Kategorie: Bürgerschulen


11. Bürgerstaat: Mittlere Reife für alle

Das Ziel „Mittelstand für alle“ setzt voraus, dass alle einen mittleren Bildungsabschluss schaffen. Der heißt heute allgemein „Mittlere Reife“. Er ist die Voraussetzung für den Zugang zu den meisten Berufsausbildungen und zur schulischen Oberstufe (Sekundarstufe II). Wir sind, wie im letzten Blog-Bericht gesagt, der Überzeugung, dass auch bei uns gelingen muss, was Finnland, die Schweiz u.a. erreichen: 95 % haben einen Abschluss der Sekundarstufe II (Abitur oder Mittlere Reife und Berufsabschluss). Ein Viertel oder ein Drittel junger Leute ohne Berufsabschluss wie bei uns ist untragbar (vgl. letzten Blog-Bericht).

Es liegt nicht an einer zu dummen Jugend, sondern an einem zu dummen Schulsystem. Ein Blick in den schulischen Alltag zeigt ein Video des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Eine, wie es heißt, gar nicht außergewöhnliche Hamburger Schule wurde besucht: „Lehrer am Limit

Aber auch diejenigen, die einen Abschluss bekommen, haben zu oft nicht die „Ausbildungsreife“. Das wird weithin beklagt. So berichtete „Die Zeit“ am 13.07.2006 über das Ergebnis einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts und der Uni Würzburg: „Wir haben für die Jugendlichen ein Diktat aus den sechziger Jahren genommen. Würde man das Rechtschreibniveau der Schüler von damals zum Maßstab nehmen, wären drei Viertel der heutigen Kinder Legastheniker [Lese- und Rechtschreibschwache].“ Ähnliches gilt fürs Rechnen. Pisa zeigt keine großen Besserungen. Fragen wir nach den Gründen.

Schon durch den Blick ins Klassenzimmer [Lehrer am Limit], aber erst recht durch eine vertiefte Beschäftigung mit dem Thema erkennen wir vier wesentliche Gründe:

1. Die antiautoritäre Erziehung hat zum Erziehungsverlust geführt. 2. Die Verwissenschaftlichung der Schule hat den Abschied vom kind- und altersgerechten Unterricht gebracht. 3. Die neuen Fachlehrer ab der Grundschule nahmen Abschied vom Wesentlichen und Wichtigen. Alle Fächer, aller Stoff im Lehrplan wurden gleich wichtig. Zu kurz kommen nun das Lesen, Schreiben und Rechnen, dann bis zum Abi die Fächer Deutsch, Mathe und Englisch. 4. Viele Klassen und Schulen wurden „multikulturell“. Hier wirken sich die Neuerungen von 1. bis 3. besonders verhängnisvoll aus.

Die Folgen sehen wir heute: Viele Lehrer am Limit, viele Schulabgänger nicht ausbildungs- und berufstauglich.

Lesestoff: Viviane Cismak, Schulfrust, 10 Dinge, die ich an der Schule hasse, Berlin 2011 - dazu die Berliner Zeitung: "Ihr Buch 'Schulfrust' ist die erste umfassende Kritik des Bildungssystems aus Schülersicht." Cismak schildert, was sie vor allem an einem Berliner Gymnasium erlebte.

Viel früher als die Bildungspolitiker, Professoren und Experten haben das die Eltern erkannt. So ergab schon 1993 eine Umfrage der GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) folgende Rangordnung der Bildungs- und Erziehungsziele bei den Eltern:

1. Disziplin 2. Vernünftigen Umgang miteinander 3. Toleranz 4. Die Fähigkeit zur Zusammenarbeit 5. Wissen und breite Allgemeinbildung

In allen Umfragen davor nahm der letzte Punkt, nämlich die Wissensvermittlung, auch bei den Eltern den ersten Platz ein. Das entsprach den Reformzielen der 1970er Jahre mit ihrer allein auf Wissen und Verwissenschaftlichung ausgerichteten Schule. Inzwischen zeigen sich im Schulalltag die Erziehungsverluste samt der Gewalt auf dem Schulhof in solchem Ausmaß, dass sich die Eltern umorientierten.

