Kategorie: Bildungspolitik


11. Bürgerstaat: Mittlere Reife für alle

Das Ziel „Mittelstand für alle“ setzt voraus, dass alle einen mittleren Bildungsabschluss schaffen. Der heißt heute allgemein „Mittlere Reife“. Er ist die Voraussetzung für den Zugang zu den meisten Berufsausbildungen und zur schulischen Oberstufe (Sekundarstufe II). Wir sind, wie im letzten Blog-Bericht gesagt, der Überzeugung, dass auch bei uns gelingen muss, was Finnland, die Schweiz u.a. erreichen: 95 % haben einen Abschluss der Sekundarstufe II (Abitur oder Mittlere Reife und Berufsabschluss). Ein Viertel oder ein Drittel junger Leute ohne Berufsabschluss wie bei uns ist untragbar (vgl. letzten Blog-Bericht).

Es liegt nicht an einer zu dummen Jugend, sondern an einem zu dummen Schulsystem. Ein Blick in den schulischen Alltag zeigt ein Video des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Eine, wie es heißt, gar nicht außergewöhnliche Hamburger Schule wurde besucht: „Lehrer am Limit

Aber auch diejenigen, die einen Abschluss bekommen, haben zu oft nicht die „Ausbildungsreife“. Das wird weithin beklagt. So berichtete „Die Zeit“ am 13.07.2006 über das Ergebnis einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts und der Uni Würzburg: „Wir haben für die Jugendlichen ein Diktat aus den sechziger Jahren genommen. Würde man das Rechtschreibniveau der Schüler von damals zum Maßstab nehmen, wären drei Viertel der heutigen Kinder Legastheniker [Lese- und Rechtschreibschwache].“ Ähnliches gilt fürs Rechnen. Pisa zeigt keine großen Besserungen. Fragen wir nach den Gründen.

Schon durch den Blick ins Klassenzimmer [Lehrer am Limit], aber erst recht durch eine vertiefte Beschäftigung mit dem Thema erkennen wir vier wesentliche Gründe:

1. Die antiautoritäre Erziehung hat zum Erziehungsverlust geführt. 2. Die Verwissenschaftlichung der Schule hat den Abschied vom kind- und altersgerechten Unterricht gebracht. 3. Die neuen Fachlehrer ab der Grundschule nahmen Abschied vom Wesentlichen und Wichtigen. Alle Fächer, aller Stoff im Lehrplan wurden gleich wichtig. Zu kurz kommen nun das Lesen, Schreiben und Rechnen, dann bis zum Abi die Fächer Deutsch, Mathe und Englisch. 4. Viele Klassen und Schulen wurden „multikulturell“. Hier wirken sich die Neuerungen von 1. bis 3. besonders verhängnisvoll aus.

Die Folgen sehen wir heute: Viele Lehrer am Limit, viele Schulabgänger nicht ausbildungs- und berufstauglich.

Lesestoff: Viviane Cismak, Schulfrust, 10 Dinge, die ich an der Schule hasse, Berlin 2011 - dazu die Berliner Zeitung: "Ihr Buch 'Schulfrust' ist die erste umfassende Kritik des Bildungssystems aus Schülersicht." Cismak schildert, was sie vor allem an einem Berliner Gymnasium erlebte.

Viel früher als die Bildungspolitiker, Professoren und Experten haben das die Eltern erkannt. So ergab schon 1993 eine Umfrage der GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) folgende Rangordnung der Bildungs- und Erziehungsziele bei den Eltern:

1. Disziplin 2. Vernünftigen Umgang miteinander 3. Toleranz 4. Die Fähigkeit zur Zusammenarbeit 5. Wissen und breite Allgemeinbildung

In allen Umfragen davor nahm der letzte Punkt, nämlich die Wissensvermittlung, auch bei den Eltern den ersten Platz ein. Das entsprach den Reformzielen der 1970er Jahre mit ihrer allein auf Wissen und Verwissenschaftlichung ausgerichteten Schule. Inzwischen zeigen sich im Schulalltag die Erziehungsverluste samt der Gewalt auf dem Schulhof in solchem Ausmaß, dass sich die Eltern umorientierten.

Wir müssen zwischen Erziehung und Bildung unterscheiden. Als in den 1980er Jahren der baden-württembergische Kultusminister Mayer-Vorfelder auch Erziehung in den Schulen forderte, ging ein Aufschrei nicht nur durchs Ländle, sondern die ganze Republik. Die antiautoritären Intellektuellen wollten keine Erziehung, denn gezielt sollten die bürgerlichen Werte abgeschafft werden. Nur noch wissenschaftliche Bildung sollte es geben, am besten ab dem Kindergarten.

Erziehung vermittelt Werte, wie sie oben in den Punkten 1. bis 4. die Eltern fordern. Bildung schafft dagegen Wissen, wie es die Eltern an 5. Stelle verlangen. Es gibt hochgebildete Terroristen – von der Roten Armeefraktion bis zur Terrorgruppe IS (Islamischer Staat). Bildung allein ist zu wenig. Erziehung ist das erste Recht und die oberste Pflicht der Eltern (Art. 6 GG). Sie müssen endlich in die schulische Erziehung einbezogen und dadurch in die Pflicht genommen werden.

Dann müssen wir Bildung von Wissenschaft unterscheiden. Beide vermitteln Wissen, aber mit unterschiedlichen Zielen. Bildung soll den jungen Menschen, aber auch noch den Erwachsenen helfen, die Welt zu verstehen, sich im Leben zu orientieren. Dazu sind Überblicke und Zusammenhänge wichtig. Wissenschaft will dagegen bis zu den Einzelheiten vordringen und durch Forschung zu neuen Erkenntnissen vorstoßen. Schule ist eine Bildungseinrichtung, kein Forschungsinstitut. Bildung zu vermitteln, ist schwerer als Einzelheiten vorzutragen und in Tests abzuprüfen.

Was erwarten wir von der Schule der Zukunft?

Oberstes strategisches Ziel jeder Gemeinschaft, ja Organisation ist, das langfristige Überleben zu sichern. Das ist für einen Staat zu allererst die Geburtenrate. Als Beitrag der heutigen Schulen dazu ist zu fordern, dass sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Deshalb brauchen wir leistungsfähige und bedarfsgerechte Ganztagsschulen.

Immer noch ein strategisches, aber darunter angesiedeltes Ziel ist, die jungen Menschen in die Erwachsenen- und Erwerbswelt einzugliedern, und zwar in den Mittelstand über die „Mittlere Reife für alle“.

Die unterschiedlichen Begabungen und Neigungen unserer Jugend führen uns zu den benötigten Schulangeboten. Wir brauchen Schulen für die praktisch und für die theoretisch Begabten. Alle sollen sich entfalten können. Das führt zu Technischen und Naturwissenschaftlichen sowie Wirtschaftlichen und Sprachlichen Mittelschulen. Die Technischen und Kaufmännischen Gymnasien brauchen einen Unterbau. Auch an Berufsoberschulen muss das Abi abgelegt werden können. Wir brauchen einen „dualen Weg“ bis zum Hochschulabschluss.

Wir lernen fürs Leben, nicht für die Schule. Was ist dafür unverzichtbar, was nett und schön, wenn es die Jugendlichen können? Das führt zur Unterscheidung von Kernfächern und Bildungsfächern. Kernfächer sind Deutsch, Mathe und Englisch. Sie muss jeder auf einem praxis- und prüfungstauglichen Niveau beherrschen. Das ist am Ende jeder Schulstufe durch zentrale Abschlussprüfungen festzustellen: Grundschulabschluss (ohne Englisch), mittlere Reife, Abitur. Kernfächer sind Lernfächer, jeder Schüler muss den Stoff lernen.

Die übrigen Fächer sind Bildungsfächer. Wir können sie auch Lehrfächer nennen, weil die Lehrer gefordert sind, den Stoff am besten ohne Noten im Wege des „natürlichen Lernens“ zu vermitteln. Hier sollen bei den Jugendlichen Wissendurst und Erfolgslust, Begeisterung und Forscherdrang reifen. Jeder kann etwas, oft steht das nicht im Lehrplan. Die Gemeinschafts-, Gesamt- oder Einheitsschulen werden vielen Begabungen nicht gerecht, sie sind für viele viel zu theorielastig.

