Kategorie: Ortspolitik im Bürgerstaat


12. „Aussichten auf den Bürgerkrieg"

„Aussichten auf den Bürgerkrieg“ ist ein viel gelesenes Büchlein (97 S.) von Hans Magnus Enzensberger aus dem Jahr 1993. Im gleichen Jahr erschien mein Buch „Die Kulturelle Umweltzerstörung in Politik und Wirtschaft – Analyse und Gegenstrategie“. Wer genau beobachtete und strategisch dachte, hätte schon damals befürchten müssen, was inzwischen Wirklichkeit geworden ist: „Krieg in den Metropolen, Bürgerkriege weltweit, Radikalisierung aus unterschiedlichsten Quellen – und „Sturm auf Europa“. Seit dem 13.11.2015 sprechen auch Politiker und viele Zeitungen von Krieg, sogar das Handelsblatt titelt: „Weltkrieg III“ „Der Krieg wird lange dauern.“ [Manuel Valls, französischer Premier]

Wer ist Enzensberger? Er war einer der wichtigsten Wortführer der 1968er. Sein „Kursbuch“ erreichte Auflagen bis 120.000. Er sagt es 2014 so: „Ich bin gelernter Marxist. … Ich war damals Herausgeber des Kursbuchs. Das war eine wichtige Plattform. Da konnten die Anarchisten, die Maoisten, die Revisionisten, überhaupt alle in diesem bizarren Durcheinander ihre Positionen darlegen.“ Bei den Baader-Meinhof-Terroristen war er nicht Täter, aber Freund, Sympathisant, und besuchte sie in konspirativen Wohnungen. Heute weiß er wohl selbst nicht genau, wo er auf der politischen Rechts-Links-Skala steht. [Spiegel-Gespräch 41/2014] Doch er ist offen und gnadenlos wahrhaftig – auch gegen sich selbst. Sein neugieriger und scharfer Verstand hat 1993 vieles erkannt und vorausgesehen, was heute lichterloh brennt.

Enzensberger schaute 1993 genau hin: „Der Anfang ist unblutig, die Indizien sind harmlos. … Allmählich mehrt sich der Müll am Straßenrand. Im Park häufen sich Spritzen und zerbrochene Bierflaschen. An den Wänden tauchen monotone Graffiti auf, deren einzige Botschaft ist: sie beschwören ein Ich, das nicht mehr vorhanden ist. Im Schulzimmer werden die Möbel zertrümmert, in den Vorgärten stinkt es nach Scheiße und Urin. Es handelt sich um winzige, stumme Kriegserklärungen, die der erfahrenen Stadtbewohner zu deuten weiß.“ (S. 51 f)

Aus den Pariser Vorstädten, heute Brutstätten von Hass und Fundamentalismus, weiß er zu berichten: „Sie haben schon alles kaputtgemacht, die Briefkästen, die Türen, die Treppenhäuser. Die Poliklinik, wo ihre kleinen Brüder und Schwestern gratis behandelt werden, haben sie demoliert und geplündert. Sie erkennen keinerlei Regeln an. Sie schlagen Arzt- und Zahnarztpraxen kurz und klein und zerstören Schulen. Wenn man ihnen einen Fußballplatz einrichtet, sägen sie die Torpfosten ab.“ (S 32) Verändert wurde seither wenig.

Die Lage sah Enzensberger dramatisch. Ihn schreckten die linken Autonomen von Berlin-Kreuzberg (S. 20, 54) und die Rechtsradikalen von Hoyerswerda (S. 26 f). Mehr noch: „In Wirklichkeit hat der Bürgerkrieg längst in den Metropolen Einzug gehalten. Seine Metastasen gehören zum Alltag der großen Städte, nicht nur in Lima und Johannesburg, in Bombay und Rio, sondern auch in Paris und Berlin, in Detroit und Birmingham, in Mailand und Hamburg. … Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, es herrsche Frieden, nur weil wir immer noch unsere Brötchen holen können, ohne von Heckenschützen abgeknallt zu werden.“ (S. 18 f)

Hier geht aber Enzensbergers Blick nicht tief genug. Er wirft alle Gewalt und Kriminalität in einen Topf: „Terroristen und Religionskrieger, Drogengangs und Todesschwadronen, Neonazis und Schwarze Sheriffs“, auch die „unauffälligen Bürger, die sich über Nacht in Hooligans, Brandstifter, Amokläufer und Serienkiller verwandeln“. (S. 19) Für ihn sind sie alle autistische, hirnlose Lustmörder. „Kein Ziel, kein Projekt, keine Idee [hält] sie zusammen, sondern eine Strategie, die diesen Namen kaum verdient, denn sie heißt: Raub, Mord und Plünderung“ (S. 18). Er erklärt alles psychologisch, nicht kultur- und politikbedingt. „Niemand weiß Rat“, klagt er. Das muss nicht sein.

Wir haben es mit völlig unterschiedlichen Kriegern und Kriminellen zu tun. Sie müssen mit jeweils anderen, zielgenauen Strategien bekämpft werden. Aufklärung bis zu den Wurzeln der Übel ist nötig.

Da gibt es einmal den durch und durch kriminellen Mob (Mafia und Killerbanden, Räuber und Zuhälter). Dagobert Lindlau, ein engagierter und mutiger Journalist, hat dieses Milieu schon 1987 genau ausgeleuchtet und gut erklärt [Der Mob, Recherchen zum organisierten Verbrechen, Hamburg 1987]. Sein Bericht ist erschreckend. Hier hätten Politik und Polizei, Justiz und Verwaltung schon damals wirksam eingreifen müssen. Da nicht viel dagegen unternommen wurde, ist Lindlaus Darstellung heute überholt, viel zu harmlos, wie mir immer wieder hohe Polizeibeamte bestätigen. Auch die Schulen mit ihrem Erziehungs- und Bildungsauftrag sind hier gefordert und haben mitversagt (vgl. letzten Blog-Bericht). Rechts- und Linksextremisten bilden eine Grauzone und den Übergang zur nächsten Gruppe.

Das sind die Überzeugungstäter, die politischen und/oder religiösen Fundamentalisten. Sie sind erheblich unberechenbarer, weil sie inzwischen weder das eigene noch das Leben anderer, auch nicht das unbeteiligter Menschen schonen. Sie werden sehr wohl gesteuert, gezielt eingesetzt, mit Waffen und Geld versorgt. Erstaunlich, dass sie mit dem Nachschub von Geld keine Schwierigkeiten oder Engpässe haben. Al-Kaida und IS (Islamischer Staat) sind hier herausragende Beispiele. Im weitesten Sinn gehört auch der Bürgerkrieg der Hutu gegen die Tutsi hierher. Diese Art von Bürgerkrieg kann erheblich größere Massen erfassen und zu richtigem Krieg führen. Das ist der Unterscheid zum kriminellen Mob. Der Mob ist ein Gegner für den Gesetzgeber, die Justiz und die Polizei. Fundamentalisten verlangen wegen ihrer Größe und länderübergreifenden Kriegführung zusätzlich den militärischen Einsatz.

Doch auch hier gibt es einen Übergang. In zerfallenden oder schwachen Staaten können sich mafiose Kriegsherren, heute oft Warlords genannt, einnisten und eine politische Maske aufsetzen. China erlebte das im untergehenden Kaiserreich. [vgl. Jung Chang, Wilde Schwäne, München 1993] Doch auf Dauer gibt es kein herrschaftsloses Land, keine Anarchie. Wo sie auftritt, kommt es nicht zur grenzenlosen Freiheit, sondern zu kriminellen Machtstrukturen.

In der Welt nach 1989, dem Ende des Kalten Kriegs, haben wir weitere Erscheinungen, die ganze Regionen erschüttern und zerrütten. Es sind religiös, ideologisch und/oder sozial „tief gespaltene Gesellschaften“. Dieser Zustand kann zu „zerfallenden Staaten“ führen. Als der arabische Frühling ausbrach, meinte ein naiver Westen, jetzt würden in Nordafrika und Arabien der Neoliberalismus und die westliche Demokratie einziehen. Kenner hielten dagegen die Luft an. Denn kleinere, westlich ausgerichtete Oberschichten standen einem gläubigen, muslimischen Volk gegenüber. Ein Zustand, der sogar für die Türkei gilt. Der schlimmste Fall eines zerfallenen Staats mit Bürgerkrieg aus dieser religiösen sowie stammes- und sippenbedingten Wurzel ist Libyen. Hier muss die Lösung aus der Gesellschaft selbst kommen.

Enzensberger hält all diese Formen von Bürgerkrieg einseitig für reine Mordveranstaltungen ohne Sinn und Ziel. Das ist verständlich, weil er als Marxist Religion, Kultur und Nationen nur als theoretischen Überbau über dem „realen“ materialistischen Unterbau ansieht. Sowohl die marxistische wie die liberale Ideologie erkennen nur die eigene Wahrheit als richtig und alternativlos an. Andere Kulturen sind rückständig und unterentwickelt. Sie sind noch auf dem Weg zum „Ende der Geschichte“ und das ist entweder der Weltkapitalismus oder der Weltkommunismus. Doch was, wenn die anderen Völker und Kulturkreise dahin nicht mitmarschieren wollen? Dann ist guter Rat teuer. Und das sagt Enzensberger in seinen „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ öfter.

