Kategorie: Bürgerschaftliche Selbstverwaltung


17. Brüderlichkeit im Bürgerstaat

Die ‚Brüderlichkeit‘ ist neben der ‚Freiheit‘ und ‚Gleichheit‘ der dritte zentrale Begriff der Französischen Revolution (1789).

Der bürgerlich-liberale Rechtsstaat konnte mit der Brüderlichkeit wenig anfangen. „Wenn jeder für sich selbst sorgt, dann ist am besten gesorgt“, meinten seit jeher die klassischen Liberalen. Nach dem Fall der Mauer hörten wir öfter von Ostdeutschen: „Wir haben uns auf die Freiheit und Brüderlichkeit gefreut, und bekamen die Kälte des Rechtsstaats.“

Seit dem 18. Jahrhundert stehen sich im bürgerlichen Lager zwei Einstellungen zur Nation gegenüber. Da sind einmal die Weltbürger, auch Kosmopoliten genannt. Ihnen bedeuten Nation und Volk wenig. „Alle Menschen werden Brüder“, ist ihre Hymne. Dagegen war die Französische Revolution (1789) eine nationale Revolution, die sich schon damals zum Nationalismus steigerte. Im Ruf ‚Vive la France‘, in der ‚Grande Nation‘, in den Symbolen, von der Kokarde bis zur Fahne, wurden die Gefühle ausgedrückt. ‚Nation‘ kommt vom lateinischen ‚natio‘ und bedeutet Geburt, Volksstamm, gemeinsame Abstammung. „Unsere Brüder und Schwestern in der DDR“, sagten wir bis zum Fall der Mauer.

Die revolutionäre Aufbruchstimmung war 1789 gewaltig, weil die Bürger zugleich von der Vorherrschaft der alten Stände befreit wurden. Zuvor waren das ‚alte Regime‘ und Ludwig XVI. in höchste Geldnot geraten. Daher berief der König 1789, nach 175 Jahren Pause erstmals wieder die Generalstände (Parlamente) ein. Sie sollten dringend nötige Steuern beschließen. Abgestimmt wurde nach Ständen; und je ein Drittel der Stimmen hatten Adel, Geistlichkeit und Städte. Adel und Geistlichkeit verstanden sich als Teil des Staats und bestanden auf ihrem alten Privileg der Steuerfreiheit. Da sie die Zweidrittel-Mehrheit hatten, sollten allein die Städte zahlen.

Doch da geschah etwas für die alten Führungsschichten Unerwartetes. Als nach Ständen abgestimmt werden sollte, stand der Dritte Stand auf und sagte: „Wir sind die Nation!“ Denn der ‚Dritte Stand‘ waren 98 % der Bevölkerung. Sie nannten ihre Versammlung nun ‚Nationalversammlung‘ und schlossen Adel und Geistlichkeit sozusagen als Randgruppen aus. Das waren der Verfassungsbruch und die Revolution. Es geschah am 17. Juni 1789. Am 14. Juli folgte der Sturm auf die Bastille. An die Stelle der ‚ständischen Brüderlichkeit‘ trat die Verbrüderung in der Nation. Nation und Bürgertum hatten sich vereint.

Dagegen waren die kosmopolitischen Bürgerlichen Kinder der vorrevolutionären Aufklärung. Herkommen, Stand und Nation spielten bei ihnen keine Rolle. In den Pariser Salons der Aufklärer hatte Zugang, wer ‚gebildet‘ war. Das Volk wurde als Plebs hier eher verachtet. Gleichgesinnte und das hieß für sie gleich ‚Gebildete‘ gehörten zur neuen ‚Weltbürgerschaft‘. Heutige Wissenschaftler sind mit ihrer ‚scientific community‘ (Weltgemeinde der jeweiligen Wissenschaftler) auf dem gleichen Weg.

Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) kannte das schon und warnte: „Misstraut den Kosmopoliten, die in ihren Büchern Pflichten in der Ferne suchen, die sie in der Nähe nicht zu erfüllen geruhen. Mancher Philosoph liebt die Tataren, damit er seinen Nächsten nicht zu lieben braucht.“ [Jean Jacques Rousseau, Emil oder Über die Erziehung, Paderborn 1998, S. 12]

Daher müssen wir die Brüderlichkeit von der Menschlichkeit abgrenzen. „Alle Menschen werden Brüder“ ist ein Wunschtraum der Weltbürger. In Wirklichkeit geht das nicht. Denn die gegenseitigen Pflichten und Hilfen in der Familie, gegenüber der dörflichen oder städtischen Nachbarschaft, innerhalb des eigenen Volkes und der Nation, ja auch innerhalb eines funktionierenden Sozialstaats sind so umfangreich und weitgehend, dass wir sie nicht der ganzen Menschheit gegenüber einlösen können. Menschlichkeit ist richtig und wichtig, wer sie aber zur Brüderlichkeit steigern will, der zerstört die nahe Brüderlichkeit und erhält zum Schluss auch keine Menschlichkeit. Solche Überforderungen lösen jede Gemeinschaft, jeden Staat auf.

‚Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘ gehören nicht erst seit der Französischen Revolution zusammen.

Freiheit ist ein gesellschaftlicher, politischer Begriff. Das Wort ‚frei‘ bedeutet im ursprünglichen Sinn sogar blutsverwandt. [vgl. letzter Blog-Bericht: Freiheit im Bürgerstaat]  Erinnern wir uns! Die Frage nach der gesellschaftlichen, rechtlichen und schließlich politischen Freiheit bedeutet: Besitze ich nach der geltenden Ordnung das Recht, in Frieden und Freundschaft meinen Anspruch einzufordern, oder ist der Mitmensch im Recht, der sich dagegen stemmt? Freiheit braucht eine weithin anerkannte Friedenordnung.

Die Gleichheit ist in jedem Staat, in jeder Rechtsordnung ein Problem. [vgl. Gleichheit im Bürgerstaat] Wir empfahlen daher mit dem Verfassungsrechtler Hans-Peter Ipsen für die Anwendung des Gleichheitssatzes die Formel: „Der Gleichheitssatz verleiht hier (= Art. 3 Grundgesetz, der Verf.) dem Ungleichen die Rechtsmacht zu verlangen, dass es wegen seiner Ungleichheit nicht auch ungleich behandelt werde.“ Ursachen und Motive lassen sich für jede Ungleichbehandlung finden. Die politische oder verfassungsrechtliche Frage ist nur, wann eine feststellbare Ungleichheit in der jeweiligen Ordnung verfassungsgemäß ist und wann nicht. Ob der Ungleiche die Rechtsmacht hat, die Gleichbehandlung für sich zu verlangen, das bestimmt die jeweilige Verfassungsordnung. Und diese ist ein Erzeugnis der jeweiligen Kultur.

Freiheit und Gleichheit ohne jede Brüderlichkeit sind kalt und unerbittlich. In der Not ist der Einzelne allein. Es gibt sogar den kalten Sozialstaat. Das ist ein auf die Spitze getriebener Individualismus mit Selbstverwirklichung bis zum ‚explodierenden Ego‘ (Antje Vollmer). Jeder denkt nur an sich. Nachdem dadurch seit den 1968-er Jahren weithin die Familien zerstört wurden, werden die verlassenen alleinerziehenden Mütter und die verlassenen verwahrlosten alten Männer immer mehr. Der heutige Sozialstaat will alles nur mit Geld lösen; doch wenn es immer mehr werden, ist das irgendwann auch nicht mehr möglich.

Damit kommen wir zu der politisch wichtigen Frage: Worin unterscheiden sich Gesellschaft, Gemeinschaft und Genossenschaft?

Der Sozialdemokrat Ferdinand Tönnies (1855 – 1936) hat 1887 das Buch ‚Gemeinschaft und Gesellschaft‘ veröffentlicht. [Neudruck der 8. Aufl. von 1935, Darmstadt 1979 ff.] Es wurde ein Grundlagenwerk. Die Abgrenzung entspricht weithin unserem heutigen Sprachinhalt und Sprachgefühl. Gemeinschaft umfasst Nähe und Zuneigung. Die Mutter-Kind-Beziehung oder Geschwisterliebe sind Beispiele. Er spricht von natürlicher Verankerung, der Brüderlichkeit im ursprünglichen Sinne. Allerdings sind die Herrschaft, das Patriarchat, Matriarchat oder das väterliche Königtum hier nicht ausgeschlossen.