Die Erziehung ist ohne Einbeziehung der Eltern nicht zu schaffen. Das zeigt jede nähere Beschäftigung mit der Jugendhilfe in Jugendämtern. Das zeigen auch die Erfahrungen in Finnland. Dazu müssen unsere heutigen staatlichen Obrigkeitsschulen zu Bürgerschulen werden.

Den beratenden Elternbeirat muss ein neuer örtlicher Schulrat ersetzen. Er muss ein echtes Entscheidungsorgan wie ein Gemeinderat oder Kreistag sein. Darin müssen zu einem Drittel Eltern (Erziehungsberechtigte), Lehrer (Fachkräfte) und Gemeinderäte (verantwortlich für die Gemeindepolitik und die Finanzen) sitzen.

Dazu brauchen die Schulen endlich das Selbstverwaltungsrecht, wie es Gemeinden und Landkreise besitzen. Seit Jahrzehnten gibt es dazu Diskussionen und Versprechungen. Umgesetzt wurde nichts Wesentliches. Die Schulpflegschaften in NRW sind Mogelpackungen. Die Bürger im Bürgerstaat sollten sich an fortschrittlichen Beispielen in den Niederlanden oder Dänemark orientieren. Dann werden nur die Ziele (z. B. Niveau der Abschlussprüfungen in den Kernfächern) festgelegt, den Weg zu den Zielen wählen die Schulen durch ihre örtlichen Schulräte mit Drittelparität selbst. Dazu muss die Schulträgerschaft ganz den Kommunen (Gemeinden, Kreise) übertragen werden. Nicht nur wie heute für Gebäude, Hausmeister und Sekretärinnen (sachliche Schulträgerschaft), sondern auch für die pädagogische Schulträgerschaft einschließlich Einstellung der Lehrkräfte müssen sie zuständig sein. (Dass das geht, zeigen die Krankenhäuser. Dort sind auch die Kommunen voll verantwortlich, bis zur Einstellung der Chefärzte.)

Lehrpläne sind dann Empfehlungen, keine Rechtsvorschriften. Wie Sexualkunde oder der Stoff der Kulturfächer vermittelt wird, entscheiden dann die Betroffenen vor Ort im örtlichen Schulrat. Warum sollen die Parteipolitiker im Landtag und die Beamten im Kultusministerium alles besser wissen? Sie dürfen so viel empfehlen, wie sie wollen, entschieden wird durch die Betroffenen. Schließlich heißt es im Grundgesetz: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ (Artikel 6 Absatz II Grundgesetz) Ziele und Grundsätze festzulegen, nicht Einzelheiten und ideologische Wahrheiten vorzuschreiben, ist der Auftrag des staatliche Wächteramts. Im Bürgerstaat kann darum durch Wahlen und Abstimmungen gerungen werden. Denn alle Staatsgewalt geht vom Volk aus, nicht von Parteizentralen oder Parteitagen.

Wenn diese Reform gelungen ist, dann wurde aus der staatlichen Obrigkeitsschule endlich die Bürgerschule. Nicht mehr nur die, die es sich leisten können, Privatschulen zu gründen, alle Bürger haben in Selbstverwaltung „ihre“ Schulen.

Lesestoff: Gerhard Pfreundschuh, Die Mittelschule, Reform der Sekundarstufe I, Heidelberg 2015

14. Pornografie als Leitperspektive im Bildungsplan

Kulturkampf im Südwesten

Seit Beginn des Jahres 2014 herrscht in Baden-Württemberg Kulturkampf-Stimmung. Die grün-rote Regierung hatte Leitperspektiven zum Bildungsplan veröffentlicht, der ab 2016 gelten soll. Dagegen richteten sich eine Online-Petition mit rund 200.000 Unterschützern, eine Unterschriften-Aktion mit 100.000 Unterzeichnern. Die Gegenpetitionen kamen auf ähnliche Werte. Es gab Demonstrationen dafür und dagegen.

Im Oktober 2014 ging der „Streit um den Bildungsplan in eine neue Runde“ (Die Welt): „Lehrer warnen vor Pornografisierung der Schule“ Der Philologenverband und sein Verbandschef Bernd Saur sprachen unter der Überschrift „Schamlos im Klassenzimmer“ von „nicht vertretbaren Übergriffen durch entfesselte, offensichtlich komplett enttabuisierte Sexualpädagogen“. Es sei unsäglich, „was Gender-Sexualpädagogen, neoemanzipierte Sexualforscher und andere postmoderne Entgrenzer“ in den Unterricht integrieren wollten: „Themen wie Spermaschlucken, Dirty Talking, Oral- und Analverkehr und sonstige Sexualpraktiken inklusive Gruppensex-Konstellationen, Lieblingsstellungen oder die wichtige Frage: ‚Wie betreibt man einen Puff‘ sollen im Klassenzimmer diskutiert werden.“ [Die Welt vom 21.10.2014]

Die Grünen und die SPD sehen das anders; die CDU schweigt. Ministerpräsident Kretschmann: „Wenn Ausdrücke wie ‚schwule Sau‘ zu den beliebtesten Schimpfwörtern auf Schulhöfen gehören, dann ist da Handlungsbedarf da.“ Deshalb sei es richtig, die Themen Pluralität und Toleranz im Unterricht angemessen zu verankern. [Die Welt vom 30.01.2014]

Nach Presseberichten wird vermutet, dass die Landesregierung wenige Tage vor der Landtagswahl (13.03.2016) den Bildungsplan heimlich in Kraft setzen will. Die Leitperspektiven wurden vom Internet-Portal des Bildungsministeriums genommen.

Unser Gehirn: Triebe und Triebbewältigung

(1.) Worum geht es? Was ist Pornografie? (2.) Wo steht das, was der Philologenverband behauptet?

„Porno“ kommt vom griechischen Wort „pornos“, und das heißt der „Hurenbock“. Pornografie ist die Beschreibung der Hurerei (graphein = beschreiben). Das ist Sexualität ohne jede seelische und menschliche Beziehung. Bei der Unterscheidung von Porno und Eros, Liebe und Leidenschaft hilft uns die moderne Hirnforschung weiter. Schon im letzten Blog-Bericht wurde das folgende Schaubild gezeigt. „Danach besitzt der Mensch drei miteinander verbundene Einzel-Gehirne von unterschiedlichem Aufbau und eigener Funktionszuständigkeit, die aus den verschiedenen Epochen seiner evolutionären Vergangenheit stammen.“ [Hans Günter Gassen, Das Gehirn, Darmstadt 2008, S.39]

Der reine Geschlechtstrieb steckt im Reptilhirn. Oft wird auch von körperlicher Liebe gesprochen. Er ist das, was die Pornografie beschreibt. Untersuchungen bei Reptilien oder Kriechtieren, wie sie auch heißen, zeigen deutlich: hier geht es nur um Beißen, Sex und Fressen.

Davon unterschieden wird die seelische Liebe, die im Limbischen System beheimatet ist. Denn das ist der Sitz von Gefühlen und Emotionen, Zu- und Abneigung, von Mitgefühl und Innigkeit, wie wir schon bei entsprechend höher entwickelten Tieren beobachten können. Ein passender deutscher Ausdruck ist „Minne“. Wir kennen den Begriff von den Minnesängern. Sie bezeichneten damit die höchst gefühlvolle und ritterliche Verehrung einer Frau (vgl. „Große Heidelberger Liederhandschrift"). Frauen und Männer spüren im täglichen Leben oft die gegenseitige Anziehungskraft, ohne dass die Sexualität ins Spiel kommt oder kommen kann. Früher hatte auch das Wort Erotik diesen Anklang. Doch seit die Sex-Messen sich Erotik-Messen nennen, ist die Begriffsverwirrung perfekt.