Erstaunlich ist, dass er trotzdem zu ganz praktischen und zumindest teilweise Erfolg versprechenden Schlussfolgerungen kommt. Was den Mob betrifft, so kritisiert er vor allem die Sozialdemokratie und die Gutmenschen. „Dass der Mensch von Natur aus gut sei, diese merkwürdige Idee hat in der Sozialarbeit ihr letztes Reservat. … Solche Vormünder nehmen in ihrer grenzenlosen Gutmütigkeit den Verwirrten jede Verantwortung für ihr Handeln ab. Schuld sind nie die Täter, immer die Umgebung: das Elternhaus, die Gesellschaft, der Konsum, die Medien, die schlechten Vorbilder. … Auf diese Weise wird das Verbrechen aus der Welt geschafft, weil es keine Täter mehr gibt, sondern nur noch Klienten … denen wir etwas schuldig wären, nämlich eine angemessene psychotherapeutische Behandlung auf Krankenschein.“ (S. 37 f) – Dass die Wurzeln dieses Übels ganz erheblich bei Enzensberger und seinen Alt-68-ern liegen, erkennt er nicht. In Enzensbergers Wohnung hauste die Kommune 1, aus der auch Bürgerkrieger und Terroristen wie Fritz Teufel hervorgingen. Dort wurde die „Umwertung aller Werte“, die Abschaffung aller bürgerlichen Werte gepredigt. Sie forderten die „antiautoritäre Erziehung“, was zur Abschaffung der Erziehung an unseren Schulen führte – mit für jedermann sichtbaren Folgen.

Die Ursache für das weltweite Übel einer immer größeren Schere zwischen Armen und Reichen sieht er gemäß „marxistischer Analyse“ vor allem im Neoliberalismus. Dem ist hinzuzufügen, dass der reale Weltkommunismus zur gleichen Verarmung führt. Und auch er hat seine „parasitäre Herrenklasse“, wie Michael Voslensky in seinem Buch „Nomenklatura, die herrschende Klasse der Sowjetunion“ so unübertrefflich analysiert hat. (In China ist es anders; denn es ist unklar, wem das System näher steht, dem Neomarxismus oder dem Neoliberalismus. Womöglich ist es ein ganz eigener Weg.) So gilt für beide Altideologien: „Unstrittig produziert der Weltmarkt, seitdem er keine Zukunftsvision mehr ist, sondern eine globale Realität, mit jedem Jahr weniger Gewinner und mehr Verlierer, und zwar nicht nur in der Zweiten und Dritten Welt, sondern auch in den Kernländern des Kapitalismus.“ (S. 39) [vgl. unsern Blog-Bericht: Der Mittelstand schmilzt wie das Eis im Klimawandel]

Enzensberger kommt nah an unser Modell der „Sozialen Volkswirtschaft“, wenn er sich gegen die Theorie der Ausbeutung der Dritten durch die Erste Welt wendet: „Wer sich auf diese Weise an die Brust schlägt, kann mit Tatsachen nicht viel im Sinn haben.“ Denn der Anteil von Afrika am Welthandel lag bei 1,3 %, der Lateinamerikas bei 4,3 %. Wir würden es gar nicht merken, wenn die ärmsten Kontinente von der Landkarte verschwänden, meint Enzensberger. Und er zitiert Afrikaner, die sagen, schlimmer als von den Multis ausgebeutet zu werden, sei es von ihnen nicht ausgebeutet zu werden, sondern von den eigenen Gangstern, „die ihre Länder seit Jahrzehnten ruinieren“. (41 f) Klar ist eines: je mehr die Anderen, z.B. die Europäer, schuld sind, umso ungenierter können die eigentlichen Täter weiter ausbeuten. Oft leben sie gut und fernab in London oder New York. Und halten bei den internationalen Organisationen die Hand für „ihre Länder“ auf. Doch das Geld, das sie so in die Hände bekommen, fließt nicht zum eigenen Volk, sondern in die eigenen Taschen – und niemand schaut hin, klagt an oder bestraft wegen Unterschlagung oder Veruntreuung.

Die neoliberale Entwicklungshilfe nennt auch ein anderer Kenner „palliative Wirtschaftspolitik“, d.h. es werden nur die Leiden auf dem Weg in den Tod gemindert, von Heilung oder Verbesserung keine Spur. [Erik Reinert, Warum manche Länder arm, andere reich sind] Die Soziale Volkswirtschaft empfiehlt dagegen Schutzräume und Entfaltungschancen für die armen Länder, damit sie ihre eigenen Volkswirtschaften aufbauen können. Dazu brauchen sie Grenzen, die Zölle und eigene ortstypische Wirtschaftsformen ermöglichen. Letztlich müssen sie selbst lebensfähig werden. Das wollen alle Menschen und diese Völker auch, aber ihnen müssen die Rahmenbedingungen dazu gegeben werden. Und dafür haben weder der Weltkapitalismus noch der Weltkommunismus tragfähige Modelle.

Enzensberger hat aber zumindest brauchbare Ansätze. Er verlangt, dass Schuldzuweisungen und der „antikolonialistische Diskurs“ aufgegeben werden. (S. 83) Der Westen solle auch seine „universelle Zuständigkeit“ beenden. Und er sagt zu recht: „Es scheint niemand zu stören, dass damit die Bevölkerung ganzer Erdstriche für unmündig erklärt wird, als wären sie bloße Puppen, die keiner eignen Handlung fähig sind und daher nie Subjekte, sondern immer nur Objekte sein könnten.“ (S. 84) Zugleich erteilt er einer „universalistischen Ethik“ eine Absage und fügt realistisch an: „Soviel Schuldgefühle, soviel Geld, so viele Soldaten wie nötig wären, um alle Bürgerkriege der Welt stillzulegen, gibt es nicht.“

Es ist Zeit, sich von „moralischen Allmachtsphantasien“ zu verabschieden, zu Abstufungen der Verantwortung und der Prioritäten zu kommen. Und da wird er ganz anschaulich und sieht sich sogar als Realist von Utopisten an den Pranger gestellt: „Doch insgeheim weiß jeder, der er sich zuallererst um seine Kinder, seine Nachbarn, seine unmittelbare Umgebung kümmern muss.“ (S. 87) Wie für hier und heute sagt er: „Von dem Streit zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Tamilen und Singhalesen verstehen wir ziemlich wenig: was aus Angola werden soll, darüber müssen in erster Linie die Angolaner entscheiden.“ (S. 90)

„Nicht Somalia ist unsere Priorität, sondern Hoyerswerda und Rostock, Mölln und Solingen.“ Doch Enzensberger befürchtet das Einschleppen des Bürgerkriegs. Er erkennt schon 1993: „Ein Sonderfall sind Grenzregionen … Schmuggel, Schleppergeschäft und Kriminalität haben dort die Standards des Umgangs gründlich verändert. Dazu tragen auch die illegalen Zuwanderer bei, die meist ganz anders sozialisiert sind und für die üblichen Verkehrsformen kaum Verständnis aufbringen.“ (S. 55 f) Bei dem heutigen millionenfachen Zuzug bis ins letzte Dorf wird das ganze Land zur Grenzregion. Und zum Schluss ein Enzensberger-Zitat zum Nachdenken: „Moral ist die letzte Zuflucht des Eurozentrismus.“ (S. 77)

11. Bürgerstaat: Mittlere Reife für alle

Das Ziel „Mittelstand für alle“ setzt voraus, dass alle einen mittleren Bildungsabschluss schaffen. Der heißt heute allgemein „Mittlere Reife“. Er ist die Voraussetzung für den Zugang zu den meisten Berufsausbildungen und zur schulischen Oberstufe (Sekundarstufe II). Wir sind, wie im letzten Blog-Bericht gesagt, der Überzeugung, dass auch bei uns gelingen muss, was Finnland, die Schweiz u.a. erreichen: 95 % haben einen Abschluss der Sekundarstufe II (Abitur oder Mittlere Reife und Berufsabschluss). Ein Viertel oder ein Drittel junger Leute ohne Berufsabschluss wie bei uns ist untragbar (vgl. letzten Blog-Bericht).

Es liegt nicht an einer zu dummen Jugend, sondern an einem zu dummen Schulsystem. Ein Blick in den schulischen Alltag zeigt ein Video des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Eine, wie es heißt, gar nicht außergewöhnliche Hamburger Schule wurde besucht: „Lehrer am Limit

Aber auch diejenigen, die einen Abschluss bekommen, haben zu oft nicht die „Ausbildungsreife“. Das wird weithin beklagt. So berichtete „Die Zeit“ am 13.07.2006 über das Ergebnis einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts und der Uni Würzburg: „Wir haben für die Jugendlichen ein Diktat aus den sechziger Jahren genommen. Würde man das Rechtschreibniveau der Schüler von damals zum Maßstab nehmen, wären drei Viertel der heutigen Kinder Legastheniker [Lese- und Rechtschreibschwache].“ Ähnliches gilt fürs Rechnen. Pisa zeigt keine großen Besserungen. Fragen wir nach den Gründen.

Schon durch den Blick ins Klassenzimmer [Lehrer am Limit], aber erst recht durch eine vertiefte Beschäftigung mit dem Thema erkennen wir vier wesentliche Gründe:

1. Die antiautoritäre Erziehung hat zum Erziehungsverlust geführt. 2. Die Verwissenschaftlichung der Schule hat den Abschied vom kind- und altersgerechten Unterricht gebracht. 3. Die neuen Fachlehrer ab der Grundschule nahmen Abschied vom Wesentlichen und Wichtigen. Alle Fächer, aller Stoff im Lehrplan wurden gleich wichtig. Zu kurz kommen nun das Lesen, Schreiben und Rechnen, dann bis zum Abi die Fächer Deutsch, Mathe und Englisch. 4. Viele Klassen und Schulen wurden „multikulturell“. Hier wirken sich die Neuerungen von 1. bis 3. besonders verhängnisvoll aus.

Die Folgen sehen wir heute: Viele Lehrer am Limit, viele Schulabgänger nicht ausbildungs- und berufstauglich.