Die Gesellschaft ist unverbindlicher und nicht auf die Natur, sondern den Willen gegründet. Die Menschen sind dabei ihrem Wesen nach voneinander getrennt. In der ‚Gemeinschaft‘ sind sie gemäß ihrem Wesen miteinander verbunden. In der Gesellschaft sind die Mitmenschen oft Mittel zur Verfolgung eigener Zwecke. Beispiele sind Kapitalgesellschaften, aber auch Tyranneien.

Missbraucht wurde der Begriff ‚Gemeinschaft‘ durch die ‚Volksgemeinschaft‘ im NS-Staat: „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ So wurden die Soldaten in den Tod getrieben; ‚verheizt‘, sagte das Volk. Wir wissen es, Millionen Bürger wurden verheizt, Juden und Soldaten, Behinderte und Kriminelle – und ganz normale Bürger, die nicht ins System passten. Nun kann jeder Begriff missbraucht werden. Aber ‚Gemeinschaft‘ setzt nach Wortinhalt und Bedeutung nicht voraus, dass eine bestimmte innergemeinschaftliche Ordnung herrscht. Es gibt freie und unfreie Gemeinschaften.

Das ist bei der Genossenschaft anders. In unserer ganzen Rechts- und Verfassungsgeschichte steht die Genossenschaft im Gegensatz zur Herrschaft. Otto von Gierke (1841 – 1921) hat dazu das klassische, vierbändige Werk ‚Das deutsche Genossenschaftsrecht‘ als Lebensleistung verfasst.  In Genossenschaften schließen sich freie und gleiche Bürger oder andere Standesgenossen zusammen. ‚Genosse‘ und ‚genießen‘ haben eine gemeinsame Wortwurzel. Genossen genießen gemeinsam ihre Rechte. Genossenschaften werden von unten nach oben, basisdemokratisch gesteuert. Herrschaft regiert immer von oben nach unten, obrigkeitlich.

Das wurde schon bei der Gleichheit gesagt: die Schweizer Eidgenossen kämpften gegen Habsburg oder die Kölner (1112) und viele andere Städte früh gegen ihre Stadtherren (coniuration pro libertate, „Eidgenossenschaft für die Freiheit“).

Nehmen wir als weiteres Beispiel das mittelalterliche Regensburg. Karl Bosl beschreibt, wie dort zwischen 1100 und 1250 aus unfreien, königlichen und bischöflichen Kaufleuten und Handwerkern freie Bürger wurden. Sie schlossen sich genossenschaftlich in Hansen (ein gesamtdeutscher Ausdruck), Zünften, Gilden usw. zusammen. So trieben sie Handel bis Kiew und Venedig, Flandern und Frankreich. [Karl Bosl, Die Sozialstruktur der mittelalterlichen Residenz- und Fernhandelsstadt Regensburg, München 1966, S. 131 ff; 177 ff.]

Nun kommt ein springender Punkt. Diese Kaufmannszüge waren mit Gefahren verbunden. Ein gewählter ‚Hansgraf' führte den bewaffneten Zug an. Alle Genossenschaften sind immer auch Gefahrengemeinschaften. Und um gemeinsam Feinde und Gefahren abzuwehren, ist der Grundsatz der Brüderlichkeit unverzichtbar. ‚Hilfe in der Not‘ gehört zu jeder Genossenschaft. Das gilt für die Zünfte, die Gilden und die Hansen, die Städtebünde und die Eidgenossen: „In keiner Not uns trennen und Gefahr.“ (Friedrich Schiller)

Die Genossenschaft ist im Ursprung gemeinsames Leben, Arbeiten und Gefahrenabwehr; und sie bietet soziale Sicherheit. Die alten Dorfgenossenschaften sind eines von vielen Beispielen.