Nun fehlt noch die geistige Liebe in der Großhirnrinde. Unsere klassischen Dichter wie Goethe und Schiller hielten sie für unverzichtbar bei einer echte Liebesverbindung. Dabei musste nicht immer eine körperliche Beziehung bestehen, stark war aber die geistige und seelische Verbundenheit. Bei der geistigen Liebe wird auch von uneigennütziger und schenkender Liebe gesprochen. Diese wird in der christlichen Tradition „Agape“, zu Deutsch „göttliche Liebe“ genannt. „Geben macht seliger denn Nehmen“, heißt es im Volksmund. Wer nur nimmt und nichts gibt, kriecht und grabscht nur auf der Ebene des Reptilhirns.

Klassisches und bis heute weithin gültiges Ideal ist die vollendete Einheit und Harmonie von geistiger, seelischer und körperlicher Liebe. Auch die damit verbunden Tugenden wie Offenheit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit sowie Bindung und Treue sind nicht eindeutig einem Gehirnteil zuzuordnen; bei Reptilien sind sie aber noch nicht feststellbar.

Ehe und Familie brauchen alle drei Bereiche, wenn die Lebensgemeinschaft gelingen soll.

Bemerkenswertes und Erstaunliches haben dazu schon die alten griechischen Philosophen gesagt. Platon lieferte ein Modell, das wir als Vorläufer moderner Erkenntnisse zur Gehirnforschung ansehen können. [so auch Gassen, Gehirn, a.a.O., S. 19]. Danach hat der Mensch drei Seelen. Im Kopf sitzt der Verstand, die „geistige Seele“ (Erkenntnis der Wahrheit); nur sie ist unsterblich, göttlich. Beim Herzen wohnt die „Seele der Gefühle“ (Eifer, Ruhm, Tapferkeit); im Bauch wirkt die „Seele der Begierden“. Dabei haben Verstand und Weisheit dafür zu sorgen, dass die Gefühle und Triebe uns nicht überwältigen oder gar zerstören. Auch für Platon ist die Harmonie der drei Seelen das Ideal. [Anthony Kenny, Geschichte der abendländischen Philosophie, Band I Antike, Darmstadt 2016, S. 249 ff]

Seit Jahrtausenden ist es ein großes Anliegen der Philosophen, aber auch jeder Erziehung: Die Vernunft muss die animalischen Gelüste in uns steuern. Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer hat dazu das Buch „Heißer Frieden – Über Gewalt, Macht und das Geheimnis der Zivilisation“ (Köln 1995) geschrieben. Ein Grundgedanke durchzieht das Werk: Der Firnis der Zivilisation ist sehr dünn.

Außerdem stellt Antje Vollmer treffend fest:

„So kompliziert und arbeitsteilig moderne Staaten auch aufgebaut sind – sie haben im Kern immer mit den Urproblemen der Menschheit zu tun, die sich im wesentlichen auf drei Grundaufgaben reduzieren lassen: 1. Sicherung der Ernährung und Generationenfolge, 2. Verteidigung in Bedrohungssituationen, 3. Herausbildung von Normen für das gemeinsame Verhalten und deren verbindliche Durchsetzung. Mißlingt die Bewältigung auch nur einer dieser Bereiche, gerät jedes Gemeinwesen in ein erhebliche Legitimationskrise.“ [Antje Vollmer, Heißer Friede, a.a.O., S. 45]

Wir stecken heute in allen drei Bereichen in der Krise. Hier geht es um die Generationenfolge und damit um die Stärkung der Familie. Die heutige Sexualerziehung ist familienfeindlich, wie nun gezeigt werden kann.

Entbindung und Entwurzelung durch Gender

Was sind nun „Gender“ oder „Gender-Sexualpädagogen“? Dieses englische Wort hat die lateinische Wurzel „genus“, was auch schlicht „Geschlecht“ bedeutet. Der Ausdruck wird seit den 1970er Jahren für Geschlecht im sozialen und kulturgeprägten Sinn verwandt. Wir können von „Geschlechterrolle“ sprechen. Hier wäre nun im Unterricht der Platz für die Vorstellung der Familie als bevorzugte und gewünschte Lebensgemeinschaft. Doch das sucht man vergebens in den „Leitperspektiven“ (S. 9 – 11). Es fehlen alle über dem Reptilhirn angesiedelten Aspekte menschlicher Bindung und Liebe.

Genau das suchen aber die Jugendlichen. Das zeigen seit Jahrzehnten die Shell Jugendstudien. Die Familie hat den höchsten Stellenwert:

Die Familie hat für Jugendliche weiterhin einen hohen Stellenwert. Hier findet eine große Mehrheit von ihnen den nötigen Rückhalt auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Mehr als 90 Prozent der Buben und Mädchen pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast drei Viertel möchten ein gutes Familienleben führen und würden ihre Kinder ungefähr so oder genauso erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Dieser Wert hat seit 2002 stetig zugenommen. [so Studie 2010, ähnlich 2015]

Doch die Entwicklung der Sexualpädagogik ging in eine andere Richtung. Seit den 1980er Jahren hat sich eine feministische Sozial- und Sexualwissenschaft entwickelt, die sich Schritt für Schritt immer mehr mit den Ausnahmen und Besonderheiten wie Homosexualität und Transsexualität, Porno und Sadomasochismus beschäftigt. Als wissenschaftliche Forschung mag das noch einen Sinn haben, als Bildungsinhalt nicht. Früher griff hier der Jugendschutz ein, um keine Enthemmungen oder falsche Weichenstellungen bei den Jugendlichen fürs Leben einzuleiten. Denn die Triebe im Reptilhirn anzusprechen, ist leicht. Die Werte und Gefühle in den höheren Gehirngegenden zu wecken und zu festigen, ist die herausfordernde Aufgabe der Erziehung. Bei der Sexualerziehung geht es heute vor allem um Sex, also die Abläufe und Sonderbarkeiten im Reptilhirn.

Seit den 1970er Jahren wurde die Verwissenschaftlichung ab der Grundschule gefordert und eingeführt (Bildungsrat 1970). Seither wollen all diese Fachprofessoren, die von den 1968er noch als „Fachidioten“ beschimpft wurden, ihr Spezialwissen ungefiltert an den Schulen verbreiten. Zu kurz kommen dabei die „normalen“ Geschlechterrollen und insbesondere die Familie. Vor lauter Ausnahmen werden die tragfähigen Regeln vergessen. Vom Umfang des vermittelten Stoffes wird die Darstellung der Minderheiten zum Alleinspiel. Das wollen die meisten Eltern nicht.

Hinzu kommt als besonderer Missstand, dass in linker und marxistischer Denktradition die „normale Familie“ letztlich abgelehnt und als überholt dargestellt wird. Denn schon nach Marx, Lenin, Mao und den Neomarxisten ist die Familie ein bürgerliches Überbleibsel des Kapitalismus, das aufgelöst werden muss. Mao z.B. fordert den ‚Sturz der Sippengewalt‘, auch der religiösen und politischen Gewalt [S. 226, 293], um die Menschen sofort der neuen kommunistischen Gewalt zu unterwerfen, die „aus den Gewehrläufen kommt" [S. 256]. [Stuart R. Schram, Das Mao-System, Die Schriften vom Moa Tse-tung. Analyse und Entwicklung, München 1972, S. 226, 256, 293 mit Originaltexten] Die Doppelstrategie lautet: Befreiung von allen alten Bindungen und anlegen neuer Fesseln.

Pornografie als Unterrichtsinhalt

Daher stammt auch die ursprüngliche Forderung der Grünen, alles Sexualstrafrecht einschließlich des Kindesmissbrauchs abzuschaffen. Die skandalösen Zustände an der Odenwaldschule, die zur Schließung dieser hochgelobten Reformschule führten, zeigen die Auswirkungen bis in den Schulalltag. Die von der grün-roten Landesregierung verfolgte Sexualpädagogik steht weithin in dieser neomarxistischen, familienfeindlichen Tradition. „Enttabuisierung“ nennen sie das.

Das zeigt auch eine Veröffentlichung der von unserer schwarz-roten Regierung getragenen „Bundeszentrale für politische Bildung“. Sie gibt den „Fluter“ heraus. Er ist für Erzieher und Jugendliche gedacht. Die Ausgabe Winter 2015 /16 behandelt das „Thema Geschlechter“. Schon im Vorwort, im „Editorial“, wird das Ziel des Heftes klar ausgesprochen. Die Familie und die noch immer in der Gesellschaft geltenden Ansichten über die Geschlechter sollen nicht nur hinterfragt werden. Das Heft zeigt deutlich, dass sie abgelehnt werden. Es geht um eine pädagogische, besser gesagt volkspädagogische Umerziehung. „Die vermeintlich natürliche Ordnung der Geschlechter ist von Menschen gemacht“, heißt es dort. Nun soll die obrigkeitliche Schule lehren, wie es andres und richtig ist. So zeigt gleich das erste Bild ein Paar, bei dem Mann und Frau die Kleidung gewechselt haben.