Lesestoff: Viviane Cismak, Schulfrust, 10 Dinge, die ich an der Schule hasse, Berlin 2011 - dazu die Berliner Zeitung: "Ihr Buch 'Schulfrust' ist die erste umfassende Kritik des Bildungssystems aus Schülersicht." Cismak schildert, was sie vor allem an einem Berliner Gymnasium erlebte.

Viel früher als die Bildungspolitiker, Professoren und Experten haben das die Eltern erkannt. So ergab schon 1993 eine Umfrage der GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) folgende Rangordnung der Bildungs- und Erziehungsziele bei den Eltern:

1. Disziplin 2. Vernünftigen Umgang miteinander 3. Toleranz 4. Die Fähigkeit zur Zusammenarbeit 5. Wissen und breite Allgemeinbildung

In allen Umfragen davor nahm der letzte Punkt, nämlich die Wissensvermittlung, auch bei den Eltern den ersten Platz ein. Das entsprach den Reformzielen der 1970er Jahre mit ihrer allein auf Wissen und Verwissenschaftlichung ausgerichteten Schule. Inzwischen zeigen sich im Schulalltag die Erziehungsverluste samt der Gewalt auf dem Schulhof in solchem Ausmaß, dass sich die Eltern umorientierten.

Wir müssen zwischen Erziehung und Bildung unterscheiden. Als in den 1980er Jahren der baden-württembergische Kultusminister Mayer-Vorfelder auch Erziehung in den Schulen forderte, ging ein Aufschrei nicht nur durchs Ländle, sondern die ganze Republik. Die antiautoritären Intellektuellen wollten keine Erziehung, denn gezielt sollten die bürgerlichen Werte abgeschafft werden. Nur noch wissenschaftliche Bildung sollte es geben, am besten ab dem Kindergarten.

Erziehung vermittelt Werte, wie sie oben in den Punkten 1. bis 4. die Eltern fordern. Bildung schafft dagegen Wissen, wie es die Eltern an 5. Stelle verlangen. Es gibt hochgebildete Terroristen – von der Roten Armeefraktion bis zur Terrorgruppe IS (Islamischer Staat). Bildung allein ist zu wenig. Erziehung ist das erste Recht und die oberste Pflicht der Eltern (Art. 6 GG). Sie müssen endlich in die schulische Erziehung einbezogen und dadurch in die Pflicht genommen werden.

Dann müssen wir Bildung von Wissenschaft unterscheiden. Beide vermitteln Wissen, aber mit unterschiedlichen Zielen. Bildung soll den jungen Menschen, aber auch noch den Erwachsenen helfen, die Welt zu verstehen, sich im Leben zu orientieren. Dazu sind Überblicke und Zusammenhänge wichtig. Wissenschaft will dagegen bis zu den Einzelheiten vordringen und durch Forschung zu neuen Erkenntnissen vorstoßen. Schule ist eine Bildungseinrichtung, kein Forschungsinstitut. Bildung zu vermitteln, ist schwerer als Einzelheiten vorzutragen und in Tests abzuprüfen.

Was erwarten wir von der Schule der Zukunft?

Oberstes strategisches Ziel jeder Gemeinschaft, ja Organisation ist, das langfristige Überleben zu sichern. Das ist für einen Staat zu allererst die Geburtenrate. Als Beitrag der heutigen Schulen dazu ist zu fordern, dass sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Deshalb brauchen wir leistungsfähige und bedarfsgerechte Ganztagsschulen.

Immer noch ein strategisches, aber darunter angesiedeltes Ziel ist, die jungen Menschen in die Erwachsenen- und Erwerbswelt einzugliedern, und zwar in den Mittelstand über die „Mittlere Reife für alle“.

Die unterschiedlichen Begabungen und Neigungen unserer Jugend führen uns zu den benötigten Schulangeboten. Wir brauchen Schulen für die praktisch und für die theoretisch Begabten. Alle sollen sich entfalten können. Das führt zu Technischen und Naturwissenschaftlichen sowie Wirtschaftlichen und Sprachlichen Mittelschulen. Die Technischen und Kaufmännischen Gymnasien brauchen einen Unterbau. Auch an Berufsoberschulen muss das Abi abgelegt werden können. Wir brauchen einen „dualen Weg“ bis zum Hochschulabschluss.

Wir lernen fürs Leben, nicht für die Schule. Was ist dafür unverzichtbar, was nett und schön, wenn es die Jugendlichen können? Das führt zur Unterscheidung von Kernfächern und Bildungsfächern. Kernfächer sind Deutsch, Mathe und Englisch. Sie muss jeder auf einem praxis- und prüfungstauglichen Niveau beherrschen. Das ist am Ende jeder Schulstufe durch zentrale Abschlussprüfungen festzustellen: Grundschulabschluss (ohne Englisch), mittlere Reife, Abitur. Kernfächer sind Lernfächer, jeder Schüler muss den Stoff lernen.

Die übrigen Fächer sind Bildungsfächer. Wir können sie auch Lehrfächer nennen, weil die Lehrer gefordert sind, den Stoff am besten ohne Noten im Wege des „natürlichen Lernens“ zu vermitteln. Hier sollen bei den Jugendlichen Wissendurst und Erfolgslust, Begeisterung und Forscherdrang reifen. Jeder kann etwas, oft steht das nicht im Lehrplan. Die Gemeinschafts-, Gesamt- oder Einheitsschulen werden vielen Begabungen nicht gerecht, sie sind für viele viel zu theorielastig.

Die Erziehung ist ohne Einbeziehung der Eltern nicht zu schaffen. Das zeigt jede nähere Beschäftigung mit der Jugendhilfe in Jugendämtern. Das zeigen auch die Erfahrungen in Finnland. Dazu müssen unsere heutigen staatlichen Obrigkeitsschulen zu Bürgerschulen werden.

Den beratenden Elternbeirat muss ein neuer örtlicher Schulrat ersetzen. Er muss ein echtes Entscheidungsorgan wie ein Gemeinderat oder Kreistag sein. Darin müssen zu einem Drittel Eltern (Erziehungsberechtigte), Lehrer (Fachkräfte) und Gemeinderäte (verantwortlich für die Gemeindepolitik und die Finanzen) sitzen.

Dazu brauchen die Schulen endlich das Selbstverwaltungsrecht, wie es Gemeinden und Landkreise besitzen. Seit Jahrzehnten gibt es dazu Diskussionen und Versprechungen. Umgesetzt wurde nichts Wesentliches. Die Schulpflegschaften in NRW sind Mogelpackungen. Die Bürger im Bürgerstaat sollten sich an fortschrittlichen Beispielen in den Niederlanden oder Dänemark orientieren. Dann werden nur die Ziele (z. B. Niveau der Abschlussprüfungen in den Kernfächern) festgelegt, den Weg zu den Zielen wählen die Schulen durch ihre örtlichen Schulräte mit Drittelparität selbst. Dazu muss die Schulträgerschaft ganz den Kommunen (Gemeinden, Kreise) übertragen werden. Nicht nur wie heute für Gebäude, Hausmeister und Sekretärinnen (sachliche Schulträgerschaft), sondern auch für die pädagogische Schulträgerschaft einschließlich Einstellung der Lehrkräfte müssen sie zuständig sein. (Dass das geht, zeigen die Krankenhäuser. Dort sind auch die Kommunen voll verantwortlich, bis zur Einstellung der Chefärzte.)

Lehrpläne sind dann Empfehlungen, keine Rechtsvorschriften. Wie Sexualkunde oder der Stoff der Kulturfächer vermittelt wird, entscheiden dann die Betroffenen vor Ort im örtlichen Schulrat. Warum sollen die Parteipolitiker im Landtag und die Beamten im Kultusministerium alles besser wissen? Sie dürfen so viel empfehlen, wie sie wollen, entschieden wird durch die Betroffenen. Schließlich heißt es im Grundgesetz: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ (Artikel 6 Absatz II Grundgesetz) Ziele und Grundsätze festzulegen, nicht Einzelheiten und ideologische Wahrheiten vorzuschreiben, ist der Auftrag des staatliche Wächteramts. Im Bürgerstaat kann darum durch Wahlen und Abstimmungen gerungen werden. Denn alle Staatsgewalt geht vom Volk aus, nicht von Parteizentralen oder Parteitagen.

Wenn diese Reform gelungen ist, dann wurde aus der staatlichen Obrigkeitsschule endlich die Bürgerschule. Nicht mehr nur die, die es sich leisten können, Privatschulen zu gründen, alle Bürger haben in Selbstverwaltung „ihre“ Schulen.

Lesestoff: Gerhard Pfreundschuh, Die Mittelschule, Reform der Sekundarstufe I, Heidelberg 2015

17. Brüderlichkeit im Bürgerstaat

Die ‚Brüderlichkeit‘ ist neben der ‚Freiheit‘ und ‚Gleichheit‘ der dritte zentrale Begriff der Französischen Revolution (1789).

Der bürgerlich-liberale Rechtsstaat konnte mit der Brüderlichkeit wenig anfangen. „Wenn jeder für sich selbst sorgt, dann ist am besten gesorgt“, meinten seit jeher die klassischen Liberalen. Nach dem Fall der Mauer hörten wir öfter von Ostdeutschen: „Wir haben uns auf die Freiheit und Brüderlichkeit gefreut, und bekamen die Kälte des Rechtsstaats.“

Seit dem 18. Jahrhundert stehen sich im bürgerlichen Lager zwei Einstellungen zur Nation gegenüber. Da sind einmal die Weltbürger, auch Kosmopoliten genannt. Ihnen bedeuten Nation und Volk wenig. „Alle Menschen werden Brüder“, ist ihre Hymne. Dagegen war die Französische Revolution (1789) eine nationale Revolution, die sich schon damals zum Nationalismus steigerte. Im Ruf ‚Vive la France‘, in der ‚Grande Nation‘, in den Symbolen, von der Kokarde bis zur Fahne, wurden die Gefühle ausgedrückt. ‚Nation‘ kommt vom lateinischen ‚natio‘ und bedeutet Geburt, Volksstamm, gemeinsame Abstammung. „Unsere Brüder und Schwestern in der DDR“, sagten wir bis zum Fall der Mauer.