Wir müssen zwischen Erziehung und Bildung unterscheiden. Als in den 1980er Jahren der baden-württembergische Kultusminister Mayer-Vorfelder auch Erziehung in den Schulen forderte, ging ein Aufschrei nicht nur durchs Ländle, sondern die ganze Republik. Die antiautoritären Intellektuellen wollten keine Erziehung, denn gezielt sollten die bürgerlichen Werte abgeschafft werden. Nur noch wissenschaftliche Bildung sollte es geben, am besten ab dem Kindergarten.

Erziehung vermittelt Werte, wie sie oben in den Punkten 1. bis 4. die Eltern fordern. Bildung schafft dagegen Wissen, wie es die Eltern an 5. Stelle verlangen. Es gibt hochgebildete Terroristen – von der Roten Armeefraktion bis zur Terrorgruppe IS (Islamischer Staat). Bildung allein ist zu wenig. Erziehung ist das erste Recht und die oberste Pflicht der Eltern (Art. 6 GG). Sie müssen endlich in die schulische Erziehung einbezogen und dadurch in die Pflicht genommen werden.

Dann müssen wir Bildung von Wissenschaft unterscheiden. Beide vermitteln Wissen, aber mit unterschiedlichen Zielen. Bildung soll den jungen Menschen, aber auch noch den Erwachsenen helfen, die Welt zu verstehen, sich im Leben zu orientieren. Dazu sind Überblicke und Zusammenhänge wichtig. Wissenschaft will dagegen bis zu den Einzelheiten vordringen und durch Forschung zu neuen Erkenntnissen vorstoßen. Schule ist eine Bildungseinrichtung, kein Forschungsinstitut. Bildung zu vermitteln, ist schwerer als Einzelheiten vorzutragen und in Tests abzuprüfen.

Was erwarten wir von der Schule der Zukunft?

Oberstes strategisches Ziel jeder Gemeinschaft, ja Organisation ist, das langfristige Überleben zu sichern. Das ist für einen Staat zu allererst die Geburtenrate. Als Beitrag der heutigen Schulen dazu ist zu fordern, dass sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Deshalb brauchen wir leistungsfähige und bedarfsgerechte Ganztagsschulen.

Immer noch ein strategisches, aber darunter angesiedeltes Ziel ist, die jungen Menschen in die Erwachsenen- und Erwerbswelt einzugliedern, und zwar in den Mittelstand über die „Mittlere Reife für alle“.

Die unterschiedlichen Begabungen und Neigungen unserer Jugend führen uns zu den benötigten Schulangeboten. Wir brauchen Schulen für die praktisch und für die theoretisch Begabten. Alle sollen sich entfalten können. Das führt zu Technischen und Naturwissenschaftlichen sowie Wirtschaftlichen und Sprachlichen Mittelschulen. Die Technischen und Kaufmännischen Gymnasien brauchen einen Unterbau. Auch an Berufsoberschulen muss das Abi abgelegt werden können. Wir brauchen einen „dualen Weg“ bis zum Hochschulabschluss.

Wir lernen fürs Leben, nicht für die Schule. Was ist dafür unverzichtbar, was nett und schön, wenn es die Jugendlichen können? Das führt zur Unterscheidung von Kernfächern und Bildungsfächern. Kernfächer sind Deutsch, Mathe und Englisch. Sie muss jeder auf einem praxis- und prüfungstauglichen Niveau beherrschen. Das ist am Ende jeder Schulstufe durch zentrale Abschlussprüfungen festzustellen: Grundschulabschluss (ohne Englisch), mittlere Reife, Abitur. Kernfächer sind Lernfächer, jeder Schüler muss den Stoff lernen.

Die übrigen Fächer sind Bildungsfächer. Wir können sie auch Lehrfächer nennen, weil die Lehrer gefordert sind, den Stoff am besten ohne Noten im Wege des „natürlichen Lernens“ zu vermitteln. Hier sollen bei den Jugendlichen Wissendurst und Erfolgslust, Begeisterung und Forscherdrang reifen. Jeder kann etwas, oft steht das nicht im Lehrplan. Die Gemeinschafts-, Gesamt- oder Einheitsschulen werden vielen Begabungen nicht gerecht, sie sind für viele viel zu theorielastig.

