geistes zu leidenschaftlichen Angelegenheiten des Herzens werden.“ Alles, was wir gut können, was uns in Fleisch und Blut eingegangen ist, läuft selbsttätig, unbewusst ab. Auto- und Skifahren erlernen wir bewusst und mit geistiger Anstrengung. Doch beim Könner läuft es sozusagen automatisch ab. Das gilt sogar für höchste Denkarbeit. In manchen Bereichen können wir blitzschnell reagieren, uns ist sofort klar, was für uns falsch oder richtig ist; wir wissen sofort, was wir tun oder lassen müssen. Das ist dann das Zusammenspiel von Großhirnrinde und Limbischem System.

Auch das Reptilhirn wirkt mit. Es gibt Menschen, die sind weniger, andere stärker Trieb gesteuert. Hypersexuell sind manche, der Volksmund nennt sie „notgeil“. Andere können ihre Treibe besser beherrschen. Das gilt für alle Triebe, die zur Sucht werden können. (Wir gebrauchen hier umgangssprachlich Trieb und Instinkt gleichbedeutend.)

Immanuel Kant hält Gefühle für sehr wertvoll, doch bei sittlichen Entscheidungen geht für ihn die Vernunft immer vor. Das gilt erst Recht für Triebe, wenn sie mit der Vernunft in Widerspruch geraten. „Wenn wir die Herzen öffnen, dürfen wir den Verstand nicht verlieren.“ [nach Garri Kasparow, Schachweltmeister, Vorsitzender der Human Rights Foundation, im Handeksblatt 08.12.2015] Das gilt gerade für die Politik in diesen Tagen.

Unser Bewusstsein und unsere Werte sind geprägt von natürlichen und kulturellen Umwelterfahrungen, von Erziehung und Bildung, von Vererbung und Begabung – von den Ergebnissen des Zusammenspiels unserer drei Gehirne. Das alles wirkt bei jedem Menschen auf eine ganz eigene und persönliche Art zusammen. Wer in einer Oase in der Sahara aufgewachsen ist und dort erzogen wurde, denkt und fühlt anders als ein Inder aus Bombay oder ein Japaner aus Tokio.

„Soziale Bindung“ ist die Zugehörigkeit eines Menschen zu „seiner“ Gemeinschaft und ihren Werten. Soziale Bindungen üben immer über die jeweilige Gemeinschaft oder Gesellschaft eine soziale Kontrolle aus. Es wird zwischen Gut und Böse unterschieden. Darauf beruht auch unsere ganze Rechtsordnung. Nicht nur das Strafrecht mit seinen Verurteilungen, auch das Bürgerliche Recht mit dem Ersatz für vorsätzliche oder fahrlässige Schädigungen.

Damit sind wir mitten in einem Glaubensstreit der Gehirnforscher. Gut oder böse kann ein Mensch nur handeln, wenn er einen freien Willen hat, wenn es aus Verantwortung und Überzeugung das Gute tun und das Böse unterlassen kann. Ein sehr anerkannter heutiger Gehirnforscher ist Wolf Singer. Er sagte in einem Vortrag am 22.09.2011 in Heidelberg, dass die Forschung das Meiste über unser Hirn, etwa 90 %, noch nicht wisse. Trotzdem zog er weitreichende Schlüsse: „Der Mensch hat keinen freien Willen.“

Der oben erwähnte und ebenso anerkannte Forscher Hans Günter Gassen, Karl Popper, John Eccles u.a. sehen das anders. Sie vermuten einen freien Willen, obwohl er derzeit durch die Hirnforschung weder bestätigt noch widerlegt werden kann. Popper und Eccles gehen davon aus, dass das „Ich“ in Form eines freien Willen unser Hirn und Verhalten steuert. Eccles, auch ein angesehener Hirnforscher, spricht vom Liaison-Hirn, wo der Geist oder das „bewusste Ich“, auf die linke Hirnhälfte einwirkt. [Karl Popper und John Eccles, Das Ich und sein Gehirn, München 1987, Abb. S. 450; aufschlussreich auch Kapitel P3: Kritik am Materialismus] Singer kannte Eccles gut und meinte in der Diskussion beim o.g. Vortrag: „Das haben wir schon ausführlich mit Eccles erörtert. Aber wir haben das „Liaison-Hirn“ nicht gefunden.“ Könnte sich ja bei den unbekannten 90 % befinden! Hans Günter Gassen gibt uns eine gute Darstellung „Der freie Wille“ und über den Stand des heutigen Wissenschaftsstreits in seinem Buch. Er schließt das Kapitel mit einem Kollegen-Zitat: „Ignorabimus – wir werden es nie wissen.“ [Hans Günter Gassen, Das Gehirn, a.a.O., S. 143] – Doch unser ganzes Rechtsystem setzt einen freien Willen voraus. Andernfalls gäbe es keine Verantwortung. Niemand dürfte wegen seiner Straftaten verurteilt werden; er konnte ja nicht anders. Das Zusammenleben geriete aus den Fugen.