Weiter wird kritisiert: „Zudem wurde Geschlecht immer wieder hetreonormativ gedacht: Homosexuelle und Transgender waren von der Gesellschaft ignoriert und ausgeschlossen.“ Bis auf eine Seite beschäftigt sich das Heft mit solchen Besonderheiten. Nur auf Seite 29 werden unter einem „schrägen“ Bild knapp 10 Zeilen der Familie gewidmet. Alles davor und danach betrifft „Männer, die auch weiblich sein dürfen, Frauen, die auf eine Quote drängen, und Menschen, die weder Frau noch Mann sein wollen. Die Diskussion über das Verhältnis der Geschlechter nimmt Fahrt auf.“ Die Schule und eine von oben verordnete Erziehung sollen als Beschleuniger wirken.

Hier geht es nicht mehr um Wissen über biologische Zusammenhänge, sondern um Werte bei der Erziehung. Denn genau das bedeutet ja „Gender“. Das zeigen auch unmissverständlich die „Leitperspektiven“ zum baden-württembergischen Bildungsplan. Bildung soll nach unserer Ansicht den jungen Menschen helfen, sich in ihrer Umwelt zu orientieren und ihr Leben erfolgreich zu gestalten. Das bedeutet, dass Überblick und Zusammenhänge aufzuzeigen sind. Doch die Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ vermittelt Orientierungslosigkeit pur. Nicht die eigene Kultur und ihre Werte sind Erziehungsinhalt. Es gilt zu beschreiben, zu recherchieren und zu präsentieren „unterschiedliche Kulturen, Nationalitäten, Ethnien, Religionen und Weltanschauungen, Lebensformen, sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität“ usw.

Auch die „möglichen Inhalte“ der Leitperspektiven in „allen Fächern“ beginnen sofort damit. Gleich der zweite Absatz kommt zur Sache: „Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle und Transgender, Intersexuelle“ sollen quer durch alle Fächer als „Leitperspektive“ unterrichtet werden. Das soll in die Köpfe der jungen Menschen eingetrichtert, infiltriert werden. Das ist dann „normal“. „Maß und Mitte“, uralte Tugenden, sind abgeschafft.

Der Philologenverband hat Recht

Die pikanten Einzelheiten stehen dann in den dazu gehörigen Unterrichtsmaterialien. Damit sind wir zu den harten Vorwürfen des Philologenverbandes vorgedrungen. Neben anderen schließt sich in Spiegel-online Jan Fleischhauer der Kritik an. Wir zitieren aus „Sexualpädagogik der Vielfalt – Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit“, herausgegeben von Elisabeth Tuider, Mario Müller, Stefan Timmermanns, Petra Bruns-Bachmann, Carola Koppermann, Beltz Juventa Verlag, Weinheim 2012, S. 124 ff .

Für die „Altersstufe ab 14 Jahren, bei Bedarf früher“ gibt es da einen „Fragebogen zur Methode „Voll Porno

„Frage 5. Ist der Besitz von Pornos mit Tieren strafbar? a. Ja b. Nein c. Das kommt auf die Tiere an.

Der Fettdruck zeigt, welche Antwort richtig sein soll.

Frage 8. Guter Sex hat immer die Reihenfolge: 1. Oralverkehr, 2. Vaginalverkehr, 3. Analverkehr und Samenerguss. Oder? a. Das ist schon in Ordnung so, denn dann weiß man, was als Nächstes auf einen zukommt. b. Das ist Quatsch. Die beteiligten Personen entscheiden, wie sie den Sex gestalten wollen. c. Die genannte Reihenfolge ist die beste, denn dabei ist die Frau vor einer Scheideninfektion durch Darmbakterien geschützt.“

Frage 15. Was ist gang-bang? a. Alle treiben es wild durcheinander. b. Eine Person hat ohne Pause nacheinander mit vielen bereits wartenden Männern Sex. c. Sex mit vorbestraften Gang-Mitgliedern.“

Ersparen wir uns weitere, abstoßende Einzelheiten und Verletzungen der Menschenwürde. Alles ist erlaubt, alles ist richtig, wer nicht alles für erlaubt und richtig hält, begeht Diskriminierung – und gehört zu den „neuen Bösen“!

Können sich die Eltern wehren?

Damit sind die Artikel 6 und 7 des Grundgesetzes einschlägig. Die Erziehung der Kinder ist zuvörderst das Recht der Eltern (Artikel 6). Der Staat hat ein Wächteramt im Sinne des Kindswohls und einen Bildungsauftrag (Artikel 7). Dazu wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder das Bundesverfassungsgericht angerufen. Es unterscheidet auch zwischen der Vermittlung von Wissen (Bildung) und Werten (Erziehung) in der Sexualaufklärung. Dazu stellt es fest, „daß die Schule sich nicht anmaßen darf, die Kinder in allem und jedem unterrichten zu wollen, weil sie sonst möglicherweise den Gesamterziehungsplan der Eltern unterlaufen würde. Der Staat ist verpflichtet, in der Schule die Verantwortung der Eltern für den Gesamtplan der Erziehung ihrer Kinder zu achten.“

„Bei der rechtlichen Beurteilung … muß davon ausgegangen werden, daß der Sexualerziehung grundsätzlich eine größere Affinität zum elterlichen Bereich als zum schulischen Sektor zukommt. a) Soweit es sich allerdings nur um die von Wertungen freie Mitteilung von Fakten in dem oben umschriebenen Sinne handelt, geschehen diese Belehrungen im Rahmen des staatlichen Bildungsauftrages; denn es geht hier um bloße Wissensvermittlung, also eine Aufgabe, die typischerweise der Schule zukommt … b) Die „eigentliche Sexualerziehung“ dagegen „muß daher in größtmöglicher Abstimmung zwischen Eltern und Schule geplant und durchgeführt werden.“ [BVerfGE 47, 46]

Das Bundesverfassungsgericht sieht den Staat aber nicht als Bürgerstaat, d.h. als Selbstorganisation der Bürger, sondern betont in seinen Entscheidungen die hoheitliche Überordnung im Sinne eines herkömmlichen Obrigkeitsstaats. Das (von den Parteien besetzte) Gericht gibt den Eltern kein Mitbestimmungsrecht und ließ in seiner Rechtsprechung im Laufe der Jahre den Staat immer weiter in den Erziehungsbereich eindringen, was auch kritisiert wurde. Allerdings haben die Eltern das Recht, Privatschulen zu gründen und dort weitgehend ihre Erziehungsvorstellungen umzusetzen (Art. 7 IV, V GG).

Im Übrigen ist es dem Gesetzgeber nicht verboten, den Eltern mehr Mitwirkungsrechte in der schulischen Erziehung einzuräumen. Das wäre dann der Schritt von der staatlich-obrigkeitlichen Schule zur Bürgerschule, was vom Grundgesetz weder geboten noch verboten ist. Der Bürgerstaat und die Bürgerschule, gehen genau diesen Weg.

In den nächsten drei Blog-Berichten wollen wir Grundprinzipien der Demokratie und des Rechtsstaats anschauen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Nächster Blog-Bericht: Was ist Gleicheit im Bürgerstaat?

13. Bürgerstaat: Werte und Wertewandel

Werte sorgen für das friedliche Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft. Die Ereignisse der Silvesternacht 2015 / 2016 haben die Bedeutung von Werten als allgemeine Verhaltensregeln wieder bewusst gemacht. Überhaupt hat die Auseinandersetzung mit dem Islam und anderen Kulturen die Frage nach europäischen Werten entfacht.