Die revolutionäre Aufbruchstimmung war 1789 gewaltig, weil die Bürger zugleich von der Vorherrschaft der alten Stände befreit wurden. Zuvor waren das ‚alte Regime‘ und Ludwig XVI. in höchste Geldnot geraten. Daher berief der König 1789, nach 175 Jahren Pause erstmals wieder die Generalstände (Parlamente) ein. Sie sollten dringend nötige Steuern beschließen. Abgestimmt wurde nach Ständen; und je ein Drittel der Stimmen hatten Adel, Geistlichkeit und Städte. Adel und Geistlichkeit verstanden sich als Teil des Staats und bestanden auf ihrem alten Privileg der Steuerfreiheit. Da sie die Zweidrittel-Mehrheit hatten, sollten allein die Städte zahlen.

Doch da geschah etwas für die alten Führungsschichten Unerwartetes. Als nach Ständen abgestimmt werden sollte, stand der Dritte Stand auf und sagte: „Wir sind die Nation!“ Denn der ‚Dritte Stand‘ waren 98 % der Bevölkerung. Sie nannten ihre Versammlung nun ‚Nationalversammlung‘ und schlossen Adel und Geistlichkeit sozusagen als Randgruppen aus. Das waren der Verfassungsbruch und die Revolution. Es geschah am 17. Juni 1789. Am 14. Juli folgte der Sturm auf die Bastille. An die Stelle der ‚ständischen Brüderlichkeit‘ trat die Verbrüderung in der Nation. Nation und Bürgertum hatten sich vereint.

Dagegen waren die kosmopolitischen Bürgerlichen Kinder der vorrevolutionären Aufklärung. Herkommen, Stand und Nation spielten bei ihnen keine Rolle. In den Pariser Salons der Aufklärer hatte Zugang, wer ‚gebildet‘ war. Das Volk wurde als Plebs hier eher verachtet. Gleichgesinnte und das hieß für sie gleich ‚Gebildete‘ gehörten zur neuen ‚Weltbürgerschaft‘. Heutige Wissenschaftler sind mit ihrer ‚scientific community‘ (Weltgemeinde der jeweiligen Wissenschaftler) auf dem gleichen Weg.

Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) kannte das schon und warnte: „Misstraut den Kosmopoliten, die in ihren Büchern Pflichten in der Ferne suchen, die sie in der Nähe nicht zu erfüllen geruhen. Mancher Philosoph liebt die Tataren, damit er seinen Nächsten nicht zu lieben braucht.“ [Jean Jacques Rousseau, Emil oder Über die Erziehung, Paderborn 1998, S. 12]

Daher müssen wir die Brüderlichkeit von der Menschlichkeit abgrenzen. „Alle Menschen werden Brüder“ ist ein Wunschtraum der Weltbürger. In Wirklichkeit geht das nicht. Denn die gegenseitigen Pflichten und Hilfen in der Familie, gegenüber der dörflichen oder städtischen Nachbarschaft, innerhalb des eigenen Volkes und der Nation, ja auch innerhalb eines funktionierenden Sozialstaats sind so umfangreich und weitgehend, dass wir sie nicht der ganzen Menschheit gegenüber einlösen können. Menschlichkeit ist richtig und wichtig, wer sie aber zur Brüderlichkeit steigern will, der zerstört die nahe Brüderlichkeit und erhält zum Schluss auch keine Menschlichkeit. Solche Überforderungen lösen jede Gemeinschaft, jeden Staat auf.

‚Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘ gehören nicht erst seit der Französischen Revolution zusammen.

Freiheit ist ein gesellschaftlicher, politischer Begriff. Das Wort ‚frei‘ bedeutet im ursprünglichen Sinn sogar blutsverwandt. [vgl. letzter Blog-Bericht: Freiheit im Bürgerstaat]  Erinnern wir uns! Die Frage nach der gesellschaftlichen, rechtlichen und schließlich politischen Freiheit bedeutet: Besitze ich nach der geltenden Ordnung das Recht, in Frieden und Freundschaft meinen Anspruch einzufordern, oder ist der Mitmensch im Recht, der sich dagegen stemmt? Freiheit braucht eine weithin anerkannte Friedenordnung.

Die Gleichheit ist in jedem Staat, in jeder Rechtsordnung ein Problem. [vgl. Gleichheit im Bürgerstaat] Wir empfahlen daher mit dem Verfassungsrechtler Hans-Peter Ipsen für die Anwendung des Gleichheitssatzes die Formel: „Der Gleichheitssatz verleiht hier (= Art. 3 Grundgesetz, der Verf.) dem Ungleichen die Rechtsmacht zu verlangen, dass es wegen seiner Ungleichheit nicht auch ungleich behandelt werde.“ Ursachen und Motive lassen sich für jede Ungleichbehandlung finden. Die politische oder verfassungsrechtliche Frage ist nur, wann eine feststellbare Ungleichheit in der jeweiligen Ordnung verfassungsgemäß ist und wann nicht. Ob der Ungleiche die Rechtsmacht hat, die Gleichbehandlung für sich zu verlangen, das bestimmt die jeweilige Verfassungsordnung. Und diese ist ein Erzeugnis der jeweiligen Kultur.

Freiheit und Gleichheit ohne jede Brüderlichkeit sind kalt und unerbittlich. In der Not ist der Einzelne allein. Es gibt sogar den kalten Sozialstaat. Das ist ein auf die Spitze getriebener Individualismus mit Selbstverwirklichung bis zum ‚explodierenden Ego‘ (Antje Vollmer). Jeder denkt nur an sich. Nachdem dadurch seit den 1968-er Jahren weithin die Familien zerstört wurden, werden die verlassenen alleinerziehenden Mütter und die verlassenen verwahrlosten alten Männer immer mehr. Der heutige Sozialstaat will alles nur mit Geld lösen; doch wenn es immer mehr werden, ist das irgendwann auch nicht mehr möglich.

Damit kommen wir zu der politisch wichtigen Frage: Worin unterscheiden sich Gesellschaft, Gemeinschaft und Genossenschaft?

Der Sozialdemokrat Ferdinand Tönnies (1855 – 1936) hat 1887 das Buch ‚Gemeinschaft und Gesellschaft‘ veröffentlicht. [Neudruck der 8. Aufl. von 1935, Darmstadt 1979 ff.] Es wurde ein Grundlagenwerk. Die Abgrenzung entspricht weithin unserem heutigen Sprachinhalt und Sprachgefühl. Gemeinschaft umfasst Nähe und Zuneigung. Die Mutter-Kind-Beziehung oder Geschwisterliebe sind Beispiele. Er spricht von natürlicher Verankerung, der Brüderlichkeit im ursprünglichen Sinne. Allerdings sind die Herrschaft, das Patriarchat, Matriarchat oder das väterliche Königtum hier nicht ausgeschlossen.

Die Gesellschaft ist unverbindlicher und nicht auf die Natur, sondern den Willen gegründet. Die Menschen sind dabei ihrem Wesen nach voneinander getrennt. In der ‚Gemeinschaft‘ sind sie gemäß ihrem Wesen miteinander verbunden. In der Gesellschaft sind die Mitmenschen oft Mittel zur Verfolgung eigener Zwecke. Beispiele sind Kapitalgesellschaften, aber auch Tyranneien.

Missbraucht wurde der Begriff ‚Gemeinschaft‘ durch die ‚Volksgemeinschaft‘ im NS-Staat: „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ So wurden die Soldaten in den Tod getrieben; ‚verheizt‘, sagte das Volk. Wir wissen es, Millionen Bürger wurden verheizt, Juden und Soldaten, Behinderte und Kriminelle – und ganz normale Bürger, die nicht ins System passten. Nun kann jeder Begriff missbraucht werden. Aber ‚Gemeinschaft‘ setzt nach Wortinhalt und Bedeutung nicht voraus, dass eine bestimmte innergemeinschaftliche Ordnung herrscht. Es gibt freie und unfreie Gemeinschaften.

Das ist bei der Genossenschaft anders. In unserer ganzen Rechts- und Verfassungsgeschichte steht die Genossenschaft im Gegensatz zur Herrschaft. Otto von Gierke (1841 – 1921) hat dazu das klassische, vierbändige Werk ‚Das deutsche Genossenschaftsrecht‘ als Lebensleistung verfasst.  In Genossenschaften schließen sich freie und gleiche Bürger oder andere Standesgenossen zusammen. ‚Genosse‘ und ‚genießen‘ haben eine gemeinsame Wortwurzel. Genossen genießen gemeinsam ihre Rechte. Genossenschaften werden von unten nach oben, basisdemokratisch gesteuert. Herrschaft regiert immer von oben nach unten, obrigkeitlich.

Das wurde schon bei der Gleichheit gesagt: die Schweizer Eidgenossen kämpften gegen Habsburg oder die Kölner (1112) und viele andere Städte früh gegen ihre Stadtherren (coniuration pro libertate, „Eidgenossenschaft für die Freiheit“).