Die Erziehung ist ohne Einbeziehung der Eltern nicht zu schaffen. Das zeigt jede nähere Beschäftigung mit der Jugendhilfe in Jugendämtern. Das zeigen auch die Erfahrungen in Finnland. Dazu müssen unsere heutigen staatlichen Obrigkeitsschulen zu Bürgerschulen werden.

Den beratenden Elternbeirat muss ein neuer örtlicher Schulrat ersetzen. Er muss ein echtes Entscheidungsorgan wie ein Gemeinderat oder Kreistag sein. Darin müssen zu einem Drittel Eltern (Erziehungsberechtigte), Lehrer (Fachkräfte) und Gemeinderäte (verantwortlich für die Gemeindepolitik und die Finanzen) sitzen.

Dazu brauchen die Schulen endlich das Selbstverwaltungsrecht, wie es Gemeinden und Landkreise besitzen. Seit Jahrzehnten gibt es dazu Diskussionen und Versprechungen. Umgesetzt wurde nichts Wesentliches. Die Schulpflegschaften in NRW sind Mogelpackungen. Die Bürger im Bürgerstaat sollten sich an fortschrittlichen Beispielen in den Niederlanden oder Dänemark orientieren. Dann werden nur die Ziele (z. B. Niveau der Abschlussprüfungen in den Kernfächern) festgelegt, den Weg zu den Zielen wählen die Schulen durch ihre örtlichen Schulräte mit Drittelparität selbst. Dazu muss die Schulträgerschaft ganz den Kommunen (Gemeinden, Kreise) übertragen werden. Nicht nur wie heute für Gebäude, Hausmeister und Sekretärinnen (sachliche Schulträgerschaft), sondern auch für die pädagogische Schulträgerschaft einschließlich Einstellung der Lehrkräfte müssen sie zuständig sein. (Dass das geht, zeigen die Krankenhäuser. Dort sind auch die Kommunen voll verantwortlich, bis zur Einstellung der Chefärzte.)

Lehrpläne sind dann Empfehlungen, keine Rechtsvorschriften. Wie Sexualkunde oder der Stoff der Kulturfächer vermittelt wird, entscheiden dann die Betroffenen vor Ort im örtlichen Schulrat. Warum sollen die Parteipolitiker im Landtag und die Beamten im Kultusministerium alles besser wissen? Sie dürfen so viel empfehlen, wie sie wollen, entschieden wird durch die Betroffenen. Schließlich heißt es im Grundgesetz: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ (Artikel 6 Absatz II Grundgesetz) Ziele und Grundsätze festzulegen, nicht Einzelheiten und ideologische Wahrheiten vorzuschreiben, ist der Auftrag des staatliche Wächteramts. Im Bürgerstaat kann darum durch Wahlen und Abstimmungen gerungen werden. Denn alle Staatsgewalt geht vom Volk aus, nicht von Parteizentralen oder Parteitagen.

Wenn diese Reform gelungen ist, dann wurde aus der staatlichen Obrigkeitsschule endlich die Bürgerschule. Nicht mehr nur die, die es sich leisten können, Privatschulen zu gründen, alle Bürger haben in Selbstverwaltung „ihre“ Schulen.

Lesestoff: Gerhard Pfreundschuh, Die Mittelschule, Reform der Sekundarstufe I, Heidelberg 2015

14. Pornografie als Leitperspektive im Bildungsplan

Kulturkampf im Südwesten

Seit Beginn des Jahres 2014 herrscht in Baden-Württemberg Kulturkampf-Stimmung. Die grün-rote Regierung hatte Leitperspektiven zum Bildungsplan veröffentlicht, der ab 2016 gelten soll. Dagegen richteten sich eine Online-Petition mit rund 200.000 Unterschützern, eine Unterschriften-Aktion mit 100.000 Unterzeichnern. Die Gegenpetitionen kamen auf ähnliche Werte. Es gab Demonstrationen dafür und dagegen.