Bei uns hat die Genossenschaftlichkeit bis heute überlebt. Denn im Zuge der Romantik und der Historischen Rechtsschule wurde diese Idee stark belebt. Die Volks- und Genossenschaftsbanken von Schulze-Delitzsch und Raiffeisen, aber auch die bis heute geltenden Sozialversicherungen Bismarcks entstanden. Und Ferdinand Lassalle (1825 – 1864) hat die Genossenschaftlichkeit in bewusstem Gegensatz zu Karl Marx zu einem zentralen Element der deutschen Sozialdemokratie gemacht [vgl. Gustav Radbruch, Einführung in die Rechtswissenschaft, Leipzig 1924, S. 30 ff.].

Mehr als allgemein bekannt, ist das Genossenschaftswesen bis heute ein starker Teil unserer Wirtschaft – von Bau- und Kreditgenossenschaften über gewerbliche und ländliche bis zu Winzer- und Mittelstands-Genossenschaften. Derzeit entstehen in vielen Bereichen sogar neue Genossenschaften für Molkereien, Brauereien, Windkraft usw.

So verschmelzen im genossenschaftlichen Bürgerstaat ‚Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘ zu einer Einheit. Das gemeinsame Dach ist stets eine als gerecht empfundene Rechts- und Friedensordnung.

19. Führen: befehlen oder beauftragen?

Unter Industrie 4.0 wird die digital voll vernetzte Fabrikation verstanden. Zwei Prophezeiungen fallen hier auf: 1. Die Komplexität nimmt zu; und diese komplexen Systeme überfordern jeden Manager. 2. Führung und Steuerung müssten bei der Industrie 4.0 ganz neu erfunden werden.

Zu 1. liefert Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts, im Bestseller „Weltbeben – Leben im Zeitalter der Überforderung“ (2016) eine gute Zustandsbeschreibung: Überall kommt es zu Kontrollverlusten, bei Regierungen über die Grenzen, bei Banken über die Bilanzen. Der Kapitalismus verliert Maß und Mitte. Mit der Globalisierung und Digitalisierung ist der Wolf des Manchesterkapitalismus zurück. An VW lässt sich die Kultur der Überforderung studieren (S. 115). Nie war Volkswagen vom Volk weiter entfernt (S. 107).

Zu 2. meint der bekannte Management-Professor Fredmund Malik, die herkömmliche Betriebswirtschaftslehre und Business-Administration „mit Kontrolle von Geld, Gewinn und Shareholder-Value“ reichen nicht mehr zur Bewältigung komplexer Systeme. Ingenieur-Zeitungen wie die VDI nachrichten (VDI = Verein Deutscher Ingenieure) sind ständig voll mit Beiträgen, auch zur Führung in der Industrie 4.0. [z.B. Die perfekte Fabrik, VDI-nachrichten 07.04.2017]

Was soll nun ganz neu sein? Wer sich in die vielen Ausführungen und Vorschläge vertieft, der erkennt: Wirklich neu ist die Technik, bei der Führung und Steuerung begegnen uns alte Bekannte. Diese nannten sich früher nicht Kybernetik, sondern Steuerung, nicht Leadership, sondern Führung.

„Die perfekte Fabrik vertraut auf die Mündigkeit der Beschäftigten“ (Sascha Stowasser). Und Fredmund Malik meint, wir brauchen nun „Managementsysteme, die nach den Funktionsprinzipien der Selbstregulierung und der Selbstorganisation natürlicher Organismen organisiert sind“. Nur so werden die „reichlich vorhandene, aber brachliegende Intelligenz, Kreativität und verfügbares Wissen mobilisiert und situationsgerecht vernetzt“. Neu ist das nicht. Beides kennen wir schon.

Wer unsere Blogberichte „Menschenbild im Bürgerstaat“ Teil I und Teil II gelesen hat, weiß: Wie ein roter Faden ziehen sich die Gedanken der Selbstorganisation, der Eigenverantwortung, der dezentralen Steuerung usw. durch den „Bürgerstaat“ – und die „Soziale Volkswirtschaft“.