Gerade der Bürgerstaat, der von unten statt von oben seine Ziele, Gesetze und Lebensformen entwickelt, braucht gemeinsame Werte und Überzeugungen. Denn es wird nicht wie in einem Zwangs- oder Obrigkeitsstaat von Kommissaren kommandiert, was richtig oder falsch ist. Es ist auch nicht eine selbsternannte Elite oder politischen Klasse, die der Herde vorgibt, was zu glauben und zu tun ist. Die mündigen Bürger sprengen die ideologischen Raster, „denn letztlich geht es um etwas sehr einfaches: dass freie Individuen frei entscheiden können, was das Beste für sie ist“. [Wolfgang Koydl, Die Besserkönner, Zürich 2014, S. 14] Die Zeit und unsere Bürger sind reif dafür.

Machen wir uns also Gedanken darüber, wie bei jedem von uns Werte entstehen. Fragen wir, ob sich Werte wandeln oder immer gleich und ewig gültig sind. Fragen wir auch, ob Werte zeit-, raum- und kulturabhängig sind. Kant und andere große Philosophen, die Religionen und Ideologie samt ihren Gläubigen behaupten bis heute, dass es nur eine Wahrheit und Wertordnung gäbe, und zwar die jeweils eigene.

Die heutige Hirnforschung erklärt uns, warum wir Menschen zu unterschiedlicher Wahrheit und Moral kommen.

Im 20. Jahrhundert haben unsere Kenntnisse über „den gestirnten Himmel über uns“ und „das Gesetz in uns“ (Kant) gewaltig zugenommen. So kann erklärt werden, wie und warum nicht nur die „reine oder die praktische Vernunft“, sondern auch Gefühle und Instinkte unsere jeweils ganz persönlichen Werte bestimmen. Wir haben nämlich drei miteinander verbundene Einzel-Gehirne. Sie stammen aus verschiedenen Zeiten unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung (biologischen Evolution). Ihre Aufgaben und ihr Aufbau sind unterschiedlich.

Das älteste und innerste ist das Reptilhirn, auch Stammhirn genannt. Wir haben es mit den Kriechtieren gemeinsam; und bei ihnen wurden auch Aufbau und Funktionsweise erforscht. Fressen, Beißen und der reine Geschlechtstrieb sitzen hier. Instinkte und Hormone, Reflexe und Erregungszustände steuern das Verhalten, und man kann damit überleben. Höhere Tiere und wir Menschen haben dann noch das Limbische System als zweites Gehirn dazubekommen. Gefühle und Mitgefühle, Zu- und Abneigungen, Freude, Trauer und Stimmungen gehen unbewusst, spontan von hier aus. Schon an unserem Hund werden wir vieles davon entdecken. Wir könnten hier von „Seele“ oder „Herzlichkeit“ sprechen, im Unterschied zum kühlen mathematischen Verstand. Damit sind wir beim letzten und nur uns Menschen eigenen Gehirnteil: der Großhirnrinde. Das Denken und bewusste Erleben, der Wille mit den willkürlichen Bewegungen und die Sprache machen uns zum „homo sapiens“, zum vernunftbegabten Menschen.

Doch mit der Vernunft ist es so eine Sache. Denn unserem Bewusstsein entzogen wirken die zwei anderen Gehirne auf das oberste ein – und umgekehrt. Da alles zusammenwirkt, ist nach heutigem Wissensstand eine scharfe Trennung nicht möglich (z.B. Neugiertrieb). Einzelne Krankheiten werden jedoch ganz oder überwiegend einem der Gehirne zugeordnet (z.B. Autismus dem Limbischen System). Das obige Bild zeigt stark vereinfacht das Modell nach Paul McLean. [anschaulich und reich bebildert: Hans Günter Gassen, Das Gehirn, Darmstadt 2008; gut auch: Karl Popper und John Eccels, Das Ich und sein Gehirn, München 1987]

Werte sind Überzeugungen, die ins Limbische System abgesunken und so gefühlsmäßig aufgeladen sind. Das hat die Volksweisheit erkannt: „So können die Irrtümer des Geistes zu leidenschaftlichen Angelegenheiten des Herzens werden.“ Alles, was wir gut können, was uns in Fleisch und Blut eingegangen ist, läuft selbsttätig, unbewusst ab. Auto- und Skifahren erlernen wir bewusst und mit geistiger Anstrengung. Doch beim Könner läuft es sozusagen automatisch ab. Das gilt sogar für höchste Denkarbeit. In manchen Bereichen können wir blitzschnell reagieren, uns ist sofort klar, was für uns falsch oder richtig ist; wir wissen sofort, was wir tun oder lassen müssen. Das ist dann das Zusammenspiel von Großhirnrinde und Limbischem System.

Auch das Reptilhirn wirkt mit. Es gibt Menschen, die sind weniger, andere stärker Trieb gesteuert. Hypersexuell sind manche, der Volksmund nennt sie „notgeil“. Andere können ihre Treibe besser beherrschen. Das gilt für alle Triebe, die zur Sucht werden können. (Wir gebrauchen hier umgangssprachlich Trieb und Instinkt gleichbedeutend.)

Immanuel Kant hält Gefühle für sehr wertvoll, doch bei sittlichen Entscheidungen geht für ihn die Vernunft immer vor. Das gilt erst Recht für Triebe, wenn sie mit der Vernunft in Widerspruch geraten. „Wenn wir die Herzen öffnen, dürfen wir den Verstand nicht verlieren.“ [nach Garri Kasparow, Schachweltmeister, Vorsitzender der Human Rights Foundation, im Handeksblatt 08.12.2015] Das gilt gerade für die Politik in diesen Tagen.

Unser Bewusstsein und unsere Werte sind geprägt von natürlichen und kulturellen Umwelterfahrungen, von Erziehung und Bildung, von Vererbung und Begabung – von den Ergebnissen des Zusammenspiels unserer drei Gehirne. Das alles wirkt bei jedem Menschen auf eine ganz eigene und persönliche Art zusammen. Wer in einer Oase in der Sahara aufgewachsen ist und dort erzogen wurde, denkt und fühlt anders als ein Inder aus Bombay oder ein Japaner aus Tokio.

„Soziale Bindung“ ist die Zugehörigkeit eines Menschen zu „seiner“ Gemeinschaft und ihren Werten. Soziale Bindungen üben immer über die jeweilige Gemeinschaft oder Gesellschaft eine soziale Kontrolle aus. Es wird zwischen Gut und Böse unterschieden. Darauf beruht auch unsere ganze Rechtsordnung. Nicht nur das Strafrecht mit seinen Verurteilungen, auch das Bürgerliche Recht mit dem Ersatz für vorsätzliche oder fahrlässige Schädigungen.

Damit sind wir mitten in einem Glaubensstreit der Gehirnforscher. Gut oder böse kann ein Mensch nur handeln, wenn er einen freien Willen hat, wenn es aus Verantwortung und Überzeugung das Gute tun und das Böse unterlassen kann. Ein sehr anerkannter heutiger Gehirnforscher ist Wolf Singer. Er sagte in einem Vortrag am 22.09.2011 in Heidelberg, dass die Forschung das Meiste über unser Hirn, etwa 90 %, noch nicht wisse. Trotzdem zog er weitreichende Schlüsse: „Der Mensch hat keinen freien Willen.“

Der oben erwähnte und ebenso anerkannte Forscher Hans Günter Gassen, Karl Popper, John Eccles u.a. sehen das anders. Sie vermuten einen freien Willen, obwohl er derzeit durch die Hirnforschung weder bestätigt noch widerlegt werden kann. Popper und Eccles gehen davon aus, dass das „Ich“ in Form eines freien Willen unser Hirn und Verhalten steuert. Eccles, auch ein angesehener Hirnforscher, spricht vom Liaison-Hirn, wo der Geist oder das „bewusste Ich“, auf die linke Hirnhälfte einwirkt. [Karl Popper und John Eccles, Das Ich und sein Gehirn, München 1987, Abb. S. 450; aufschlussreich auch Kapitel P3: Kritik am Materialismus] Singer kannte Eccles gut und meinte in der Diskussion beim o.g. Vortrag: „Das haben wir schon ausführlich mit Eccles erörtert. Aber wir haben das „Liaison-Hirn“ nicht gefunden.“ Könnte sich ja bei den unbekannten 90 % befinden! Hans Günter Gassen gibt uns eine gute Darstellung „Der freie Wille“ und über den Stand des heutigen Wissenschaftsstreits in seinem Buch. Er schließt das Kapitel mit einem Kollegen-Zitat: „Ignorabimus – wir werden es nie wissen.“ [Hans Günter Gassen, Das Gehirn, a.a.O., S. 143] – Doch unser ganzes Rechtsystem setzt einen freien Willen voraus. Andernfalls gäbe es keine Verantwortung. Niemand dürfte wegen seiner Straftaten verurteilt werden; er konnte ja nicht anders. Das Zusammenleben geriete aus den Fugen.