Im Oktober 2014 ging der „Streit um den Bildungsplan in eine neue Runde“ (Die Welt): „Lehrer warnen vor Pornografisierung der Schule“ Der Philologenverband und sein Verbandschef Bernd Saur sprachen unter der Überschrift „Schamlos im Klassenzimmer“ von „nicht vertretbaren Übergriffen durch entfesselte, offensichtlich komplett enttabuisierte Sexualpädagogen“. Es sei unsäglich, „was Gender-Sexualpädagogen, neoemanzipierte Sexualforscher und andere postmoderne Entgrenzer“ in den Unterricht integrieren wollten: „Themen wie Spermaschlucken, Dirty Talking, Oral- und Analverkehr und sonstige Sexualpraktiken inklusive Gruppensex-Konstellationen, Lieblingsstellungen oder die wichtige Frage: ‚Wie betreibt man einen Puff‘ sollen im Klassenzimmer diskutiert werden.“ [Die Welt vom 21.10.2014]

Die Grünen und die SPD sehen das anders; die CDU schweigt. Ministerpräsident Kretschmann: „Wenn Ausdrücke wie ‚schwule Sau‘ zu den beliebtesten Schimpfwörtern auf Schulhöfen gehören, dann ist da Handlungsbedarf da.“ Deshalb sei es richtig, die Themen Pluralität und Toleranz im Unterricht angemessen zu verankern. [Die Welt vom 30.01.2014]

Nach Presseberichten wird vermutet, dass die Landesregierung wenige Tage vor der Landtagswahl (13.03.2016) den Bildungsplan heimlich in Kraft setzen will. Die Leitperspektiven wurden vom Internet-Portal des Bildungsministeriums genommen.

Unser Gehirn: Triebe und Triebbewältigung

(1.) Worum geht es? Was ist Pornografie? (2.) Wo steht das, was der Philologenverband behauptet?

„Porno“ kommt vom griechischen Wort „pornos“, und das heißt der „Hurenbock“. Pornografie ist die Beschreibung der Hurerei (graphein = beschreiben). Das ist Sexualität ohne jede seelische und menschliche Beziehung. Bei der Unterscheidung von Porno und Eros, Liebe und Leidenschaft hilft uns die moderne Hirnforschung weiter. Schon im letzten Blog-Bericht wurde das folgende Schaubild gezeigt. „Danach besitzt der Mensch drei miteinander verbundene Einzel-Gehirne von unterschiedlichem Aufbau und eigener Funktionszuständigkeit, die aus den verschiedenen Epochen seiner evolutionären Vergangenheit stammen.“ [Hans Günter Gassen, Das Gehirn, Darmstadt 2008, S.39]

Der reine Geschlechtstrieb steckt im Reptilhirn. Oft wird auch von körperlicher Liebe gesprochen. Er ist das, was die Pornografie beschreibt. Untersuchungen bei Reptilien oder Kriechtieren, wie sie auch heißen, zeigen deutlich: hier geht es nur um Beißen, Sex und Fressen.

Davon unterschieden wird die seelische Liebe, die im Limbischen System beheimatet ist. Denn das ist der Sitz von Gefühlen und Emotionen, Zu- und Abneigung, von Mitgefühl und Innigkeit, wie wir schon bei entsprechend höher entwickelten Tieren beobachten können. Ein passender deutscher Ausdruck ist „Minne“. Wir kennen den Begriff von den Minnesängern. Sie bezeichneten damit die höchst gefühlvolle und ritterliche Verehrung einer Frau (vgl. „Große Heidelberger Liederhandschrift"). Frauen und Männer spüren im täglichen Leben oft die gegenseitige Anziehungskraft, ohne dass die Sexualität ins Spiel kommt oder kommen kann. Früher hatte auch das Wort Erotik diesen Anklang. Doch seit die Sex-Messen sich Erotik-Messen nennen, ist die Begriffsverwirrung perfekt.