Nehmen wir als weiteres Beispiel das mittelalterliche Regensburg. Karl Bosl beschreibt, wie dort zwischen 1100 und 1250 aus unfreien, königlichen und bischöflichen Kaufleuten und Handwerkern freie Bürger wurden. Sie schlossen sich genossenschaftlich in Hansen (ein gesamtdeutscher Ausdruck), Zünften, Gilden usw. zusammen. So trieben sie Handel bis Kiew und Venedig, Flandern und Frankreich. [Karl Bosl, Die Sozialstruktur der mittelalterlichen Residenz- und Fernhandelsstadt Regensburg, München 1966, S. 131 ff; 177 ff.]

Nun kommt ein springender Punkt. Diese Kaufmannszüge waren mit Gefahren verbunden. Ein gewählter ‚Hansgraf' führte den bewaffneten Zug an. Alle Genossenschaften sind immer auch Gefahrengemeinschaften. Und um gemeinsam Feinde und Gefahren abzuwehren, ist der Grundsatz der Brüderlichkeit unverzichtbar. ‚Hilfe in der Not‘ gehört zu jeder Genossenschaft. Das gilt für die Zünfte, die Gilden und die Hansen, die Städtebünde und die Eidgenossen: „In keiner Not uns trennen und Gefahr.“ (Friedrich Schiller)

Die Genossenschaft ist im Ursprung gemeinsames Leben, Arbeiten und Gefahrenabwehr; und sie bietet soziale Sicherheit. Die alten Dorfgenossenschaften sind eines von vielen Beispielen.

Bei uns hat die Genossenschaftlichkeit bis heute überlebt. Denn im Zuge der Romantik und der Historischen Rechtsschule wurde diese Idee stark belebt. Die Volks- und Genossenschaftsbanken von Schulze-Delitzsch und Raiffeisen, aber auch die bis heute geltenden Sozialversicherungen Bismarcks entstanden. Und Ferdinand Lassalle (1825 – 1864) hat die Genossenschaftlichkeit in bewusstem Gegensatz zu Karl Marx zu einem zentralen Element der deutschen Sozialdemokratie gemacht [vgl. Gustav Radbruch, Einführung in die Rechtswissenschaft, Leipzig 1924, S. 30 ff.].

Mehr als allgemein bekannt, ist das Genossenschaftswesen bis heute ein starker Teil unserer Wirtschaft – von Bau- und Kreditgenossenschaften über gewerbliche und ländliche bis zu Winzer- und Mittelstands-Genossenschaften. Derzeit entstehen in vielen Bereichen sogar neue Genossenschaften für Molkereien, Brauereien, Windkraft usw.

So verschmelzen im genossenschaftlichen Bürgerstaat ‚Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘ zu einer Einheit. Das gemeinsame Dach ist stets eine als gerecht empfundene Rechts- und Friedensordnung.

14. Pornografie als Leitperspektive im Bildungsplan

Kulturkampf im Südwesten

Seit Beginn des Jahres 2014 herrscht in Baden-Württemberg Kulturkampf-Stimmung. Die grün-rote Regierung hatte Leitperspektiven zum Bildungsplan veröffentlicht, der ab 2016 gelten soll. Dagegen richteten sich eine Online-Petition mit rund 200.000 Unterschützern, eine Unterschriften-Aktion mit 100.000 Unterzeichnern. Die Gegenpetitionen kamen auf ähnliche Werte. Es gab Demonstrationen dafür und dagegen.

Im Oktober 2014 ging der „Streit um den Bildungsplan in eine neue Runde“ (Die Welt): „Lehrer warnen vor Pornografisierung der Schule“ Der Philologenverband und sein Verbandschef Bernd Saur sprachen unter der Überschrift „Schamlos im Klassenzimmer“ von „nicht vertretbaren Übergriffen durch entfesselte, offensichtlich komplett enttabuisierte Sexualpädagogen“. Es sei unsäglich, „was Gender-Sexualpädagogen, neoemanzipierte Sexualforscher und andere postmoderne Entgrenzer“ in den Unterricht integrieren wollten: „Themen wie Spermaschlucken, Dirty Talking, Oral- und Analverkehr und sonstige Sexualpraktiken inklusive Gruppensex-Konstellationen, Lieblingsstellungen oder die wichtige Frage: ‚Wie betreibt man einen Puff‘ sollen im Klassenzimmer diskutiert werden.“ [Die Welt vom 21.10.2014]

Die Grünen und die SPD sehen das anders; die CDU schweigt. Ministerpräsident Kretschmann: „Wenn Ausdrücke wie ‚schwule Sau‘ zu den beliebtesten Schimpfwörtern auf Schulhöfen gehören, dann ist da Handlungsbedarf da.“ Deshalb sei es richtig, die Themen Pluralität und Toleranz im Unterricht angemessen zu verankern. [Die Welt vom 30.01.2014]

Nach Presseberichten wird vermutet, dass die Landesregierung wenige Tage vor der Landtagswahl (13.03.2016) den Bildungsplan heimlich in Kraft setzen will. Die Leitperspektiven wurden vom Internet-Portal des Bildungsministeriums genommen.

Unser Gehirn: Triebe und Triebbewältigung

(1.) Worum geht es? Was ist Pornografie? (2.) Wo steht das, was der Philologenverband behauptet?

„Porno“ kommt vom griechischen Wort „pornos“, und das heißt der „Hurenbock“. Pornografie ist die Beschreibung der Hurerei (graphein = beschreiben). Das ist Sexualität ohne jede seelische und menschliche Beziehung. Bei der Unterscheidung von Porno und Eros, Liebe und Leidenschaft hilft uns die moderne Hirnforschung weiter. Schon im letzten Blog-Bericht wurde das folgende Schaubild gezeigt. „Danach besitzt der Mensch drei miteinander verbundene Einzel-Gehirne von unterschiedlichem Aufbau und eigener Funktionszuständigkeit, die aus den verschiedenen Epochen seiner evolutionären Vergangenheit stammen.“ [Hans Günter Gassen, Das Gehirn, Darmstadt 2008, S.39]

Der reine Geschlechtstrieb steckt im Reptilhirn. Oft wird auch von körperlicher Liebe gesprochen. Er ist das, was die Pornografie beschreibt. Untersuchungen bei Reptilien oder Kriechtieren, wie sie auch heißen, zeigen deutlich: hier geht es nur um Beißen, Sex und Fressen.

Davon unterschieden wird die seelische Liebe, die im Limbischen System beheimatet ist. Denn das ist der Sitz von Gefühlen und Emotionen, Zu- und Abneigung, von Mitgefühl und Innigkeit, wie wir schon bei entsprechend höher entwickelten Tieren beobachten können. Ein passender deutscher Ausdruck ist „Minne“. Wir kennen den Begriff von den Minnesängern. Sie bezeichneten damit die höchst gefühlvolle und ritterliche Verehrung einer Frau (vgl. „Große Heidelberger Liederhandschrift"). Frauen und Männer spüren im täglichen Leben oft die gegenseitige Anziehungskraft, ohne dass die Sexualität ins Spiel kommt oder kommen kann. Früher hatte auch das Wort Erotik diesen Anklang. Doch seit die Sex-Messen sich Erotik-Messen nennen, ist die Begriffsverwirrung perfekt.

Nun fehlt noch die geistige Liebe in der Großhirnrinde. Unsere klassischen Dichter wie Goethe und Schiller hielten sie für unverzichtbar bei einer echte Liebesverbindung. Dabei musste nicht immer eine körperliche Beziehung bestehen, stark war aber die geistige und seelische Verbundenheit. Bei der geistigen Liebe wird auch von uneigennütziger und schenkender Liebe gesprochen. Diese wird in der christlichen Tradition „Agape“, zu Deutsch „göttliche Liebe“ genannt. „Geben macht seliger denn Nehmen“, heißt es im Volksmund. Wer nur nimmt und nichts gibt, kriecht und grabscht nur auf der Ebene des Reptilhirns.

Klassisches und bis heute weithin gültiges Ideal ist die vollendete Einheit und Harmonie von geistiger, seelischer und körperlicher Liebe. Auch die damit verbunden Tugenden wie Offenheit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit sowie Bindung und Treue sind nicht eindeutig einem Gehirnteil zuzuordnen; bei Reptilien sind sie aber noch nicht feststellbar.

Ehe und Familie brauchen alle drei Bereiche, wenn die Lebensgemeinschaft gelingen soll.

Bemerkenswertes und Erstaunliches haben dazu schon die alten griechischen Philosophen gesagt. Platon lieferte ein Modell, das wir als Vorläufer moderner Erkenntnisse zur Gehirnforschung ansehen können. [so auch Gassen, Gehirn, a.a.O., S. 19]. Danach hat der Mensch drei Seelen. Im Kopf sitzt der Verstand, die „geistige Seele“ (Erkenntnis der Wahrheit); nur sie ist unsterblich, göttlich. Beim Herzen wohnt die „Seele der Gefühle“ (Eifer, Ruhm, Tapferkeit); im Bauch wirkt die „Seele der Begierden“. Dabei haben Verstand und Weisheit dafür zu sorgen, dass die Gefühle und Triebe uns nicht überwältigen oder gar zerstören. Auch für Platon ist die Harmonie der drei Seelen das Ideal. [Anthony Kenny, Geschichte der abendländischen Philosophie, Band I Antike, Darmstadt 2016, S. 249 ff]

Seit Jahrtausenden ist es ein großes Anliegen der Philosophen, aber auch jeder Erziehung: Die Vernunft muss die animalischen Gelüste in uns steuern. Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer hat dazu das Buch „Heißer Frieden – Über Gewalt, Macht und das Geheimnis der Zivilisation“ (Köln 1995) geschrieben. Ein Grundgedanke durchzieht das Werk: Der Firnis der Zivilisation ist sehr dünn.