Allerdings zeigt ein Blick in die heutige Politik und Gesetzgebung, in die Führung von Wirtschaft und Verwaltung, dass das krasse Gegenteil praktiziert wird. Paul Kirchhof spricht beim Staat vom vielarmigen Seeungeheure Hydra, die alles freie Leben umschlingt und erwürgt. Und fordert: „Gebt den Bürgern ihren Staat zurück“,   Peter Sloterdijk sieht in unseren Tagen „ein Monstrum an staatlicher und überstaatlicher Regulierungs-Juristerei, für das die Geschichte kaum ein Beispiel aufweist. … Dieses in Bürgerfreundlichkeit eingekleidete Untier erteilt sich selbst die Erlaubnis, in die feinsten Ritzen des sozialen Lebens einzudringen.“ [Peter Sloterdijk, Im Glückskreis des Matthäus, in: Handelsblatt 11.10.2013, S. 50 ff. (56)]

In Konzernen sieht es nicht anders aus. Die zentralistische Überregulierung und die Überforderung der Manager in Großunternehmen und bei der Industrie 4.0 sind Alltagsklagen.

Kommen wir von der Zustandsbeschreibung zu Lösungen. Dass es auch bei Großorganisationen anders geht, weiß jeder, der den kooperativen Führungsstil erprobt oder die militärische Auftragstaktik gelernt hat.

Dazu ist zu unterscheiden das Führen von Menschen, das technische Steuern mit Zielen, Zeit und Zahlen und das Ordnen der Aufbauorganisation. Steuern und ordnen können viele, führen wenige.

Das Führen wollen wir an einem Drei-Ebnen-Modell mit Ausführungsebene, mittlerer Führung und strategisch-politischer Chefebene veranschaulichen. Es ist eine vereinfachte Darstellung der Wirklichkeit, aber die Grundsätze sind auf Großverbände und komplexeste Systeme übertragbar. Diese sind dazu in überschaubare Einheiten, also Kleingruppen zu gliedern. Und diese müssen durch die ganze Hierarchie bis zur Ausführungsebene eigenverantwortlich und selbständig im Sinne des Ganzen entscheiden und handeln können. Bleiben aber die mittlere Führung und die Chefebene untätig, dann läuft alles aus dem Ruder – taktisch und strategisch. Der Stadtstaat Berlin ist ein oft kritisiertes, nie saniertes Beispiel dafür. [Berliner Morgenpost]

Für viele überraschend gelten die Führungs-und Steuerungsgrundsätze auch im Zeitalter der Industrie 4.0 und der „künstlichen Intelligenz“. Denn „Maschinen lernen, aber sie denken nicht“, wie Sabine Bendiek, Vorsitzende von Microsoft Deutschland, gerade für die „KI“ (Künstliche Intelligenz) erklärt: „Diese Intelligenz unterscheidet sich ganz fundamental von der menschlichen Intelligenz. Maschinen denken nicht. Sie sind einfach in der Lage, aus großen Datenmengen Muster zu erkennen, Rückschlüsse zu ziehen und so zu lernen. Maschinen können lernen, aber ohne zu denken. … Entscheidend ist: Die Menschen müssen wissen, was die Maschinen tun, wie sie es tun und wie wir sie trainieren.“ [Interview in: VDI nachrichten 21.04.2017] Fügen wir an: Entscheiden, d. h. Handeln unter Unsicherheit, kann nur der Mensch.

Betrachten wir nun das Drei-Ebenen-Modell mit Ausführungsebene, mittlerer Führung und strategisch-politischer Chefebene. Alle brauchen Erfolgslust und Gruppendynamik, damit bis zum letzten Mitarbeiter Wissen und Begabung, Einfallsreichtum und Kreativität zum Zuge kommen.

Es ist zu zeigen, wie menschengerechte Führung schon immer Wissen, Begabung und Neigung auf allen Ebenen ausschöpfte. Das wollen wir für die Wirtschaft an einem Kfz-Betrieb, für die Verwaltung an einer überschaubaren Behörde (z. B. Landratsamt) – und für das Militär mit der Auftragstaktik veranschaulichen.