Manche Neomarxisten und Sozialpädagogen sehen heute keine Täter und Verbrecher mehr, sondern nur noch arme Kranke. Hans Magnus Enzensberger, selbst Neomarxist, hat das kritisiert und auf den Punkt gebracht: „Auf diese Weise wird das Verbrechen aus der Welt geschafft, weil es keine Täter mehr gibt, nur noch Klienten. Auch Höß und Mengele stünden damit als Opfer da, denen wir etwas schuldig wären, nämlich eine angemessene psychotherapeutische Behandlung auf Krankenschein. … Da alle andern für nichts etwas können, am allerwenigsten aber für sich selber, existieren sie als Personen nicht mehr, sondern nur noch als Objekte der Fürsorge.“ [Hans Magnus Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt / M. 1993, S. 38]

Wenden wir uns einem weiteren Kriegsschauplatz der Ideologien zu. Es ist der Kampf um unsere westlichen Werte und Menschenrechte. Sind sie ewig gültig und unabänderlich oder raum-, zeit- und kulturabhängig? Es ist die Frage nach dem Wertewandel. Nach allem, was wir bisher gesagt haben, ist der Wertewandel normal, der Werteverlust aber eine Katastrophe. Die Geschichte bestätigt das. Auch bei uns in Europa gab und gibt es Wertewandel.

Wie unterschiedlich die Ergebnisse sein können, zeigt uns einer der größten abendländischen Denker, Aristoteles. Er hat sich ausführlich mit den „intellektuellen und moralischen Tugenden“ beschäftigt und kommt zum Ergebnis: Frauen sind von Natur aus minderwertiger als Männer, Sklaverei ist nicht unmoralisch, sondern naturbedingt. Doch es ist barbarisch, Frauen wie Sklaven zu behandeln. [Anthony Kenny, Geschichte der abendländischen Philosophie, Band I - Antike, Darmstadt 2016, S. 99 mit Nachweis der Fundstellen] Das verstößt abgrundtief gegen alle heutigen westlichen Werte und Menschenrechte. Bei der Darstellung der Lehre von Aristoteles wird das meist nicht erwähnt. [vgl. Abschnitt „Aristoteles“ in Michael Erler und Andreas Graeser, Philosophen des Altertums, Von der Frühzeit bis zu Klassik, Darmstadt 2000, S. 163 ff.] Es ist ein Beispiel für einen krassen Wertewandel.

Doch wir brauchen nicht soweit zurückzugehen. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich auch bei uns wichtige Werte nachhaltig verändert. Das zeigen frühe Entscheidungen des Bundesgerichtshofs (BGH) in Strafsachen. So wurden Eltern wegen Kuppelei bestraft, wenn sie Verlobte in ihrem Haus miteinander schlafen ließen. Das wurde so begründet: „Normen des Sittengesetzes gelten aus sich selbst heraus; ihre Verbindlichkeit beruht auf der vorgegebenen und hinzunehmenden Ordnung der Werte und der das menschliche Zusammenleben regierenden Sollenssätze … Ihr Inhalt kann sich nicht deswegen ändern, weil die Anschauungen über das, was gilt, wechseln.“ [BGH, Strafsachen, Großer Senat, Bd. 6, S. 52, 1954, Az.: GSSt 3/53] Homosexualität war damals strafbar. Das Gleiche galt für die „Tubenligatur“ [= Durchtrennung der Eileiter zur dauerhaften Empfängnisverhütung].

Mit allem, was wir bisher besprochen haben, beschäftigen sich mindestens zwei Wissenschaften. Das sind einmal seit den Anfängen der Geschichte die Philosophie und heute die Gehirnforschung. Philosophie heißt übersetzt: Liebe zur Weisheit. Es ist keine Wissenschaft nach heutigem Verständnis. Das Gleiche gilt weithin für die Theologie, selbst für die Werte und unsere Lebensweisheit. Denn philosophische Aussagen lassen sich i.d.R. im Versuch, im Experiment weder widerlegen noch nachweisen. Wenn aber naturwissenschaftliche Forschung philosophische Erkenntnisse belegt oder widerlegt, dann scheidet dieser Bereich aus der Philosophie aus und wechselt zur Wissenschaft. Denken wir an die Hirnforschung oder an die Wissenschaft vom Weltall, die Kosmologie. Manche Vermutungen der griechischen Natur- und anderer Philosophen waren nach heutiger Wissenschaft richtig, andere falsch. [aber: Popper-Kriterium]

Das beschreibt gut der Oxforder Philosoph Anthony Kenny: „Obwohl die Philosophie keine Wissenschaft ist, stand sie im Laufe ihrer Geschichte in enger Beziehung zu den Wissenschaften. Viele Wissensgebiete, die in der Antike und im Mittelalter zur Philosophie gehörten, sind längst eigenständige Wissenschaften geworden.“ [Kenny, Geschichte der abendländischen Philosophie, a.a.O., Bd. I, S. 11] Es ist anzufügen, dass es die modernen Wissenschaften erst seit der Renaissance gibt. Sie sind eine Erfindung der europäischen Neuzeit. Ihre Folgen waren die moderneTechnik und die Industrialisierung.

Wir leben heute in einem wissenschaftsgläubigen Zeitalter. Doch fast zu jeder ernsten Frage gibt es heute zwei oder mehrere Antworten. (Die Frage nach dem freien Willen war ein Beispiel.) Hier stellen sich für den Bürgerstaat und sein Bildungssystem wichtige, grundlegende Fragen. Worin unterscheiden sich Wissenschaft und Bildung? Was hat die Erziehung, was die Bildung zu vermitteln? Wo sind die Grenzen staatlich-obrigkeitlicher Erziehung? Was bedeutet Bürgerschule?

Dazu wird im nächsten Blog-Bericht besprochen: Pornografie: eine Leitperspektive im Bildungsplan?