Nun fehlt noch die geistige Liebe in der Großhirnrinde. Unsere klassischen Dichter wie Goethe und Schiller hielten sie für unverzichtbar bei einer echte Liebesverbindung. Dabei musste nicht immer eine körperliche Beziehung bestehen, stark war aber die geistige und seelische Verbundenheit. Bei der geistigen Liebe wird auch von uneigennütziger und schenkender Liebe gesprochen. Diese wird in der christlichen Tradition „Agape“, zu Deutsch „göttliche Liebe“ genannt. „Geben macht seliger denn Nehmen“, heißt es im Volksmund. Wer nur nimmt und nichts gibt, kriecht und grabscht nur auf der Ebene des Reptilhirns.

Klassisches und bis heute weithin gültiges Ideal ist die vollendete Einheit und Harmonie von geistiger, seelischer und körperlicher Liebe. Auch die damit verbunden Tugenden wie Offenheit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit sowie Bindung und Treue sind nicht eindeutig einem Gehirnteil zuzuordnen; bei Reptilien sind sie aber noch nicht feststellbar.

Ehe und Familie brauchen alle drei Bereiche, wenn die Lebensgemeinschaft gelingen soll.

Bemerkenswertes und Erstaunliches haben dazu schon die alten griechischen Philosophen gesagt. Platon lieferte ein Modell, das wir als Vorläufer moderner Erkenntnisse zur Gehirnforschung ansehen können. [so auch Gassen, Gehirn, a.a.O., S. 19]. Danach hat der Mensch drei Seelen. Im Kopf sitzt der Verstand, die „geistige Seele“ (Erkenntnis der Wahrheit); nur sie ist unsterblich, göttlich. Beim Herzen wohnt die „Seele der Gefühle“ (Eifer, Ruhm, Tapferkeit); im Bauch wirkt die „Seele der Begierden“. Dabei haben Verstand und Weisheit dafür zu sorgen, dass die Gefühle und Triebe uns nicht überwältigen oder gar zerstören. Auch für Platon ist die Harmonie der drei Seelen das Ideal. [Anthony Kenny, Geschichte der abendländischen Philosophie, Band I Antike, Darmstadt 2016, S. 249 ff]

Seit Jahrtausenden ist es ein großes Anliegen der Philosophen, aber auch jeder Erziehung: Die Vernunft muss die animalischen Gelüste in uns steuern. Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer hat dazu das Buch „Heißer Frieden – Über Gewalt, Macht und das Geheimnis der Zivilisation“ (Köln 1995) geschrieben. Ein Grundgedanke durchzieht das Werk: Der Firnis der Zivilisation ist sehr dünn.

Außerdem stellt Antje Vollmer treffend fest:

„So kompliziert und arbeitsteilig moderne Staaten auch aufgebaut sind – sie haben im Kern immer mit den Urproblemen der Menschheit zu tun, die sich im wesentlichen auf drei Grundaufgaben reduzieren lassen: 1. Sicherung der Ernährung und Generationenfolge, 2. Verteidigung in Bedrohungssituationen, 3. Herausbildung von Normen für das gemeinsame Verhalten und deren verbindliche Durchsetzung. Mißlingt die Bewältigung auch nur einer dieser Bereiche, gerät jedes Gemeinwesen in ein erhebliche Legitimationskrise.“ [Antje Vollmer, Heißer Friede, a.a.O., S. 45]

Wir stecken heute in allen drei Bereichen in der Krise. Hier geht es um die Generationenfolge und damit um die Stärkung der Familie. Die heutige Sexualerziehung ist familienfeindlich, wie nun gezeigt werden kann.

Entbindung und Entwurzelung durch Gender

Was sind nun „Gender“ oder „Gender-Sexualpädagogen“? Dieses englische Wort hat die lateinische Wurzel „genus“, was auch schlicht „Geschlecht“ bedeutet. Der Ausdruck wird seit den 1970er Jahren für Geschlecht im sozialen und kulturgeprägten Sinn verwandt. Wir können von „Geschlechterrolle“ sprechen. Hier wäre nun im Unterricht der Platz für die Vorstellung der Familie als bevorzugte und gewünschte Lebensgemeinschaft. Doch das sucht man vergebens in den „Leitperspektiven“ (S. 9 – 11). Es fehlen alle über dem Reptilhirn angesiedelten Aspekte menschlicher Bindung und Liebe.