Außerdem stellt Antje Vollmer treffend fest:

„So kompliziert und arbeitsteilig moderne Staaten auch aufgebaut sind – sie haben im Kern immer mit den Urproblemen der Menschheit zu tun, die sich im wesentlichen auf drei Grundaufgaben reduzieren lassen: 1. Sicherung der Ernährung und Generationenfolge, 2. Verteidigung in Bedrohungssituationen, 3. Herausbildung von Normen für das gemeinsame Verhalten und deren verbindliche Durchsetzung. Mißlingt die Bewältigung auch nur einer dieser Bereiche, gerät jedes Gemeinwesen in ein erhebliche Legitimationskrise.“ [Antje Vollmer, Heißer Friede, a.a.O., S. 45]

Wir stecken heute in allen drei Bereichen in der Krise. Hier geht es um die Generationenfolge und damit um die Stärkung der Familie. Die heutige Sexualerziehung ist familienfeindlich, wie nun gezeigt werden kann.

Entbindung und Entwurzelung durch Gender

Was sind nun „Gender“ oder „Gender-Sexualpädagogen“? Dieses englische Wort hat die lateinische Wurzel „genus“, was auch schlicht „Geschlecht“ bedeutet. Der Ausdruck wird seit den 1970er Jahren für Geschlecht im sozialen und kulturgeprägten Sinn verwandt. Wir können von „Geschlechterrolle“ sprechen. Hier wäre nun im Unterricht der Platz für die Vorstellung der Familie als bevorzugte und gewünschte Lebensgemeinschaft. Doch das sucht man vergebens in den „Leitperspektiven“ (S. 9 – 11). Es fehlen alle über dem Reptilhirn angesiedelten Aspekte menschlicher Bindung und Liebe.

Genau das suchen aber die Jugendlichen. Das zeigen seit Jahrzehnten die Shell Jugendstudien. Die Familie hat den höchsten Stellenwert:

Die Familie hat für Jugendliche weiterhin einen hohen Stellenwert. Hier findet eine große Mehrheit von ihnen den nötigen Rückhalt auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Mehr als 90 Prozent der Buben und Mädchen pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast drei Viertel möchten ein gutes Familienleben führen und würden ihre Kinder ungefähr so oder genauso erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Dieser Wert hat seit 2002 stetig zugenommen. [so Studie 2010, ähnlich 2015]

Doch die Entwicklung der Sexualpädagogik ging in eine andere Richtung. Seit den 1980er Jahren hat sich eine feministische Sozial- und Sexualwissenschaft entwickelt, die sich Schritt für Schritt immer mehr mit den Ausnahmen und Besonderheiten wie Homosexualität und Transsexualität, Porno und Sadomasochismus beschäftigt. Als wissenschaftliche Forschung mag das noch einen Sinn haben, als Bildungsinhalt nicht. Früher griff hier der Jugendschutz ein, um keine Enthemmungen oder falsche Weichenstellungen bei den Jugendlichen fürs Leben einzuleiten. Denn die Triebe im Reptilhirn anzusprechen, ist leicht. Die Werte und Gefühle in den höheren Gehirngegenden zu wecken und zu festigen, ist die herausfordernde Aufgabe der Erziehung. Bei der Sexualerziehung geht es heute vor allem um Sex, also die Abläufe und Sonderbarkeiten im Reptilhirn.

Seit den 1970er Jahren wurde die Verwissenschaftlichung ab der Grundschule gefordert und eingeführt (Bildungsrat 1970). Seither wollen all diese Fachprofessoren, die von den 1968er noch als „Fachidioten“ beschimpft wurden, ihr Spezialwissen ungefiltert an den Schulen verbreiten. Zu kurz kommen dabei die „normalen“ Geschlechterrollen und insbesondere die Familie. Vor lauter Ausnahmen werden die tragfähigen Regeln vergessen. Vom Umfang des vermittelten Stoffes wird die Darstellung der Minderheiten zum Alleinspiel. Das wollen die meisten Eltern nicht.

Hinzu kommt als besonderer Missstand, dass in linker und marxistischer Denktradition die „normale Familie“ letztlich abgelehnt und als überholt dargestellt wird. Denn schon nach Marx, Lenin, Mao und den Neomarxisten ist die Familie ein bürgerliches Überbleibsel des Kapitalismus, das aufgelöst werden muss. Mao z.B. fordert den ‚Sturz der Sippengewalt‘, auch der religiösen und politischen Gewalt [S. 226, 293], um die Menschen sofort der neuen kommunistischen Gewalt zu unterwerfen, die „aus den Gewehrläufen kommt" [S. 256]. [Stuart R. Schram, Das Mao-System, Die Schriften vom Moa Tse-tung. Analyse und Entwicklung, München 1972, S. 226, 256, 293 mit Originaltexten] Die Doppelstrategie lautet: Befreiung von allen alten Bindungen und anlegen neuer Fesseln.

Pornografie als Unterrichtsinhalt

Daher stammt auch die ursprüngliche Forderung der Grünen, alles Sexualstrafrecht einschließlich des Kindesmissbrauchs abzuschaffen. Die skandalösen Zustände an der Odenwaldschule, die zur Schließung dieser hochgelobten Reformschule führten, zeigen die Auswirkungen bis in den Schulalltag. Die von der grün-roten Landesregierung verfolgte Sexualpädagogik steht weithin in dieser neomarxistischen, familienfeindlichen Tradition. „Enttabuisierung“ nennen sie das.

Das zeigt auch eine Veröffentlichung der von unserer schwarz-roten Regierung getragenen „Bundeszentrale für politische Bildung“. Sie gibt den „Fluter“ heraus. Er ist für Erzieher und Jugendliche gedacht. Die Ausgabe Winter 2015 /16 behandelt das „Thema Geschlechter“. Schon im Vorwort, im „Editorial“, wird das Ziel des Heftes klar ausgesprochen. Die Familie und die noch immer in der Gesellschaft geltenden Ansichten über die Geschlechter sollen nicht nur hinterfragt werden. Das Heft zeigt deutlich, dass sie abgelehnt werden. Es geht um eine pädagogische, besser gesagt volkspädagogische Umerziehung. „Die vermeintlich natürliche Ordnung der Geschlechter ist von Menschen gemacht“, heißt es dort. Nun soll die obrigkeitliche Schule lehren, wie es andres und richtig ist. So zeigt gleich das erste Bild ein Paar, bei dem Mann und Frau die Kleidung gewechselt haben.

Weiter wird kritisiert: „Zudem wurde Geschlecht immer wieder hetreonormativ gedacht: Homosexuelle und Transgender waren von der Gesellschaft ignoriert und ausgeschlossen.“ Bis auf eine Seite beschäftigt sich das Heft mit solchen Besonderheiten. Nur auf Seite 29 werden unter einem „schrägen“ Bild knapp 10 Zeilen der Familie gewidmet. Alles davor und danach betrifft „Männer, die auch weiblich sein dürfen, Frauen, die auf eine Quote drängen, und Menschen, die weder Frau noch Mann sein wollen. Die Diskussion über das Verhältnis der Geschlechter nimmt Fahrt auf.“ Die Schule und eine von oben verordnete Erziehung sollen als Beschleuniger wirken.

Hier geht es nicht mehr um Wissen über biologische Zusammenhänge, sondern um Werte bei der Erziehung. Denn genau das bedeutet ja „Gender“. Das zeigen auch unmissverständlich die „Leitperspektiven“ zum baden-württembergischen Bildungsplan. Bildung soll nach unserer Ansicht den jungen Menschen helfen, sich in ihrer Umwelt zu orientieren und ihr Leben erfolgreich zu gestalten. Das bedeutet, dass Überblick und Zusammenhänge aufzuzeigen sind. Doch die Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ vermittelt Orientierungslosigkeit pur. Nicht die eigene Kultur und ihre Werte sind Erziehungsinhalt. Es gilt zu beschreiben, zu recherchieren und zu präsentieren „unterschiedliche Kulturen, Nationalitäten, Ethnien, Religionen und Weltanschauungen, Lebensformen, sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität“ usw.

Auch die „möglichen Inhalte“ der Leitperspektiven in „allen Fächern“ beginnen sofort damit. Gleich der zweite Absatz kommt zur Sache: „Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle und Transgender, Intersexuelle“ sollen quer durch alle Fächer als „Leitperspektive“ unterrichtet werden. Das soll in die Köpfe der jungen Menschen eingetrichtert, infiltriert werden. Das ist dann „normal“. „Maß und Mitte“, uralte Tugenden, sind abgeschafft.

Der Philologenverband hat Recht

Die pikanten Einzelheiten stehen dann in den dazu gehörigen Unterrichtsmaterialien. Damit sind wir zu den harten Vorwürfen des Philologenverbandes vorgedrungen. Neben anderen schließt sich in Spiegel-online Jan Fleischhauer der Kritik an. Wir zitieren aus „Sexualpädagogik der Vielfalt – Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit“, herausgegeben von Elisabeth Tuider, Mario Müller, Stefan Timmermanns, Petra Bruns-Bachmann, Carola Koppermann, Beltz Juventa Verlag, Weinheim 2012, S. 124 ff .

Für die „Altersstufe ab 14 Jahren, bei Bedarf früher“ gibt es da einen „Fragebogen zur Methode „Voll Porno

„Frage 5. Ist der Besitz von Pornos mit Tieren strafbar? a. Ja b. Nein c. Das kommt auf die Tiere an.

Der Fettdruck zeigt, welche Antwort richtig sein soll.