21. Lösungen statt Auflösung verlangt die Weltlage

Die Lage

Theo Sommer von der Wochenzeitung „Die Zeit“ verschickte jüngst ein Morning-briefing (19.06.2018) mit der Überschrift „Auflösung überall“:

„In diesen Tagen kann einen der Blick in die Welt leicht in Depressionen stürzen. Wohin man auch schaut, auf die äußere Szene oder auf die heimische, überall ist nur Auflösung zu sehen, nirgendwo Lösung.“

Chinas Aufstieg, Amerikas Abschied als führende Weltmacht, der Kampf sowohl der Kulturen als auch der Wirtschaftssysteme markieren eine tiefgreifende Zeitenwende. Die westliche Welt löst sich auf. Denn ihr fehlt eine zukunftsfähige Strategie.

Bei einer Umfrage 2017 sagten 87 % der Chinesen, ihr Land bewege sich in die richtige Richtung; der Durchschnitt von 27 teilnehmenden Länder lag bei 40 %, Westeuropas Länder waren durchweg besonders pessimistisch.[Stefan Baron / Guangyan Yin-Baron, Die Chinesen – Psychogramm einer Weltmacht, Berlin 2018, S. 418, Baron ist bekannter Wirtschaftsjournalist, seine Frau Yin-Baron Chinesin aus alter Familie.]

Die Kanzler Adenauer und Helmut Schmidt waren wie Bismarck noch Strategen; sie dachten langfristig und vorausschauend. Sie waren Staatsmänner, keine kurzsichtigen, gehetzten Tagespolitiker. Wer es wissen will, muss Adenauers „Erinnerungen“ und Helmut Schmidts „Ein letzter Besuch, Begegnungen mit der Weltmacht China“ (2013) lesen.

Adenauer erkannte schon in den 1950er Jahren: „Ein weiteres Element weltpolitischer Bedeutung von großer Tragweite, das sich erst nach 1945 zeigte, ist das Erscheinen nichtweißer Völker auf der Bühne des politischen Weltgeschehens. Um die Bedeutung dieses neuen politischen und wirtschaftlichen Faktors klarzumachen, genügt es, wenn ich die beiden größten Vertreter nenne: Rotchina und Indien …“ [Erinnerungen, Band II (1955 – 1959), Stuttgart 1967, S. 19 f.] Jetzt ist es soweit. Schon Napoleon warnte: „Weckt mir den schlafenden Riesen China nicht auf!“

Ein genauerer Blick auf das heutige Vorgehen der neuen Weltmacht China zeigt uns, wie klare strategische Ziele, eine konsequente operative Umsetzung und eine geschickte Taktik aussehen.

 Ratlose neoliberale Ökonomen und Parteipolitiker Schon 1983 sagte der Altbundespräsident Richard von Weizsäcker:

„Zwischen der Macht der Parteien im Staate einerseits und ihrer Befähigung zur Lösung der Probleme andererseits hat sich eine breite Kluft aufgetan. Dieses Problem zu lösen, ist unsere zentrale verfassungspolitische Aufgabe. Sie entscheidet nicht nur über die Zukunft der Parteien, sondern über das Schicksal unserer Demokratie überhaupt.“ [R. v. Weizsäcker, Die deutsche Geschichte geht weiter, Berlin 1983, S. 154 f]

Die Kluft ist größer statt kleiner geworden. Kohl und Merkel waren und sind Aussitzer, ihre Problemlösungsfähigkeit geht gegen Null. Doch auch von den anderen kommen keine Lösungen.

Und unsere Wirtschaftswissenschaftler denken nur in den neoliberalen Modellen von Smith und Keynes. Danach hat sich der Staat aus dem Wirtschaftsgeschehen herauszuhalten. Die Klassiker im Gefolge von Adam Smith erlauben nur eine Geldpolitik mit Steuerung über Zinsen und Geldmenge; die Keynesianer fordern Fiskalpolitik mit öffentlichen Investitionen und Staatsverschuldung. Alles andere leistet ein angeblich „vollkommener Markt“ durch die „unsichtbare Hand“. Doch die ruht sich derzeit aus. Mächte mit starkem politischem Willen oder Marktteilnehmer mit reiner Profitgier sind am Werk, überlisten die Marktkräfte. Genau hier fehlen Gegenstrategien und Gegenkräfte.

Für alle Neoliberalen gilt der Satz von Albert Einstein: „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert.“ Strategien führen zu Lösungen

Strategisches Denken beginnt damit zu wissen, was man will und was die Gegenspieler wollen. Denn in der Politik wie in der Wirtschaft und im Krieg treffen menschliche Willenskräfte aufeinander. Es ist nicht die „unsichtbare Hand“, kein naturgesetzlicher „Weltenlauf“ (Determinismus), der unentrinnbar einer neoliberalen, westlich demokratischen oder einer kommunistischen Endzeit entgegeneilt. Daran glauben nur Ideologen.

All die komplexen und komplizierten, auf Deutsch verwirrten und verwickelten Dinge werden entwirrt und sogar einfach, wenn wir als Strategen fragen: Was wollen unsere Gegenspieler? Was wollen wir?