Wir beginnen mit der Ausführungsebene. Und zeigen das Zusammenwirken mit der darüber angesiedelten mittleren Führung bzw. Meisterebene. Denn nach unseren Vorstellungen bauen sich Organisationen von unten nach oben auf. Was unten erledigt werden kann, hat oben nichts zu suchen. Jede Vorschrift von oben ist eine Freiheitsberaubung unten; oder mit Montesquieu: „Wenn es möglich ist, kein Gesetz zu machen. Dann ist es notwendig, dass kein Gesetz gemacht wird.“ Alles andere erstickt Erfolgslust und Gruppendynamik.

In einer Kfz-Werkstatt reparieren die ausgelernten Gesellen, also die Fachkräfte, eigenverantwortlich und selbständig die Autos. Der Meister überwacht das Ganze, verteilt die Arbeit und sichert die Qualität. Er zieht nicht die Schrauben selbst an, aber er ist als Vorgesetzter der Fachkräfte dafür verantwortlich, dass alle Schrauben fest angezogen werden. Er hat die Personal- und Organisationsverantwortung. Er besitzt fachlich den vollen Überblick, die Mitarbeiter den vollen Durchblick.

In einer Verwaltung bearbeiten und führen die Sachbearbeiter (SB) die Akten. Sie entscheiden eigenverantwortlich und abschließend die Einzelfälle. Sie sind ausgebildete Beamte des gehobenen Dienstes mit Fachhochschulabschluss. Die darüberstehenden „mittlere Führungskraft“ nennen wir hier Amtsleiter (AL), wobei die Bezeichnungen sehr unterschiedlich sind (z.B. Referats-, oder Fachgebietsleiter u.ä.). Für das Zusammenspiel von SB und AL haben wir das Vier-Fälle-Modell entwickelt. [vgl. Führung im öffentlichen Dienst, Führung und Verantwortungsdelegation in Kommunen] Danach geht der SB mit einem Einzelfall nur unter den folgenden Voraussetzungen zur Rücksprach zum AL:

  1. Ein Fall ist rechtlich oder tatsächlich so schwierig, dass der SB ihn nicht entscheiden kann (= Aufzeigen der eigenen Grenzen und ggf. des Fortbildungsbedarfs). Dazu bringt er eine kurze, zwei- bis dreiseitige Darstellung des Sachverhalts mit. Sie schließt immer (!) mit einem Entscheidungsvorschlag und der Begründung, warum der SB sich nicht zutraut, diese Entscheidung zu fällen. Das erzieht zum selbständigen Denken.
  2. Ein zu entscheidender Einzelfall ist für eine Vielzahl künftiger Fälle bedeutsam (Grundsatzentscheidung, Präzedenzfall).
  3. Ein Fall hat große finanzielle Auswirkungen (u.U. Mitwirkung von Kämmerei, Rechnungsprüfungsamt).
  4. Ein Fall hat erhebliche (kommunal-)politische Bedeutung.

In allen übrigen Fällen entscheidet der SB eigenverantwortlich, selbständig und abschließend. Dabei ist Loyalität immer zweiseitig. Der AL darf SB-Entscheidungen nur aufheben, wenn sie falsch, rechtswidrig oder den vereinbarten Entscheidungsgrundsätzen widersprechen. Der SB ist dabei immer zu beteiligen, ggf. sind die Entscheidungsgrundsätze für die Zukunft neu zu vereinbaren. Nur so kann sich die Erfolgslust einstellen; nur so wird das Selbstvertrauen der SB nicht verletzt.