Frage 8. Guter Sex hat immer die Reihenfolge: 1. Oralverkehr, 2. Vaginalverkehr, 3. Analverkehr und Samenerguss. Oder? a. Das ist schon in Ordnung so, denn dann weiß man, was als Nächstes auf einen zukommt. b. Das ist Quatsch. Die beteiligten Personen entscheiden, wie sie den Sex gestalten wollen. c. Die genannte Reihenfolge ist die beste, denn dabei ist die Frau vor einer Scheideninfektion durch Darmbakterien geschützt.“

Frage 15. Was ist gang-bang? a. Alle treiben es wild durcheinander. b. Eine Person hat ohne Pause nacheinander mit vielen bereits wartenden Männern Sex. c. Sex mit vorbestraften Gang-Mitgliedern.“

Ersparen wir uns weitere, abstoßende Einzelheiten und Verletzungen der Menschenwürde. Alles ist erlaubt, alles ist richtig, wer nicht alles für erlaubt und richtig hält, begeht Diskriminierung – und gehört zu den „neuen Bösen“!

Können sich die Eltern wehren?

Damit sind die Artikel 6 und 7 des Grundgesetzes einschlägig. Die Erziehung der Kinder ist zuvörderst das Recht der Eltern (Artikel 6). Der Staat hat ein Wächteramt im Sinne des Kindswohls und einen Bildungsauftrag (Artikel 7). Dazu wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder das Bundesverfassungsgericht angerufen. Es unterscheidet auch zwischen der Vermittlung von Wissen (Bildung) und Werten (Erziehung) in der Sexualaufklärung. Dazu stellt es fest, „daß die Schule sich nicht anmaßen darf, die Kinder in allem und jedem unterrichten zu wollen, weil sie sonst möglicherweise den Gesamterziehungsplan der Eltern unterlaufen würde. Der Staat ist verpflichtet, in der Schule die Verantwortung der Eltern für den Gesamtplan der Erziehung ihrer Kinder zu achten.“

„Bei der rechtlichen Beurteilung … muß davon ausgegangen werden, daß der Sexualerziehung grundsätzlich eine größere Affinität zum elterlichen Bereich als zum schulischen Sektor zukommt. a) Soweit es sich allerdings nur um die von Wertungen freie Mitteilung von Fakten in dem oben umschriebenen Sinne handelt, geschehen diese Belehrungen im Rahmen des staatlichen Bildungsauftrages; denn es geht hier um bloße Wissensvermittlung, also eine Aufgabe, die typischerweise der Schule zukommt … b) Die „eigentliche Sexualerziehung“ dagegen „muß daher in größtmöglicher Abstimmung zwischen Eltern und Schule geplant und durchgeführt werden.“ [BVerfGE 47, 46]

Das Bundesverfassungsgericht sieht den Staat aber nicht als Bürgerstaat, d.h. als Selbstorganisation der Bürger, sondern betont in seinen Entscheidungen die hoheitliche Überordnung im Sinne eines herkömmlichen Obrigkeitsstaats. Das (von den Parteien besetzte) Gericht gibt den Eltern kein Mitbestimmungsrecht und ließ in seiner Rechtsprechung im Laufe der Jahre den Staat immer weiter in den Erziehungsbereich eindringen, was auch kritisiert wurde. Allerdings haben die Eltern das Recht, Privatschulen zu gründen und dort weitgehend ihre Erziehungsvorstellungen umzusetzen (Art. 7 IV, V GG).

Im Übrigen ist es dem Gesetzgeber nicht verboten, den Eltern mehr Mitwirkungsrechte in der schulischen Erziehung einzuräumen. Das wäre dann der Schritt von der staatlich-obrigkeitlichen Schule zur Bürgerschule, was vom Grundgesetz weder geboten noch verboten ist. Der Bürgerstaat und die Bürgerschule, gehen genau diesen Weg.

In den nächsten drei Blog-Berichten wollen wir Grundprinzipien der Demokratie und des Rechtsstaats anschauen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Nächster Blog-Bericht: Was ist Gleicheit im Bürgerstaat?

13. Bürgerstaat: Werte und Wertewandel

Werte sorgen für das friedliche Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft. Die Ereignisse der Silvesternacht 2015 / 2016 haben die Bedeutung von Werten als allgemeine Verhaltensregeln wieder bewusst gemacht. Überhaupt hat die Auseinandersetzung mit dem Islam und anderen Kulturen die Frage nach europäischen Werten entfacht. Gerade der Bürgerstaat, der von unten statt von oben seine Ziele, Gesetze und Lebensformen entwickelt, braucht gemeinsame Werte und Überzeugungen. Denn es wird nicht wie in einem Zwangs- oder Obrigkeitsstaat von Kommissaren kommandiert, was richtig oder falsch ist. Es ist auch nicht eine selbsternannte Elite oder politischen Klasse, die der Herde vorgibt, was zu glauben und zu tun ist. Die mündigen Bürger sprengen die ideologischen Raster, „denn letztlich geht es um etwas sehr einfaches: dass freie Individuen frei entscheiden können, was das Beste für sie ist“. [Wolfgang Koydl, Die Besserkönner, Zürich 2014, S. 14] Die Zeit und unsere Bürger sind reif dafür. Machen wir uns also Gedanken darüber, wie bei jedem von uns Werte entstehen. Fragen wir, ob sich Werte wandeln oder immer gleich und ewig gültig sind. Fragen wir auch, ob Werte zeit-, raum- und kulturabhängig sind. Kant und andere große Philosophen, die Religionen und Ideologie samt ihren Gläubigen behaupten bis heute, dass es nur eine Wahrheit und Wertordnung gäbe, und zwar die jeweils eigene. Die heutige Hirnforschung erklärt uns, warum wir Menschen zu unterschiedlicher Wahrheit und Moral kommen. Im 20. Jahrhundert haben unsere Kenntnisse über „den gestirnten Himmel über uns“ und „das Ges ... newtab weiterlesen

19. Führen: befehlen oder beauftragen?

Unter Industrie 4.0 wird die digital voll vernetzte Fabrikation verstanden. Zwei Prophezeiungen fallen hier auf: 1. Die Komplexität nimmt zu; und diese komplexen Systeme überfordern jeden Manager. 2. Führung und Steuerung müssten bei der Industrie 4.0 ganz neu erfunden werden. Zu 1. liefert Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts, im Bestseller „Weltbeben – Leben im Zeitalter der Überforderung“ (2016) eine gute Zustandsbeschreibung: Überall kommt es zu Kontrollverlusten, bei Regierungen über die Grenzen, bei Banken über die Bilanzen. Der Kapitalismus verliert Maß und Mitte. Mit der Globalisierung und Digitalisierung ist der Wolf des Manchesterkapitalismus zurück. An VW lässt sich die Kultur der Überforderung studieren (S. 115). Nie war Volkswagen vom Volk weiter entfernt (S. 107). Zu 2. meint der bekannte Management-Professor Fredmund Malik, die herkömmliche Betriebswirtschaftslehre und Business-Administration „mit Kontrolle von Geld, Gewinn und Shareholder-Value“ reichen nicht mehr zur Bewältigung komplexer Systeme. Ingenieur-Zeitungen wie die VDI nachrichten (VDI = Verein Deutscher Ingenieure) sind ständig voll mit Beiträgen, auch zur Führung in der Industrie 4.0. [z.B. Die perfekte Fabrik, VDI-nachrichten 07.04.2017] Was soll nun ganz neu sein? Wer sich in die vielen Ausführungen und Vorschläge vertieft, der erkennt: Wirklich neu ist die Technik, bei der Führung und Steuerung begegnen uns alte Bekannte. Diese nannten sich früher nicht Kybernetik, sondern Steuerung, nicht Leadership, sondern Führung. „Die perfekte Fabrik vertraut auf die Mündigkeit der Beschäf ... newtab weiterlesen

32. Führung im Zeitalter der KI

Wir erkennen zwei unterschiedliche Einstellungen zur „Führung im Zeitalter der KI“ (= Künstliche Intelligenz). Die einen sagen, es wird alles ganz anders. Wenn alle Daten ins System eingespeist sind, dann kann es nur eine richtige Entscheidung geben. Und diese wird dann vom intelligenten, d.h. denkenden Roboter, sogar besser gefunden als vom Menschen. Denn mit riesigen Datenmengen kann künstliche Intelligenz besser umgehen als menschliche. Die Gegenmeinung sagt: „Der Mensch bleibt für die Entscheidungsfindung unersetzlich, kann sie aber durch Daten untermauern.“ [Fabian Schladitz, Künstliche Intelligenz ist der Hammer. Doch wo sind die Nägel, in: WWW.Handelsblatt-Journal.de, „Künstliche Intelligenz“, März 2019] KI-Maschinen sind dann Zuarbeiter für den Entscheider, vergleichbar Statistikern, Controllern u.ä. Es liegt nahe, dass die erste Meinung jene vertreten, die dem Menschen auch keinen freien Willen zubilligen. Für sie, die Behavioristen, ist das Hirn wie ein Hohlspiegel, in dem die äußeren Eindrücke eingefangen werden und Reaktionen auslösen. Künstliches und menschliches Hirn arbeiteten danach im Grundsatz gleich. Wir haben diese Frage im vorletzten Blog-Bericht ausführlich erörtert und die Überzeugung vertreten, dass der Mensch einen freien Willen hat. Entscheiden, also Handeln unter Unsicherheit, und schöpferisches Denken kann keine Maschine übernehmen. Vor allem entscheiden sich Menschen unterschiedlich und verfolgen dann unterschiedliche Ziele. Die nächste Frage ist: Wer ist in Gruppen, Gemeinschaften und Unternehmen für welche Entscheidungen und Zielsetzungen ... newtab weiterlesen