Dazu sagt Carl von Clausewitz, der Vater des strategischen Denkens: Strategie konzentriert sich auf das ganz Wichtige und Wesentliche. „So ist denn in der Strategie alles sehr einfach, aber darum nicht auch sehr leicht.“ Vielen fällt es sehr schwer, einfach zu denken. Schwer ist auch die Umsetzung, weil Friktionen, d.h. Gegenkräfte und Widerwertigkeiten, am Werk sind. [Vom Kriege, ungekürzter Text, Frankfurt/M. 1980 (Ullstein Materialien), S. 150]

Das Beispiel China

Schauen wir nun, wie es China, unserer größter Gegenspieler, macht. Die von Deng, dem Vater des chinesischen Wirtschaftswunders, ausgegebenen strategischen Ziele Chinas sind ebenfalls ganz einfach und werden zugleich ohne Wenn und Aber umgesetzt. Deng spricht in Anlehnung an den Sprachgebrauch von Hegel und Marx vom Hauptwiderspruch. Wir nennen es besser das strategische Hauptziel, das Deng 1978 verkündete und bis heute gilt:

„Der Hauptwiderspruch in der chinesischen Gesellschaft ist der Widerspruch zwischen den wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnissen des Volkes und der rückständigen gesellschaftlichen Produktion.“ Das heißt Beseitigung von Armut und technischer Rückständigkeit.

Für die operative Umsetzung werden „operative Ziele“ festgelegt (z.B. Fünf-Jahres-Pläne). Während die Strategie die Grundlinie bestimmt, nennt die Betriebswirtschaft Ziele dann „operationalisiert“, wenn sie mit Zeit und Zahlen prüfbar, also Controlling fähig sind.

Dabei ist etwas ganz wichtig, das im Westen oft nicht erkannt wird: Die operative Steuerung durch die Kommunistische Partei Chinas erfolgt durchgängig bis in die letzten Dörfer und Betriebe. Das geschieht durch Parteizellen in allen Unternehmen. Sie sollen nun auch in ausländische Firmen eingebaut werden. Sie üben Mitbestimmung nach den Richtlinien der Partei aus. Deutsche Firmen in China fühlen sich dadurch bedroht, die deutsche Außenhandelskammer in China ist „entsetzt“. [Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Chinas Weg zur Weltherrschaft, 07. 01. 2018]

Andererseits kaufen auch „private“ chinesische Firmen und Investoren weltweit genau das, was den strategischen und operativen Zielen der KPCh entspricht, also der Überwindung des Hauptwiderspruchs bzw. der Hauptaufgabe dient. Das folgende Schaubild zeigt, wie stark der Aufkauf deutscher, vor allem mittelständischer, technologischer Unternehmen durch chinesische Staatskonzerne und sog. „private“ Unternehmen voranschreitet. „Inzwischen liegen die Zahlen für 2017 vor. „Chinesische Investoren kauften sich 2017 mit 12 Milliarden Euro in der deutschen Industrie ein. Umgekehrt funktioniert der Handel aber kaum.“ [Handelsblatt10, 24.05.2018]

Umgekehrt regulieren der chinesische Staat und die Partei zielgenau die ausländischen Investitionen in China. Dazu gibt es den „Wegleitenden Wirtschaftskatalog für Investitionen ausländischer Geschäftsleute“. Darin ist festgelegt, zu welchen Investitionen Ausländer ermutigt werden sollen, wo sie zu beschränken sind und was zu verbieten ist. [Harro von Senger, Moulüe – Supraplanung – Unbekannte Denkhorizonte aus dem Reich der Mitte, München 2008, S. 92] Hier müsste die EU dann mindestens nach dem Grundsatz der Gegenseitigkeit handeln und ebenfalls einen „Wegleitenden Wirtschaftskatalog“ aufstellen.

Das zweite strategische Ziel, das inzwischen auch operativ umgesetzt wird, ist der „weltweite Griff nach der Infrastruktur“. China will die Absatzwege schaffen und besitzen. Dazu gehört das Vorhaben „Seidenstraße“. Es ist der Ausbau der Landverbindung zwischen China und Europa mit schnellen Eisenbahnverbindungen und Autobahnen. Aber auch im Nahen Osten und in Afrika ist diese Strategie zu beobachten.

Besonders aufschlussreich ist das Vorgehen Chinas in Afrika. Inzwischen sprechen dabei manche vom „Chinesischen Modell“. Die Chinesen haben sich dort als erstes die Infrastruktur, aber nicht nur diese ausgesucht. „Ein Kontinent wird schanghait: Warum man in Afrika so viele Chinesen trifft“, heißt es schon. In Dschibuti haben sie eine Militärbasis, in vielen Ländern bauen sie Häfen, Straßen, Brücken, Hochhäuser.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtet am 07.01.2018: „Die chinesische Eroberung Afrikas beginnt das Gesicht des Kontinents zu verändern. … Sie prägen an vielen Orten den Alltag. Man sieht sie heute auf jedem innerafrikanischen Flug. Chinesen jeder Schicht und Prominenz – von Chef des Staatsunternehmens über den Bauarbeiter, die Businessfrau, den Touristen bis zum Kugelschreiberverkäufer. Oft sind es Menschen von großem Pioniergeist.“ Eine Million Chinesen arbeiten in Afrika.

Kommen wir nun zur „Taktik“. Das ist die Lehre, wie ein Gefecht, ein Geschäft oder Verhandlungen zu führen sind. Die Chinesen nennen es „Strategeme“ oder Kriegslisten.

Welche Taktik wird nun bei der Umsetzung der strategischen und operativen Ziele angewandt? Harro von Senger, ein guter Chinakenner und emeritierter Sinologe der Uni Freiburg / Br., weist darauf hin, dass es die jahrtausendealte, durch all diese Epochen gepflegte und weiterentwickelte „Kunst der List“ ist. Sie ist militärischen Ursprungs und begann mit Sun Tsu um 500 v. Chr. Das sei an einem Beispiel verdeutlicht. [Harro von Senger, Die Kunst der List, Strategeme durchschauen und anwenden, München 2001, S. 180 f.]