Manche Neomarxisten und Sozialpädagogen sehen heute keine Täter und Verbrecher mehr, sondern nur noch arme Kranke. Hans Magnus Enzensberger, selbst Neomarxist, hat das kritisiert und auf den Punkt gebracht: „Auf diese Weise wird das Verbrechen aus der Welt geschafft, weil es keine Täter mehr gibt, nur noch Klienten. Auch Höß und Mengele stünden damit als Opfer da, denen wir etwas schuldig wären, nämlich eine angemessene psychotherapeutische Behandlung auf Krankenschein. … Da alle andern für nichts etwas können, am allerwenigsten aber für sich selber, existieren sie als Personen nicht mehr, sondern nur noch als Objekte der Fürsorge.“ [Hans Magnus Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt / M. 1993, S. 38]

Wenden wir uns einem weiteren Kriegsschauplatz der Ideologien zu. Es ist der Kampf um unsere westlichen Werte und Menschenrechte. Sind sie ewig gültig und unabänderlich oder raum-, zeit- und kulturabhängig? Es ist die Frage nach dem Wertewandel. Nach allem, was wir bisher gesagt haben, ist der Wertewandel normal, der Werteverlust aber eine Katastrophe. Die Geschichte bestätigt das. Auch bei uns in Europa gab und gibt es Wertewandel.

Wie unterschiedlich die Ergebnisse sein können, zeigt uns einer der größten abendländischen Denker, Aristoteles. Er hat sich ausführlich mit den „intellektuellen und moralischen Tugenden“ beschäftigt und kommt zum Ergebnis: Frauen sind von Natur aus minderwertiger als Männer, Sklaverei ist nicht unmoralisch, sondern naturbedingt. Doch es ist barbarisch, Frauen wie Sklaven zu behandeln. [Anthony Kenny, Geschichte der abendländischen Philosophie, Band I - Antike, Darmstadt 2016, S. 99 mit Nachweis der Fundstellen] Das verstößt abgrundtief gegen alle heutigen westlichen Werte und Menschenrechte. Bei der Darstellung der Lehre von Aristoteles wird das meist nicht erwähnt. [vgl. Abschnitt „Aristoteles“ in Michael Erler und Andreas Graeser, Philosophen des Altertums, Von der Frühzeit bis zu Klassik, Darmstadt 2000, S. 163 ff.] Es ist ein Beispiel für einen krassen Wertewandel.

Doch wir brauchen nicht soweit zurückzugehen. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich auch bei uns wichtige Werte nachhaltig verändert. Das zeigen frühe Entscheidungen des Bundesgerichtshofs (BGH) in Strafsachen. So wurden Eltern wegen Kuppelei bestraft, wenn sie Verlobte in ihrem Haus miteinander schlafen ließen. Das wurde so begründet: „Normen des Sittengesetzes gelten aus sich selbst heraus; ihre Verbindlichkeit beruht auf der vorgegebenen und hinzunehmenden Ordnung der Werte und der das menschliche Zusammenleben regierenden Sollenssätze … Ihr Inhalt kann sich nicht deswegen ändern, weil die Anschauungen über das, was gilt, wechseln.“ [BGH, Strafsachen, Großer Senat, Bd. 6, S. 52, 1954, Az.: GSSt 3/53] Homosexualität war damals strafbar. Das Gleiche galt für die „Tubenligatur“ [= Durchtrennung der Eileiter zur dauerhaften Empfängnisverhütung].

Mit allem, was wir bisher besprochen haben, beschäftigen sich mindestens zwei Wissenschaften. Das sind einmal seit den Anfängen der Geschichte die Philosophie und heute die Gehirnforschung. Philosophie heißt übersetzt: Liebe zur Weisheit. Es ist keine Wissenschaft nach heutigem Verständnis. Das Gleiche gilt weithin für die Theologie, selbst für die Werte und unsere Lebensweisheit. Denn philosophische Aussagen lassen sich i.d.R. im Versuch, im Experiment weder widerlegen noch nachweisen. Wenn aber naturwissenschaftliche Forschung philosophische Erkenntnisse belegt oder widerlegt, dann scheidet dieser Bereich aus der Philosophie aus und wechselt zur Wissenschaft. Denken wir an die Hirnforschung oder an die Wissenschaft vom Weltall, die Kosmologie. Manche Vermutungen der griechischen Natur- und anderer Philosophen waren nach heutiger Wissenschaft richtig, andere falsch. [aber: Popper-Kriterium]

Das beschreibt gut der Oxforder Philosoph Anthony Kenny: „Obwohl die Philosophie keine Wissenschaft ist, stand sie im Laufe ihrer Geschichte in enger Beziehung zu den Wissenschaften. Viele Wissensgebiete, die in der Antike und im Mittelalter zur Philosophie gehörten, sind längst eigenständige Wissenschaften geworden.“ [Kenny, Geschichte der abendländischen Philosophie, a.a.O., Bd. I, S. 11] Es ist anzufügen, dass es die modernen Wissenschaften erst seit der Renaissance gibt. Sie sind eine Erfindung der europäischen Neuzeit. Ihre Folgen waren die moderneTechnik und die Industrialisierung.

Wir leben heute in einem wissenschaftsgläubigen Zeitalter. Doch fast zu jeder ernsten Frage gibt es heute zwei oder mehrere Antworten. (Die Frage nach dem freien Willen war ein Beispiel.) Hier stellen sich für den Bürgerstaat und sein Bildungssystem wichtige, grundlegende Fragen. Worin unterscheiden sich Wissenschaft und Bildung? Was hat die Erziehung, was die Bildung zu vermitteln? Wo sind die Grenzen staatlich-obrigkeitlicher Erziehung? Was bedeutet Bürgerschule?

Dazu wird im nächsten Blog-Bericht besprochen: Pornografie: eine Leitperspektive im Bildungsplan?

30. Der Mensch und KI

Wir setzen den letzten Blog-Bericht „29. Wozu brauchen wir KI?“ fort und stellen die Frage: Was kann nur ein Mensch und keine Maschine?

Dies beschäftigt die abendländische Philosophie seit Newton (1643 – 1727) und Locke (1632 – 1704) sowie Leibniz (1646 – 1716) und Kant (1724 – 1804). Im Ergebnis stehen sich zwei unterschiedliche Menschenbilder gegenüber. Sie beherrschen die Auseinandersetzung nicht nur um die KI, sondern auch die heutige Gehirnforschung und die Vorstellungen über den Ablauf der Wirtschaft und der Welt. Es geht um die Frage: hat der Mensch einen freien Willen oder sind er und die Welt naturgesetzlichen Abläufen unterworfen, die unbeeinflussbar sind?

Nach Erik Reinert, dem norwegischen Wirtschaftsprofessor an der Uni Tallinn (Estland), liegt der „elementarste Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Ökonomik in ihrer Sicht des menschlichen Verstandes“. „Für John Locke war dieser eine tabula rasa, mit der ein Mensch geboren wird und in die sich die Eindrücke im Laufe des Lebens passiv einprägen. Leibniz hingegen vertrat die Ansicht, der Mensch habe einen aktiven Verstand, der konstant seine Erfahrungen mit bestehenden Schemata vergleicht – ein edler wie auch keativer Geist.“ [Erik Reinert, Warum manche Länder reich und andere arm sind – Wie der Westen seine Geschichte ignoriert und deshalb seine Weltmacht verliert, Stuttgart 2014, S. 43]

Führende angelsächsische Philosophen gingen und gehen davon aus, dass der Mensch keinen freien Willen hat. Das setzt sich im heutigen Behaviorismus fort. Vereinfacht ausgedrückt ist danach unser Hirn wie ein Hohlspiegel, der die von außen einfallenden Eindrücke verarbeitet und danach unser Verhalten (behavior) ausrichtet. Wir können auch sagen, das Hirn ist wie eine Schallplatte, die nur das abspielen kann, was vorher eingeritzt wurde. Das Hirn arbeitet danach reaktiv, nicht aktiv. So kann man sich auch die KI vorstellen.