30. Der Mensch und KI

Wir setzen den letzten Blog-Bericht „29. Wozu brauchen wir KI?“ fort und stellen die Frage: Was kann nur ein Mensch und keine Maschine? Dies beschäftigt die abendländische Philosophie seit Newton (1643 – 1727) und Locke (1632 – 1704) sowie Leibniz (1646 – 1716) und Kant (1724 – 1804). Im Ergebnis stehen sich zwei unterschiedliche Menschenbilder gegenüber. Sie beherrschen die Auseinandersetzung nicht nur um die KI, sondern auch die heutige Gehirnforschung und die Vorstellungen über den Ablauf der Wirtschaft und der Welt. Es geht um die Frage: hat der Mensch einen freien Willen oder sind er und die Welt naturgesetzlichen Abläufen unterworfen, die unbeeinflussbar sind? Nach Erik Reinert, dem norwegischen Wirtschaftsprofessor an der Uni Tallinn (Estland), liegt der „elementarste Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Ökonomik in ihrer Sicht des menschlichen Verstandes“. „Für John Locke war dieser eine tabula rasa, mit der ein Mensch geboren wird und in die sich die Eindrücke im Laufe des Lebens passiv einprägen. Leibniz hingegen vertrat die Ansicht, der Mensch habe einen aktiven Verstand, der konstant seine Erfahrungen mit bestehenden Schemata vergleicht – ein edler wie auch keativer Geist.“ [Erik Reinert, Warum manche Länder reich und andere arm sind – Wie der Westen seine Geschichte ignoriert und deshalb seine Weltmacht verliert, Stuttgart 2014, S. 43] Führende angelsächsische Philosophen gingen und gehen davon aus, dass der Mensch keinen freien Willen hat. Das setzt sich im heutigen Behaviorismus fort. Vereinfacht ausgedrückt ist danach unser Hirn wie ein H ... newtab weiterlesen

29. Wozu brauchen wir KI?

Alle Welt redet heute von KI [= künstliche Intelligenz]. Sie soll neu entdeckt sein und über Großrechner bald die menschliche Intelligenz übertreffen. Alles soll sich damit ändern: unser Privatleben, die Wirtschaft, der Staat, kurz alle Bereiche der Gesellschaft. Die einen betrachten das als Segen, die anderen als Fluch. Wir werden uns dem Thema in drei Blog-Berichten nähern. Wozu brauchen wir KI? Der Mensch und die KI? Deutsche Wirtschaft und die KI? Wir dürfen die Orientierung nicht verlieren. Dazu müssen wir uns den Überblick verschaffen und die Zusammenhänge erkennen. Das hieß früher Allgemeinbildung (vgl. Erziehung und Bildung, Weisheit und Wissenschaft). Nur Orientierung überwindet Unsicherheit und Ängste. Der Mensch muss „Herr des Geschehens“ bleiben. Andernfalls ereilt uns das Unglück von Goethes „Zauberlehrling“. Das gilt gerade für die KI! Konfuzius wurde gefragt: „Meister, was müssen wir tun, um den Staat zu ordnen?“ Er antwortete: „Wir müssen die Begriffe klären.“ Fragen wir zuerst nach den Wortbedeutungen. Intelligenz ist ganz einfach gesagt: Kluge Gedanken, schlaue Einfälle. Es ist das Denkvermögen, das wir Menschen besitzen, weil wir die Großhirnrinde haben. Das unterscheidet uns vom Tier. Künstlich ist maschinell angefertigt, nicht natürlich. Es ist Menschenwerk. KI ist kein Naturprodukt, sondern ein Kulturerzeugnis. (vgl. 8. Die Kultur hält eine Gesellschaft zusammen) Ohne Erfinder, Programmierer und Anwender keine KI! Nun soll KI bald denken können wie ein Mensch oder sogar besser. Viele Tätigkeiten, die wir heute noch ausführen (müssen) ... newtab weiterlesen

26. Kampf der Wissenschaft gegen Fachverlage – Teil 2

Wir haben uns mit der „Freiheit der Wissenschaft“ und der Unfreiheit durch die Fachzeitschriften in zwei Blog-Berichten beschäftigt: „Freie statt gesteuerte Wissenschaft!“ – 11.01.2019 „Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften“ – 14.01.2019 Nun berichtet der Chefunterhändler der Wissenschaftler, Horst Hippel, der bis vor kurzem auch lang Präsident der Hochschulrektorenkonferenz war, von einem großen Erfolg. Das Handelsblatt meint sogar: „Das Jahr 2019 beginnt mit einem Paukenschlag für die Forschung“ [Handelsblatt, 16.01.2019] Was ist geschehen? Die in einem sog. Deal-Konsortium zusammengeschlossenen deutschen Wissenschaftler haben mit einem der drei größten Fachverlage für wissenschaftliche Zeitschriften, nämlich Wiley, einen Vertrag geschlossen. Danach sollen rund 700 deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen freien Zugang zu den Veröffentlichungen des US-Verlags Wiley bekommen. Dieser veröffentlich jährlich rund 10.000 wissenschaftliche Artikel. Wer nachrechnet stellt fest, dass das etwa 10 – 20 % der jährlichen Veröffentlichungen sind. Denn Zweitdrittel des Marktes teilen sich die drei großen Fachverlage; das sind Elsevier, Springer Nature und der genannte Wiley-Verlag. Von diesen drei gehört wieder die Hälfte dem Verlag Elsevier, der 2018 aus den Verhandlungen mit den Wissenschaftlern ausgestiegen ist. Springer verhandelt weiter. Es handelt sich also nur um einen ersten Schritt. Denn beim Rest bleibt alles beim Alten. Außerdem geht es nur um den Zugang zu den Publikationen, die von den Verlagen zur Veröffentlichung angenommen wurden. We ... newtab weiterlesen

25. Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften

Die im letzten Blog beschriebenen Missstände sorgten 2012 für einen Aufstand. Dennis Snower, bis heute Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, wurde vom Handelsblatt interviewt. Auch er gehört zu den scharfe Kritikern der mächtigen Fachzeitschriften. Ihn stören nicht nur die hohen Preise und die Marktmacht der Verlage. Er kritisiert vor allem die Verfahren bei der Auswahl der wissenschaftlichen Aufsätze, die zur Veröffentlichung gelangen. Er meint: „Das traditionelle Verfahren gibt den Herausgebern und den Gutachtern zu viel Macht – diese Leute können Gott spielen. Die ethischen Werte, die für Wissenschaftler zentral sein sollten, sind uns abhandengekommen … viele Gutachter arbeiten auch unglaublich langsam und schreiben unfaire Reports. Das hat vermutlich jeder Ökonom schon selbst erlebt. Neue Ideen haben es dadurch sehr schwer.“  [Handelsblatt vom 13.02.2012 S. 18]  Es blieb nicht bei Protesten. Auch Angelsachsen sind mit ihren englischen Fachzeitschriften unzufrieden. Zur gleichen Zeit erschien im Handelsblatt ein weiterer Aufsatz mit dem Titel: „Wie viel darf Wissen kosten? Forscher wollen einen Fachverlag boykottieren, weil dieser angeblich Wissenschaftler und Bibliotheken ausbeutet“. [Handelsblatt vom 13.02.2012, S. 18] Ein Wissenschaftler namens Timothy Growers rief seine Kollegen zum Boykott auf und nach kurzer Zeit hatten sich rund 5.200 Forscher aus zahlreichen Fachrichtungen seinem Aufruf angeschlossen. Sogar die Präsidentin der internationalen Mathematikerunion und Chefherausgeberin einer Fachzeitschrift im Verlag Elsevier, der boykottiert wurde, unt ... newtab weiterlesen

24. Freie statt gesteuerte Wissenschaft!

Nicht immer ist es der Staat, der unsere Freiheit bedroht. Das meinen nur die Neoliberalen. Oft sind es Machtgruppen, Lobbyisten und Konzerne, die für Unfreiheit sorgen. Dazu wollen wir heute ein ganz wichtiges Wissensgebiet unter die Lupe nehmen. Es sind die Wirtschaftswissenschaften. Sie sind ein Hauptbetätigungsfeld der Neoliberalen. Und mit Chinas staatlich gesteuerter Volkswirtschaft ist ein ernster Konkurrent aufgetaucht. Er verbindet eine klare wirtschaftliche Strategie mit einer konsequenten operativen Steuerung und einer geschickten Taktik [vgl. G. Pfreundschuh, Kampf der Kulturen und der Wirtschaftssysteme, Abschnitt: „Chinas staatlich gesteuerte Volkswirtschaft", S. 29 ff] Kein Zweifel, Europa u.a. brauchen hier eine Gegenstrategie, um Wissen und Wohlstand, Arbeitsplätze und Zukunftsunternehmen zu sichern. Die „unsichtbare Hand“ eines Adam Smith (1723 -1790) wird das nicht schaffen. Sie lenkt nur in der Theorie alles zum Besten, ins große Gleichgewicht. Tatsächlich stecken Klassiker und Keynesianer seit der Finanzpleite von 2007 in einer Orientierungskrise. Sind sie nun dabei sich zu erneuern, kreative und innovative Lösungen zu finden? Greifen wir dazu mitten hinein ins volle Leben und Kampfgeschehen der Volkswirtschaftslehre. Manche behaupten hier herrschten Missstände, die gar den Artikel 5 Abs. 3 Grundgesetz aushebeln, d.h. die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre. Bestimmen bei uns und im Westen Vernunft oder oft reine Macht die wissenschaftliche Auseinandersetzung? Wie der Wissenschaftsbetrieb weithin abläuft, lässt sich gut an den wissenschaf ... newtab weiterlesen
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