Genau das suchen aber die Jugendlichen. Das zeigen seit Jahrzehnten die Shell Jugendstudien. Die Familie hat den höchsten Stellenwert:

Die Familie hat für Jugendliche weiterhin einen hohen Stellenwert. Hier findet eine große Mehrheit von ihnen den nötigen Rückhalt auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Mehr als 90 Prozent der Buben und Mädchen pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast drei Viertel möchten ein gutes Familienleben führen und würden ihre Kinder ungefähr so oder genauso erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Dieser Wert hat seit 2002 stetig zugenommen. [so Studie 2010, ähnlich 2015]

Doch die Entwicklung der Sexualpädagogik ging in eine andere Richtung. Seit den 1980er Jahren hat sich eine feministische Sozial- und Sexualwissenschaft entwickelt, die sich Schritt für Schritt immer mehr mit den Ausnahmen und Besonderheiten wie Homosexualität und Transsexualität, Porno und Sadomasochismus beschäftigt. Als wissenschaftliche Forschung mag das noch einen Sinn haben, als Bildungsinhalt nicht. Früher griff hier der Jugendschutz ein, um keine Enthemmungen oder falsche Weichenstellungen bei den Jugendlichen fürs Leben einzuleiten. Denn die Triebe im Reptilhirn anzusprechen, ist leicht. Die Werte und Gefühle in den höheren Gehirngegenden zu wecken und zu festigen, ist die herausfordernde Aufgabe der Erziehung. Bei der Sexualerziehung geht es heute vor allem um Sex, also die Abläufe und Sonderbarkeiten im Reptilhirn.

Seit den 1970er Jahren wurde die Verwissenschaftlichung ab der Grundschule gefordert und eingeführt (Bildungsrat 1970). Seither wollen all diese Fachprofessoren, die von den 1968er noch als „Fachidioten“ beschimpft wurden, ihr Spezialwissen ungefiltert an den Schulen verbreiten. Zu kurz kommen dabei die „normalen“ Geschlechterrollen und insbesondere die Familie. Vor lauter Ausnahmen werden die tragfähigen Regeln vergessen. Vom Umfang des vermittelten Stoffes wird die Darstellung der Minderheiten zum Alleinspiel. Das wollen die meisten Eltern nicht.

Hinzu kommt als besonderer Missstand, dass in linker und marxistischer Denktradition die „normale Familie“ letztlich abgelehnt und als überholt dargestellt wird. Denn schon nach Marx, Lenin, Mao und den Neomarxisten ist die Familie ein bürgerliches Überbleibsel des Kapitalismus, das aufgelöst werden muss. Mao z.B. fordert den ‚Sturz der Sippengewalt‘, auch der religiösen und politischen Gewalt [S. 226, 293], um die Menschen sofort der neuen kommunistischen Gewalt zu unterwerfen, die „aus den Gewehrläufen kommt" [S. 256]. [Stuart R. Schram, Das Mao-System, Die Schriften vom Moa Tse-tung. Analyse und Entwicklung, München 1972, S. 226, 256, 293 mit Originaltexten] Die Doppelstrategie lautet: Befreiung von allen alten Bindungen und anlegen neuer Fesseln.

Pornografie als Unterrichtsinhalt

Daher stammt auch die ursprüngliche Forderung der Grünen, alles Sexualstrafrecht einschließlich des Kindesmissbrauchs abzuschaffen. Die skandalösen Zustände an der Odenwaldschule, die zur Schließung dieser hochgelobten Reformschule führten, zeigen die Auswirkungen bis in den Schulalltag. Die von der grün-roten Landesregierung verfolgte Sexualpädagogik steht weithin in dieser neomarxistischen, familienfeindlichen Tradition. „Enttabuisierung“ nennen sie das.