Chinesen haben keine Probleme, „strategische Feindschaft“ mit „taktischer Freundschaft“ zu verbinden. Bemerkenswert ist u.a. die Strategeme Nr. 30: „Die Rolle des Gastes in die des Gastgebers umkehren!“ Wir können auch sagen: „Vom Gast zum Hausherrn werden!“ Harro von Senger führt dazu ein Beispiel aus der spanischen Schuhindustrie an. Zuerst ließen die Spanier auch in China Schuhe fertigen. Dann bauten die Chinesen eigene Vertriebswege auf; und heute werden in Spanien keine dieser hochwertigen Schuhe mehr hergestellt. [Harro von Senger, Die Kunst der List, Strategeme durchschauen und anwenden, München 2001, S. 77]

Die chinesischen Erfolge zeigen, nicht die „unsichtbare Hand“, sondern Menschen steuern das Marktgeschehen. Und wer Strategie mit operativer Umsetzung und taktischem Handeln verbindet, bleibt Sieger.

Im nächsten Blockbericht: „Soziale Volkswirtschaft – eine Strategie für Europa“

32. Führung im Zeitalter der KI

Wir erkennen zwei unterschiedliche Einstellungen zur „Führung im Zeitalter der KI“ (= Künstliche Intelligenz).

Die einen sagen, es wird alles ganz anders. Wenn alle Daten ins System eingespeist sind, dann kann es nur eine richtige Entscheidung geben. Und diese wird dann vom intelligenten, d.h. denkenden Roboter, sogar besser gefunden als vom Menschen. Denn mit riesigen Datenmengen kann künstliche Intelligenz besser umgehen als menschliche.

Die Gegenmeinung sagt: „Der Mensch bleibt für die Entscheidungsfindung unersetzlich, kann sie aber durch Daten untermauern.“ [Fabian Schladitz, Künstliche Intelligenz ist der Hammer. Doch wo sind die Nägel, in: WWW.Handelsblatt-Journal.de, „Künstliche Intelligenz“, März 2019] KI-Maschinen sind dann Zuarbeiter für den Entscheider, vergleichbar Statistikern, Controllern u.ä.

Es liegt nahe, dass die erste Meinung jene vertreten, die dem Menschen auch keinen freien Willen zubilligen. Für sie, die Behavioristen, ist das Hirn wie ein Hohlspiegel, in dem die äußeren Eindrücke eingefangen werden und Reaktionen auslösen. Künstliches und menschliches Hirn arbeiteten danach im Grundsatz gleich.

Wir haben diese Frage im vorletzten Blog-Bericht ausführlich erörtert und die Überzeugung vertreten, dass der Mensch einen freien Willen hat. Entscheiden, also Handeln unter Unsicherheit, und schöpferisches Denken kann keine Maschine übernehmen. Vor allem entscheiden sich Menschen unterschiedlich und verfolgen dann unterschiedliche Ziele.

Die nächste Frage ist: Wer ist in Gruppen, Gemeinschaften und Unternehmen für welche Entscheidungen und Zielsetzungen zuständig und trägt dafür Verantwortung? Das ist zugleich die Frage nach Führung und Ausführung in Organisationen. Ändert sich daran etwas im Zeitalter der KI?

Wir haben in früheren Blog-Berichten bereits „Führen, Steuern und Ordnen untersucht und unterschieden. Danach kann KI möglicherweise einmal ausführen und steuern gemäß vorgegeben Zielen mit Zeit und Zahlen. Führen und ordnen kann sie aber nicht.

Bleibt hier alles beim Alten? Das kommt darauf an! Wer die vielen Aufsätze und Stellungnahmen zu „Führen im Zeitalter der KI“ liest und sich mit der Sache schon eingehender beschäftigt hat, dem kommen viele Forderungen, z.B. Führen durch Auftrag statt Befehl, bekannt vor.

In einer globalisierten und vom digitalen Fortschritt getriebenen Welt ändert sich die Lage der Wirtschaft und der Politik oft und schnell. Neue große und kleinere Unternehmen, Weltkonzerne und Gründer (Start-Ups) tauchen auf dem „Schauplatz des Wettkampfs“ auf. Und (!) es geht um Überleben oder Untergang. Das ist ein wahres, zum Glück meist unblutiges Kriegstheater. Und wer sich auskennt, trifft da auf bekannte Erfahrungen und Grundsätze.

  • En Mensch allein kann das Geschehen nicht überblicken. Die KI, das „Internet der Dinge“, die digital voll vernetzte Fabrik und nicht zuletzt die neuen Marktteilnehmer mit neuen Strategien und Produkten machen das Geschehen komplex; d.h. verwickelt und schwer durchschaubar. Die Folgerung heißt: Führen mit Stäben, und zwar generalstabsmäßig (dazu unten mehr).
  • Unternehmerisch-strategische und technisch-digitale Verantwortung müssen zusammengeführt werden. Auch das ist Stabsarbeit.
  • Letztlich geht es wie beim Militär um Führung bei unübersichtlichen, schnell wechselnden Lagen. Beteiligt sind da kleine schnelle und übergroße Angreifer. Dazu wurden unter bittersten Bedingungen überlebenswichtige Erfahrungen gesammelt Sie gingen in die militärischen Führungsgrundsätze ein. Es lohnt sich, diese unter den heutigen Bedingungen auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen.