Folgerichtig ist dann, was schon David Hume (1711 – 1776) betont hat: Nicht nur unser Gehirn arbeitet ohne freien Willen wie eine Maschine, auch die Geschichte läuft ab wie ein Uhrwerk (Laplace). [Pierre Simon Laplace (1749 – 1827): ‚Das System der Welt’ (1796) und sein fünfbändiges Buch ‚Die Mechanik des Himmels’ (1799 – 1825).  –  Letzte Auflage: Cambridge University Press 2009] Dies war das herrschende Weltbild der Wissenschaftler im 19. Jahrhundert und fand Eingang in die Ideologie des Marxismus, wonach die Geschichte zwangsläufig dem eigentumslosen, kommunistischen Endparadies zueilt. Der Liberalismus sieht es ähnlich; das „Ende der Geschichte“ ist das „Eine-Welt-Dorf“ mit gleichen Werten und einer liberalen, kapitalistischen Weltwirtschaft. [Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir? München 1992 – Bestseller] – Das bezweifeln nun viele.

Dazu passt nahtlos die „unsichtbare Hand“ von Adam Smith (1723 – 1790), die ohne unseren Willen die Wirtschaft ins Optimum steuert.

Demgegenüber vertritt die deutsche Philosophie mit Leibniz (1646 – 1716) und Immanuel Kant (1724 – 1804) die Sicht eines aktiven Verstandes mit Verantwortung und freiem Willen. Aufklärung ist die Herausführung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit (Kant). Wir sollen eigenverantwortlich denken, handeln.

Gründlich und – aus meiner Sicht – sehr überzeugend haben Karl Popper (1902 – 1994) und John Eccles (1903 - 1997) den Behaviorismus kritisiert. [Das Ich und sein Gehirn, München / Zürich 1982, „18. Radikaler Materialismus oder radikaler Behaviorismus“, S. 88 ff – Popper war Philosoph, Eccles Neurologe.] Nach Popper und Eccles steuert das Ich mit seinem freien Willen unser Hirn. Wir tragen Verantwortung für unsere Entscheidungen, müssen Rechenschaft ablegen. Für vorsätzliches oder fahrlässiges Fehlverhalten werden wir bestraft. Darauf beruht unser ganzes Rechtssystem. KI-Maschinen oder Tiere können nicht vor Gericht gestellt werden.

Dieses unterschiedliche Menschenbild hat Auswirkungen in vielen Lebensbereichen. So ist bei Carl von Clausewitz der Krieg ein Aufeinandertreffen von gegensätzlichen „Willen“. Damit ist der Gegner nicht berechenbar. Er kann sich für uns unerwartet entscheiden und so die Schlacht gewinnen. Wir müssen spontan reagieren können.

Dieser unterschiedlichen Sicht des Menschen und seines Gehirns begegnen wir heute in der Hirnforschung und bei der künstlichen Intelligenz. Damit ist diese Frage kein philosophischer Gelehrtenstreit, sondern für die Wirtschaft und den Fortschritt höchst aktuell. Ein Teil der Hirnforscher geht vom freien Willen aus, ein anderer hält ihn für eine Einbildung. [Hans Günter Gassen, Das Gehirn, Darmstadt (WBG) 2008, „16. Der freie Wille“, S. 141 ff] Gassen glaubt an einen freien Willen, meint aber, die Frage sei derzeit und vielleicht nie „wissenschaftlich“ zu entscheiden. Dazu passt Karl Poppers „kritischer Rationalismus“, der davon ausgeht, dass wir nie eine wissenschaftliche Erkenntnis verifizieren, d.h. als „wahr“ beweisen, sondern nur durch neue Erkenntnisse widerlegen (falsifizieren) können. Er zeigte dies an den bahnbrechenden Umbrüchen des Weltbilds der Naturwissenschaftler.

Wer glaubt, dass unser Hirn nur eine bessere Maschine ohne freien Willen ist, der stellt letztlich die menschliche und die künstliche Intelligenz auf die gleiche Stufe. Womöglich wäre dann die KI dem Menschen ähnlich überlegen wie ein starker Motor unserer Muskelkraft.

Diese Fragen bewegen heute die Gemüter der Fachwelt. „Maschinen lernen, aber sie denken nicht“, wie Sabine Bendiek, Vorsitzende von Microsoft Deutschland, gerade für die „KI“ [Künstliche Intelligenz] erklärt: ‚Diese Intelligenz unterscheidet sich ganz fundamental von der menschlichen Intelligenz. Maschinen denken nicht. Sie sind einfach in der Lage, aus großen Datenmengen Muster zu erkennen, Rückschlüsse zu ziehen und so zu lernen. Maschinen können lernen, aber ohne zu denken. … Entscheidend ist: Die Menschen müssen wissen, was die Maschinen tun, wie sie es tun und wie wir sie trainieren.“ [Interview in: VDI nachrichten, 21. 04. 2017 (VDI = Verein Deutscher Ingenieure)]

Das wollen wir uns an dem Beispiel der „klugen Ladenkasse“ aus dem letzten Blog-Bericht veranschaulichen. Ein Zauberwort ist dabei heute das „Internet der Dinge“ („Internet of Things“). Dabei verständigen sich übers Internet nicht Menschen, sondern „intelligente Geräte“ (= Dinge), also Maschinen mit KI.

So arbeiten z.B. im „Internet der Dinge“ die „kluge Ladenkasse“ oder der „kluge Kühlschrank“, indem sie entnommene Waren selbsttätig nachbestellen. Werden Transportwege und Beförderungszeiten aufgrund von Erfahrungswerten automatisch eingerechnet, dann lernen der „kluge Kühlschrank“ oder die „kluge Ladenkasse“. Es wird die „zeitgenaue Lieferung“ (Just in time) mit KI optimiert, d.h. es wird rechtzeitig bestellt. „Lernen“ heißt nach Karl Popper aufgrund von Erfahrung, sein Verhalten ändern. Ein solches Erfahrungs-Lernen kann KI. Das ist auch leicht vorstellbar. Diese Begriffsbestimmung von Lernen haben Popper und Eccles durch die Beobachtung von Lernvorgängen bei Katzenbabys gefunden. Das ist aber noch kein „menschliches Denken“, das weder Katzen noch KI beherrschen. [Karl Popper / John Eccles, Das Ich und sein Gehirn, München / Zürich 1982, z.B. S. 453 ff, ] Menschliches Denken kommt nach Popper und Eccles dadurch zustande, dass das „Ich“ oder der menschliche Wille das Hirn als Werkzeug benutzen, um z.B. selbst gewählte Ziele aktiv anzusteuern. Das „Ich“ arbeitet aktiv, kreativ und willkürlich, d.h. eben unberechenbar und nicht vorprogrammiert. – Das ist auch der Gegensatz zum animalischen Trieb oder Instinkt, der dem Tier keine andere Wahl lässt. Nur im Mittelalter soll es gelegentlich Gerichtsverfahren gegen Tiere gegeben haben.

Fügen wir an: Entscheiden heißt „handeln unter Unsicherheit“; das kann nur der Mensch. Und nicht alle entscheiden gleich. Es gibt Zauderer und Draufgänger. Nirgends ist der Wille so entscheidend wie bei Wettkämpfen, Wettbewerb und – letztlich – im Krieg. Die unsichtbare Hand, der vorbestimmte Weltenlauf, auf den wir in Ruhe warten können, sind zwar bequem, aber in diesem Geschehen brandgefährlich.