Das zeigt auch eine Veröffentlichung der von unserer schwarz-roten Regierung getragenen „Bundeszentrale für politische Bildung“. Sie gibt den „Fluter“ heraus. Er ist für Erzieher und Jugendliche gedacht. Die Ausgabe Winter 2015 /16 behandelt das „Thema Geschlechter“. Schon im Vorwort, im „Editorial“, wird das Ziel des Heftes klar ausgesprochen. Die Familie und die noch immer in der Gesellschaft geltenden Ansichten über die Geschlechter sollen nicht nur hinterfragt werden. Das Heft zeigt deutlich, dass sie abgelehnt werden. Es geht um eine pädagogische, besser gesagt volkspädagogische Umerziehung. „Die vermeintlich natürliche Ordnung der Geschlechter ist von Menschen gemacht“, heißt es dort. Nun soll die obrigkeitliche Schule lehren, wie es andres und richtig ist. So zeigt gleich das erste Bild ein Paar, bei dem Mann und Frau die Kleidung gewechselt haben.

Weiter wird kritisiert: „Zudem wurde Geschlecht immer wieder hetreonormativ gedacht: Homosexuelle und Transgender waren von der Gesellschaft ignoriert und ausgeschlossen.“ Bis auf eine Seite beschäftigt sich das Heft mit solchen Besonderheiten. Nur auf Seite 29 werden unter einem „schrägen“ Bild knapp 10 Zeilen der Familie gewidmet. Alles davor und danach betrifft „Männer, die auch weiblich sein dürfen, Frauen, die auf eine Quote drängen, und Menschen, die weder Frau noch Mann sein wollen. Die Diskussion über das Verhältnis der Geschlechter nimmt Fahrt auf.“ Die Schule und eine von oben verordnete Erziehung sollen als Beschleuniger wirken.

Hier geht es nicht mehr um Wissen über biologische Zusammenhänge, sondern um Werte bei der Erziehung. Denn genau das bedeutet ja „Gender“. Das zeigen auch unmissverständlich die „Leitperspektiven“ zum baden-württembergischen Bildungsplan. Bildung soll nach unserer Ansicht den jungen Menschen helfen, sich in ihrer Umwelt zu orientieren und ihr Leben erfolgreich zu gestalten. Das bedeutet, dass Überblick und Zusammenhänge aufzuzeigen sind. Doch die Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ vermittelt Orientierungslosigkeit pur. Nicht die eigene Kultur und ihre Werte sind Erziehungsinhalt. Es gilt zu beschreiben, zu recherchieren und zu präsentieren „unterschiedliche Kulturen, Nationalitäten, Ethnien, Religionen und Weltanschauungen, Lebensformen, sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität“ usw.

Auch die „möglichen Inhalte“ der Leitperspektiven in „allen Fächern“ beginnen sofort damit. Gleich der zweite Absatz kommt zur Sache: „Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle und Transgender, Intersexuelle“ sollen quer durch alle Fächer als „Leitperspektive“ unterrichtet werden. Das soll in die Köpfe der jungen Menschen eingetrichtert, infiltriert werden. Das ist dann „normal“. „Maß und Mitte“, uralte Tugenden, sind abgeschafft.

Der Philologenverband hat Recht

Die pikanten Einzelheiten stehen dann in den dazu gehörigen Unterrichtsmaterialien. Damit sind wir zu den harten Vorwürfen des Philologenverbandes vorgedrungen. Neben anderen schließt sich in Spiegel-online Jan Fleischhauer der Kritik an. Wir zitieren aus „Sexualpädagogik der Vielfalt – Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit“, herausgegeben von Elisabeth Tuider, Mario Müller, Stefan Timmermanns, Petra Bruns-Bachmann, Carola Koppermann, Beltz Juventa Verlag, Weinheim 2012, S. 124 ff .

Für die „Altersstufe ab 14 Jahren, bei Bedarf früher“ gibt es da einen „Fragebogen zur Methode „Voll Porno

„Frage 5. Ist der Besitz von Pornos mit Tieren strafbar? a. Ja b. Nein c. Das kommt auf die Tiere an.

Der Fettdruck zeigt, welche Antwort richtig sein soll.