In der früheren Heeresdienstvorschrift (HDv) lautet der erst fettgedruckte Satz bei „Führungsgrundsätze“: „Truppenführung ist eine Kunst, eine auf Charakter, Können und geistiger Kraft beruhende freie, schöpferische Tätigkeit.“ [HDv 100/1 Truppenführung, Oktober 1962; von 1962 bis 1964 war ich Zeitsoldat] – Damit bleibt hier KI außen vor.

Da das Geschehen so komplex, verwickelt und schwer durchschaubar ist, empfiehlt die HDv: „Die Lage ist meist ungewiß. Selten läßt sich vor dem Gefecht ein klares Bild über die Verhältnisse beim Feind gewinnen. Oft wird auch die Lage beim Nachbarn, mitunter sogar in der eigenen Truppe nur lückenhaft bekannt sein. In gespannter Lage jedoch auf Meldungen zu warten, ist selten ein Zeichen willensstarker Führung, oft ein schwerer Fehler.“ [HDv 100/1 a.a.O., Nr. 104] – Im Wirtschaftskampf gilt das in abgemilderter Form.

Für die Aufklärung der Feindlage ist in einem Bataillons- oder Generalstab ein eigener Offizier zuständig. Damit sind wir bei der Führungsunterstützung „Stab“. Stäbe entscheiden nicht, sie bereiten Entscheidungen vor. Entscheider ist stets der Kommandeur, also die verantwortliche Führungskraft. Allerdings haben in deutscher Tradition Generalstabsoffiziere die Pflicht, ihre eigene, vor allem auch gegenteilige Meinung vorzutragen. Dabei wird Perikles, der größte Feldherr im alten Athen, zitiert: „Denn auch dies ist unsere Art: da am freiesten zu wagen, wo wir am besten durchdacht haben.“ [HDv 100/1, a.a.O., vor Nr. 64]

Stäbe werden im Zeitalter der KI besonders wichtig. Denn hier werden die verschiedensten Fachbereiche (z.B. Strategie und Taktik, Technik und KI) zusammengeführt. Wie der Stab so dient auch die KI der Vorbereitung von Entschlüssen und Entscheidungen.

Trotz der oft großen Ungewissheit und Unübersichtlichkeit der Lage  verlangt erfolgreiche Führung vom Truppenführer klare und einfache Entschlüsse und Befehle. „Jedem Entschluss geht eine Beurteilung der Lage voraus. Sie verlangt rasche Gedankenarbeit, einfache, nüchterne und folgerichtige Erwägungen sowie Beschränkung auf das Wesentliche.“ HDv 100/1, a.a.O., Nr. 104]

KI kann dabei Hilfsdienste leisten, aber nie die letzte Entscheidung und Verantwortung übernehmen. Zur Umsetzung zitiert die HDv Moltke: „Fester Entschluss und beharrliche Durchführung eines einfachen Gedankens führen am sichersten zum Ziel.“ [HDv 100/1, a.a.O., vor Nr. 99]

Wichtig, kriegsentscheidend ist, dass sich der Chef des Unternehmens zu einer Entscheidung durchringt. Die schwächsten Führungskräfte und Feldherrn waren stets die Zauderer.

Im Zeitalter der KI können die Führungskräfte auch nur mit Aufträgen und nicht mit Befehlen führen. Man denke nur an den Einsatz eines Programmierers. Der Chef kann die Ziele für ein IT-Programm mit ihm durchsprechen und vereinbaren. Den Weg zum Ziel, die Ausarbeitung des Programms, muss der Programmierer eigenverantwortlich und selbständig durchführen. Die Zielerreichung hat er dem Chef zu melden (Auftrags- statt Befehlstaktik).

Wer an Tagungen zur KI und ihrem Einfluss auf unser Leben teilnimmt, dem fällt die „Schein“-Wissenschaftlichkeit auf. Die Vortragenden und Experten verlieren sich in Einzelheiten, in den Mengen von „Fakten und Daten“. Und solche Chefs schreiben am liebsten auch alle Details vor.

Clausewitz hält solche Leute geradezu für ungeeignet zu Strategie und großer Feldherrnkunst: „Darum sind auch diejenigen immer zu Recht als lächerliche Pedanten verspottet worden, die für die Erziehung eines künftigen Feldherrn [es] nötig oder auch nur nützlich hielten, mit der Kenntnis aller Details anzufangen. Es lässt sich ohne große Mühe beweisen, daß sie ihm schaden wird, weil der menschliche Geist durch die ihm mitgeteilten Kenntnisse und Ideenrichtungen erzogen wird. Nur das Große kann ihn großartig, das Kleine nur kleinlich machen, wenn er es nicht wie etwas ihm Fremdes ganz von sich stößt.“  [Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Frankfurt/M. 1980, S. 106 f] Scharnhorst sagt kurz: „Man muss das Ganze stets vor seinen Teilen sehen.“

Der größte aller denkbaren Pedanten ist die KI. Denn sie steckt tief im eingespeisten Datensumpf. Eine freie, schöpferische Tätigkeit, ein Abweichen von festen Formeln (Algorithmen) ist ein Widerspruch zu den Abläufen bei der KI.

 Nun kommt noch ein weiterer ganz wichtiger Punkt, den KI nie ersetzen kann: Führung richtet sich an Menschen. Führung muss den Willen vieler auf ein gemeinsames Ziel ausrichten.