So drohen der Welt heute Gefahren durch Fehlverhalten, für das wir Menschen die Verantwortung tragen. Das sind Klima- und Umweltkatastrophen, Atomkriege und auch zerfallende Staaten, bei denen wir von „kultureller Umweltzerstörung“ sprechen. Das kann uns keine Maschine, keine KI abnehmen. Der Mensch ist seines Glückes Schmied. Stephan Hawkings, der große, kürzlich verstorbene Weltraumforscher, meinte, die Menschheit sei zu dumm, um langfristig zu überleben. Wir halten es mit Karl Valentin: „Vorhersagen sind schwierig, weil sie die Zukunft betreffen.“

29. Wozu brauchen wir KI?

Alle Welt redet heute von KI [= künstliche Intelligenz]. Sie soll neu entdeckt sein und über Großrechner bald die menschliche Intelligenz übertreffen. Alles soll sich damit ändern: unser Privatleben, die Wirtschaft, der Staat, kurz alle Bereiche der Gesellschaft. Die einen betrachten das als Segen, die anderen als Fluch. Wir werden uns dem Thema in drei Blog-Berichten nähern. Wozu brauchen wir KI? Der Mensch und die KI? Deutsche Wirtschaft und die KI? Wir dürfen die Orientierung nicht verlieren. Dazu müssen wir uns den Überblick verschaffen und die Zusammenhänge erkennen. Das hieß früher Allgemeinbildung (vgl. Erziehung und Bildung, Weisheit und Wissenschaft). Nur Orientierung überwindet Unsicherheit und Ängste. Der Mensch muss „Herr des Geschehens“ bleiben. Andernfalls ereilt uns das Unglück von Goethes „Zauberlehrling“. Das gilt gerade für die KI! Konfuzius wurde gefragt: „Meister, was müssen wir tun, um den Staat zu ordnen?“ Er antwortete: „Wir müssen die Begriffe klären.“ Fragen wir zuerst nach den Wortbedeutungen. Intelligenz ist ganz einfach gesagt: Kluge Gedanken, schlaue Einfälle. Es ist das Denkvermögen, das wir Menschen besitzen, weil wir die Großhirnrinde haben. Das unterscheidet uns vom Tier. Künstlich ist maschinell angefertigt, nicht natürlich. Es ist Menschenwerk. KI ist kein Naturprodukt, sondern ein Kulturerzeugnis. (vgl. 8. Die Kultur hält eine Gesellschaft zusammen) Ohne Erfinder, Programmierer und Anwender keine KI! Nun soll KI bald denken können wie ein Mensch oder sogar besser. Viele Tätigkeiten, die wir heute noch ausführen (müssen) ... newtab weiterlesen

26. Kampf der Wissenschaft gegen Fachverlage – Teil 2

Wir haben uns mit der „Freiheit der Wissenschaft“ und der Unfreiheit durch die Fachzeitschriften in zwei Blog-Berichten beschäftigt: „Freie statt gesteuerte Wissenschaft!“ – 11.01.2019 „Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften“ – 14.01.2019 Nun berichtet der Chefunterhändler der Wissenschaftler, Horst Hippel, der bis vor kurzem auch lang Präsident der Hochschulrektorenkonferenz war, von einem großen Erfolg. Das Handelsblatt meint sogar: „Das Jahr 2019 beginnt mit einem Paukenschlag für die Forschung“ [Handelsblatt, 16.01.2019] Was ist geschehen? Die in einem sog. Deal-Konsortium zusammengeschlossenen deutschen Wissenschaftler haben mit einem der drei größten Fachverlage für wissenschaftliche Zeitschriften, nämlich Wiley, einen Vertrag geschlossen. Danach sollen rund 700 deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen freien Zugang zu den Veröffentlichungen des US-Verlags Wiley bekommen. Dieser veröffentlich jährlich rund 10.000 wissenschaftliche Artikel. Wer nachrechnet stellt fest, dass das etwa 10 – 20 % der jährlichen Veröffentlichungen sind. Denn Zweitdrittel des Marktes teilen sich die drei großen Fachverlage; das sind Elsevier, Springer Nature und der genannte Wiley-Verlag. Von diesen drei gehört wieder die Hälfte dem Verlag Elsevier, der 2018 aus den Verhandlungen mit den Wissenschaftlern ausgestiegen ist. Springer verhandelt weiter. Es handelt sich also nur um einen ersten Schritt. Denn beim Rest bleibt alles beim Alten. Außerdem geht es nur um den Zugang zu den Publikationen, die von den Verlagen zur Veröffentlichung angenommen wurden. We ... newtab weiterlesen

25. Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften

Die im letzten Blog beschriebenen Missstände sorgten 2012 für einen Aufstand. Dennis Snower, bis heute Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, wurde vom Handelsblatt interviewt. Auch er gehört zu den scharfe Kritikern der mächtigen Fachzeitschriften. Ihn stören nicht nur die hohen Preise und die Marktmacht der Verlage. Er kritisiert vor allem die Verfahren bei der Auswahl der wissenschaftlichen Aufsätze, die zur Veröffentlichung gelangen. Er meint: „Das traditionelle Verfahren gibt den Herausgebern und den Gutachtern zu viel Macht – diese Leute können Gott spielen. Die ethischen Werte, die für Wissenschaftler zentral sein sollten, sind uns abhandengekommen … viele Gutachter arbeiten auch unglaublich langsam und schreiben unfaire Reports. Das hat vermutlich jeder Ökonom schon selbst erlebt. Neue Ideen haben es dadurch sehr schwer.“  [Handelsblatt vom 13.02.2012 S. 18]  Es blieb nicht bei Protesten. Auch Angelsachsen sind mit ihren englischen Fachzeitschriften unzufrieden. Zur gleichen Zeit erschien im Handelsblatt ein weiterer Aufsatz mit dem Titel: „Wie viel darf Wissen kosten? Forscher wollen einen Fachverlag boykottieren, weil dieser angeblich Wissenschaftler und Bibliotheken ausbeutet“. [Handelsblatt vom 13.02.2012, S. 18] Ein Wissenschaftler namens Timothy Growers rief seine Kollegen zum Boykott auf und nach kurzer Zeit hatten sich rund 5.200 Forscher aus zahlreichen Fachrichtungen seinem Aufruf angeschlossen. Sogar die Präsidentin der internationalen Mathematikerunion und Chefherausgeberin einer Fachzeitschrift im Verlag Elsevier, der boykottiert wurde, unt ... newtab weiterlesen

24. Freie statt gesteuerte Wissenschaft!

Nicht immer ist es der Staat, der unsere Freiheit bedroht. Das meinen nur die Neoliberalen. Oft sind es Machtgruppen, Lobbyisten und Konzerne, die für Unfreiheit sorgen. Dazu wollen wir heute ein ganz wichtiges Wissensgebiet unter die Lupe nehmen. Es sind die Wirtschaftswissenschaften. Sie sind ein Hauptbetätigungsfeld der Neoliberalen. Und mit Chinas staatlich gesteuerter Volkswirtschaft ist ein ernster Konkurrent aufgetaucht. Er verbindet eine klare wirtschaftliche Strategie mit einer konsequenten operativen Steuerung und einer geschickten Taktik [vgl. G. Pfreundschuh, Kampf der Kulturen und der Wirtschaftssysteme, Abschnitt: „Chinas staatlich gesteuerte Volkswirtschaft", S. 29 ff] Kein Zweifel, Europa u.a. brauchen hier eine Gegenstrategie, um Wissen und Wohlstand, Arbeitsplätze und Zukunftsunternehmen zu sichern. Die „unsichtbare Hand“ eines Adam Smith (1723 -1790) wird das nicht schaffen. Sie lenkt nur in der Theorie alles zum Besten, ins große Gleichgewicht. Tatsächlich stecken Klassiker und Keynesianer seit der Finanzpleite von 2007 in einer Orientierungskrise. Sind sie nun dabei sich zu erneuern, kreative und innovative Lösungen zu finden? Greifen wir dazu mitten hinein ins volle Leben und Kampfgeschehen der Volkswirtschaftslehre. Manche behaupten hier herrschten Missstände, die gar den Artikel 5 Abs. 3 Grundgesetz aushebeln, d.h. die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre. Bestimmen bei uns und im Westen Vernunft oder oft reine Macht die wissenschaftliche Auseinandersetzung? Wie der Wissenschaftsbetrieb weithin abläuft, lässt sich gut an den wissenschaf ... newtab weiterlesen
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