Frage 8. Guter Sex hat immer die Reihenfolge: 1. Oralverkehr, 2. Vaginalverkehr, 3. Analverkehr und Samenerguss. Oder? a. Das ist schon in Ordnung so, denn dann weiß man, was als Nächstes auf einen zukommt. b. Das ist Quatsch. Die beteiligten Personen entscheiden, wie sie den Sex gestalten wollen. c. Die genannte Reihenfolge ist die beste, denn dabei ist die Frau vor einer Scheideninfektion durch Darmbakterien geschützt.“

Frage 15. Was ist gang-bang? a. Alle treiben es wild durcheinander. b. Eine Person hat ohne Pause nacheinander mit vielen bereits wartenden Männern Sex. c. Sex mit vorbestraften Gang-Mitgliedern.“

Ersparen wir uns weitere, abstoßende Einzelheiten und Verletzungen der Menschenwürde. Alles ist erlaubt, alles ist richtig, wer nicht alles für erlaubt und richtig hält, begeht Diskriminierung – und gehört zu den „neuen Bösen“!

Können sich die Eltern wehren?

Damit sind die Artikel 6 und 7 des Grundgesetzes einschlägig. Die Erziehung der Kinder ist zuvörderst das Recht der Eltern (Artikel 6). Der Staat hat ein Wächteramt im Sinne des Kindswohls und einen Bildungsauftrag (Artikel 7). Dazu wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder das Bundesverfassungsgericht angerufen. Es unterscheidet auch zwischen der Vermittlung von Wissen (Bildung) und Werten (Erziehung) in der Sexualaufklärung. Dazu stellt es fest, „daß die Schule sich nicht anmaßen darf, die Kinder in allem und jedem unterrichten zu wollen, weil sie sonst möglicherweise den Gesamterziehungsplan der Eltern unterlaufen würde. Der Staat ist verpflichtet, in der Schule die Verantwortung der Eltern für den Gesamtplan der Erziehung ihrer Kinder zu achten.“

„Bei der rechtlichen Beurteilung … muß davon ausgegangen werden, daß der Sexualerziehung grundsätzlich eine größere Affinität zum elterlichen Bereich als zum schulischen Sektor zukommt. a) Soweit es sich allerdings nur um die von Wertungen freie Mitteilung von Fakten in dem oben umschriebenen Sinne handelt, geschehen diese Belehrungen im Rahmen des staatlichen Bildungsauftrages; denn es geht hier um bloße Wissensvermittlung, also eine Aufgabe, die typischerweise der Schule zukommt … b) Die „eigentliche Sexualerziehung“ dagegen „muß daher in größtmöglicher Abstimmung zwischen Eltern und Schule geplant und durchgeführt werden.“ [BVerfGE 47, 46]

Das Bundesverfassungsgericht sieht den Staat aber nicht als Bürgerstaat, d.h. als Selbstorganisation der Bürger, sondern betont in seinen Entscheidungen die hoheitliche Überordnung im Sinne eines herkömmlichen Obrigkeitsstaats. Das (von den Parteien besetzte) Gericht gibt den Eltern kein Mitbestimmungsrecht und ließ in seiner Rechtsprechung im Laufe der Jahre den Staat immer weiter in den Erziehungsbereich eindringen, was auch kritisiert wurde. Allerdings haben die Eltern das Recht, Privatschulen zu gründen und dort weitgehend ihre Erziehungsvorstellungen umzusetzen (Art. 7 IV, V GG).

Im Übrigen ist es dem Gesetzgeber nicht verboten, den Eltern mehr Mitwirkungsrechte in der schulischen Erziehung einzuräumen. Das wäre dann der Schritt von der staatlich-obrigkeitlichen Schule zur Bürgerschule, was vom Grundgesetz weder geboten noch verboten ist. Der Bürgerstaat und die Bürgerschule, gehen genau diesen Weg.

In den nächsten drei Blog-Berichten wollen wir Grundprinzipien der Demokratie und des Rechtsstaats anschauen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Nächster Blog-Bericht: Was ist Gleicheit im Bürgerstaat?

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