Führung erfolgt am besten unmittelbar, persönlich und mündlich. Sie muss eine Gruppe dazu bewegen, gemeinsame Ziele trotz Widerständen zu verfolgen und zu erreichen. Dazu brauchen Führungskräfte wieder jene Eigenschaften, die unsere Bürger von Politikern fordern: 1. Vertrauen, 2. Voraussicht, 3. Sachverstand, 4. Durchsetzungsvermögen und 5. Bürgernähe. Letzteres hängt eng am Vertrauen: „Vertrauen zwischen Führern und Geführten ist die Voraussetzung jedes Erfolgs und die Grundlage für den Zusammenhalt in Not und Gefahr.“ [HDv 100/1, a.a.O., Nr. 43]

Innerhalb der Gruppe und zwischen Führern und Geführten muss Kameradschaft herrschen: „Kameradschaft erweist sich im Handeln und im rechten Einstehen füreinander. Sie ist das Band, das die Truppe in allen Lagen fest zusammenschließt. … Wer mehr zu leisten vermag, muss dem weniger Erfahrenen und Schwächeren helfen. Falscher Ehrgeiz, Selbstsucht und Unaufrichtigkeit zerstören die Kameradschaft.“ [HDv 100/1, a.a.O., Nr. 44]

Menschen, die nur ihre Karriere kennen, weder ihren Kollegen noch dem Unternehmen dienen wollen, sind zur Kameradschaft und Führung untauglich. Das gilt auch und gerade im Zeitalter der KI, wo kreative Teams zusammengeführt werden müssen.

30. Der Mensch und KI

Wir setzen den letzten Blog-Bericht „29. Wozu brauchen wir KI?“ fort und stellen die Frage: Was kann nur ein Mensch und keine Maschine? Dies beschäftigt die abendländische Philosophie seit Newton (1643 – 1727) und Locke (1632 – 1704) sowie Leibniz (1646 – 1716) und Kant (1724 – 1804). Im Ergebnis stehen sich zwei unterschiedliche Menschenbilder gegenüber. Sie beherrschen die Auseinandersetzung nicht nur um die KI, sondern auch die heutige Gehirnforschung und die Vorstellungen über den Ablauf der Wirtschaft und der Welt. Es geht um die Frage: hat der Mensch einen freien Willen oder sind er und die Welt naturgesetzlichen Abläufen unterworfen, die unbeeinflussbar sind? Nach Erik Reinert, dem norwegischen Wirtschaftsprofessor an der Uni Tallinn (Estland), liegt der „elementarste Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Ökonomik in ihrer Sicht des menschlichen Verstandes“. „Für John Locke war dieser eine tabula rasa, mit der ein Mensch geboren wird und in die sich die Eindrücke im Laufe des Lebens passiv einprägen. Leibniz hingegen vertrat die Ansicht, der Mensch habe einen aktiven Verstand, der konstant seine Erfahrungen mit bestehenden Schemata vergleicht – ein edler wie auch keativer Geist.“ [Erik Reinert, Warum manche Länder reich und andere arm sind – Wie der Westen seine Geschichte ignoriert und deshalb seine Weltmacht verliert, Stuttgart 2014, S. 43] Führende angelsächsische Philosophen gingen und gehen davon aus, dass der Mensch keinen freien Willen hat. Das setzt sich im heutigen Behaviorismus fort. Vereinfacht ausgedrückt ist danach unser Hirn wie ein H ... newtab weiterlesen

29. Wozu brauchen wir KI?

Alle Welt redet heute von KI [= künstliche Intelligenz]. Sie soll neu entdeckt sein und über Großrechner bald die menschliche Intelligenz übertreffen. Alles soll sich damit ändern: unser Privatleben, die Wirtschaft, der Staat, kurz alle Bereiche der Gesellschaft. Die einen betrachten das als Segen, die anderen als Fluch. Wir werden uns dem Thema in drei Blog-Berichten nähern. Wozu brauchen wir KI? Der Mensch und die KI? Deutsche Wirtschaft und die KI? Wir dürfen die Orientierung nicht verlieren. Dazu müssen wir uns den Überblick verschaffen und die Zusammenhänge erkennen. Das hieß früher Allgemeinbildung (vgl. Erziehung und Bildung, Weisheit und Wissenschaft). Nur Orientierung überwindet Unsicherheit und Ängste. Der Mensch muss „Herr des Geschehens“ bleiben. Andernfalls ereilt uns das Unglück von Goethes „Zauberlehrling“. Das gilt gerade für die KI! Konfuzius wurde gefragt: „Meister, was müssen wir tun, um den Staat zu ordnen?“ Er antwortete: „Wir müssen die Begriffe klären.“ Fragen wir zuerst nach den Wortbedeutungen. Intelligenz ist ganz einfach gesagt: Kluge Gedanken, schlaue Einfälle. Es ist das Denkvermögen, das wir Menschen besitzen, weil wir die Großhirnrinde haben. Das unterscheidet uns vom Tier. Künstlich ist maschinell angefertigt, nicht natürlich. Es ist Menschenwerk. KI ist kein Naturprodukt, sondern ein Kulturerzeugnis. (vgl. 8. Die Kultur hält eine Gesellschaft zusammen) Ohne Erfinder, Programmierer und Anwender keine KI! Nun soll KI bald denken können wie ein Mensch oder sogar besser. Viele Tätigkeiten, die wir heute noch ausführen (müssen) ... newtab weiterlesen

26. Kampf der Wissenschaft gegen Fachverlage – Teil 2

Wir haben uns mit der „Freiheit der Wissenschaft“ und der Unfreiheit durch die Fachzeitschriften in zwei Blog-Berichten beschäftigt: „Freie statt gesteuerte Wissenschaft!“ – 11.01.2019 „Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften“ – 14.01.2019 Nun berichtet der Chefunterhändler der Wissenschaftler, Horst Hippel, der bis vor kurzem auch lang Präsident der Hochschulrektorenkonferenz war, von einem großen Erfolg. Das Handelsblatt meint sogar: „Das Jahr 2019 beginnt mit einem Paukenschlag für die Forschung“ [Handelsblatt, 16.01.2019] Was ist geschehen? Die in einem sog. Deal-Konsortium zusammengeschlossenen deutschen Wissenschaftler haben mit einem der drei größten Fachverlage für wissenschaftliche Zeitschriften, nämlich Wiley, einen Vertrag geschlossen. Danach sollen rund 700 deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen freien Zugang zu den Veröffentlichungen des US-Verlags Wiley bekommen. Dieser veröffentlich jährlich rund 10.000 wissenschaftliche Artikel. Wer nachrechnet stellt fest, dass das etwa 10 – 20 % der jährlichen Veröffentlichungen sind. Denn Zweitdrittel des Marktes teilen sich die drei großen Fachverlage; das sind Elsevier, Springer Nature und der genannte Wiley-Verlag. Von diesen drei gehört wieder die Hälfte dem Verlag Elsevier, der 2018 aus den Verhandlungen mit den Wissenschaftlern ausgestiegen ist. Springer verhandelt weiter. Es handelt sich also nur um einen ersten Schritt. Denn beim Rest bleibt alles beim Alten. Außerdem geht es nur um den Zugang zu den Publikationen, die von den Verlagen zur Veröffentlichung angenommen wurden. We ... newtab weiterlesen

25. Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften

Die im letzten Blog beschriebenen Missstände sorgten 2012 für einen Aufstand. Dennis Snower, bis heute Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, wurde vom Handelsblatt interviewt. Auch er gehört zu den scharfe Kritikern der mächtigen Fachzeitschriften. Ihn stören nicht nur die hohen Preise und die Marktmacht der Verlage. Er kritisiert vor allem die Verfahren bei der Auswahl der wissenschaftlichen Aufsätze, die zur Veröffentlichung gelangen. Er meint: „Das traditionelle Verfahren gibt den Herausgebern und den Gutachtern zu viel Macht – diese Leute können Gott spielen. Die ethischen Werte, die für Wissenschaftler zentral sein sollten, sind uns abhandengekommen … viele Gutachter arbeiten auch unglaublich langsam und schreiben unfaire Reports. Das hat vermutlich jeder Ökonom schon selbst erlebt. Neue Ideen haben es dadurch sehr schwer.“  [Handelsblatt vom 13.02.2012 S. 18]  Es blieb nicht bei Protesten. Auch Angelsachsen sind mit ihren englischen Fachzeitschriften unzufrieden. Zur gleichen Zeit erschien im Handelsblatt ein weiterer Aufsatz mit dem Titel: „Wie viel darf Wissen kosten? Forscher wollen einen Fachverlag boykottieren, weil dieser angeblich Wissenschaftler und Bibliotheken ausbeutet“. [Handelsblatt vom 13.02.2012, S. 18] Ein Wissenschaftler namens Timothy Growers rief seine Kollegen zum Boykott auf und nach kurzer Zeit hatten sich rund 5.200 Forscher aus zahlreichen Fachrichtungen seinem Aufruf angeschlossen. Sogar die Präsidentin der internationalen Mathematikerunion und Chefherausgeberin einer Fachzeitschrift im Verlag Elsevier, der boykottiert wurde, unt ... newtab weiterlesen

24. Freie statt gesteuerte Wissenschaft!

Nicht immer ist es der Staat, der unsere Freiheit bedroht. Das meinen nur die Neoliberalen. Oft sind es Machtgruppen, Lobbyisten und Konzerne, die für Unfreiheit sorgen. Dazu wollen wir heute ein ganz wichtiges Wissensgebiet unter die Lupe nehmen. Es sind die Wirtschaftswissenschaften. Sie sind ein Hauptbetätigungsfeld der Neoliberalen. Und mit Chinas staatlich gesteuerter Volkswirtschaft ist ein ernster Konkurrent aufgetaucht. Er verbindet eine klare wirtschaftliche Strategie mit einer konsequenten operativen Steuerung und einer geschickten Taktik [vgl. G. Pfreundschuh, Kampf der Kulturen und der Wirtschaftssysteme, Abschnitt: „Chinas staatlich gesteuerte Volkswirtschaft", S. 29 ff] Kein Zweifel, Europa u.a. brauchen hier eine Gegenstrategie, um Wissen und Wohlstand, Arbeitsplätze und Zukunftsunternehmen zu sichern. Die „unsichtbare Hand“ eines Adam Smith (1723 -1790) wird das nicht schaffen. Sie lenkt nur in der Theorie alles zum Besten, ins große Gleichgewicht. Tatsächlich stecken Klassiker und Keynesianer seit der Finanzpleite von 2007 in einer Orientierungskrise. Sind sie nun dabei sich zu erneuern, kreative und innovative Lösungen zu finden? Greifen wir dazu mitten hinein ins volle Leben und Kampfgeschehen der Volkswirtschaftslehre. Manche behaupten hier herrschten Missstände, die gar den Artikel 5 Abs. 3 Grundgesetz aushebeln, d.h. die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre. Bestimmen bei uns und im Westen Vernunft oder oft reine Macht die wissenschaftliche Auseinandersetzung? Wie der Wissenschaftsbetrieb weithin abläuft, lässt sich gut an den wissenschaf ... newtab weiterlesen
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