Beim deutschen Militär entspricht genau solchen Grundsätzen die Auftragstaktik. Sie ist das Gegenteil der angelsächsischen und französischen Befehlstaktik, die in fast allen Armeen galt. Inzwischen wurde fast weltweit versucht, die erfolgreiche deutsche Auftragstaktik einzuführen, was aufgrund der stark unterschiedlichen militärischen Kulturen und Traditionen nur teilweise gelungen ist. Einer der bedeutendsten Militärexperten der Gegenwart, Martin van Creveld, em. Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, hat dazu das sehr lesenswerte Buch „Kampfkraft – Militärische Organisation und Leistung der deutschen und amerikanischen Armee 1939 – 1945“ verfasst. Ausgangspunkt war eine Studie im Auftrag des US-Pentagon nach dem verlorenen Vietnamkrieg. Sie sollte deutsche und amerikanische Führungsgrundsätze vergleichen. Van Creveld war der einzige Nicht-US-Bürger in der kleinen Expertengruppe. Die Auftragstaktik, so wurde dabei festgestellt, ist ein unverzichtbarer Baustein der starken deutschen Kampfkraft.

Bei der Auftragstaktik werden keine ins Einzelne gehende Befehle erteilt, sondern auf allen Ebenen Aufträge, d.h. Ziele vorgegeben. Den Weg zum Ziel wählt der Beauftragte eigenverantwortlich und selbständig.

Der Chefebene obliegt in allen Organisationen die politisch-strategische Führung. In Großorganisationen wie dem Militär sind ihr mehrere taktische Führungsebenen unterstellt. Das ist in großen Wirtschaftsunternehmen mit vielen Abteilungen und erst recht im Staat mit Bund, Ländern und Gemeinden genauso.

Wir wollen hier klar und einfach die Grundsätze darstellen. Die Chefebene hat ganz andere Aufgaben als die ihr nachgeordneten Ebenen. Ihr oberstes strategisches Ziel ist die Sicherung des langfristigen Überlebens in Frieden und Freiheit bei angemessenem Wohlstand. Das gilt für Unternehmer, Dazu muss sie den Überblick haben und die Zusammenhänge erkennen. Bürgermeister und die Kanzlerin. Missstände und Auflösungserscheinungen, Pleiten und Konkurse sind zu verhindern.

Weiter sind eine erfolgreiche Fallsteuerung für die Ausführungsebene und Verfahrens- bzw. Prozesssteuerungen bei der mittleren Führung einzurichten, am Laufen zu halten und ständig weiterzuentwickeln. Nur so sind die zunehmende Komplexität und die Industrie 4.0 zu bewältigen.

Die dafür erforderlichen Eigenschaften von Führungskräften haben wir schon beschrieben: Wozu brauchen wir Politiker, Eigenschaften von Politikern. Was für Politiker gilt, gilt für jede Führungskraft.

Für die Aufgaben oberster Führungskräfte gibt es eine anschauliche Zusammenfassung aus dem alten Württemberg. In der Anweisung für die Reiterei von 1819 werden die Aufgaben eines Oberst als Regimentskommandeur beschrieben. Und genau so sollte auch ein Bürgermeister oder Landrat und jeder Chef einer größeren Verwaltung oder eines Unternehmens seinen Wirkungskreis sehen:

Der Oberst

Der Oberst ist die erste vorgesetzte Behörde im Regiment – die Intelligenz – von der Alles ausgeht.

Sein Wirkungskreis umfaßt alle Theile des Dienstes: innerer Dienst, Unterricht, Manneszucht [Disziplin], Verwaltung, Exerzieren – mit einem Wort – das Materielle wie das Personelle in administrativer, disziplinarischer und taktischer Hinsicht.

Der Oberst soll jedoch nicht alle Einzelheiten  s e l b s t  besorgen wollen, sondern nur als belebendes Prinzip wirken, und von diesem Gesichtspunkt ausgehend, jede Charge in die Lage versetzen, ihre Obliegenheiten erfüllen zu können und zu müssen.

Oberst

In den beiden nächsten Blogberichten wollen wir diese Gedanken weiterführen.

Entscheiden ist Handeln unter Unsicherheit

Den Ablauf bei Entscheidungen wollen wir zuerst betrachten. Ihn kann keine Maschine übernehmen, weil er mit Verantwortung verbunden ist.

 Führen, Steuern, Ordnen von Organisationen

Im übernächsten Blogbericht wollen wir die Führung betrachten, zu der nur Menschen fähig sind. Sie ist vom technokratischen Steuern zu unterscheiden, bei dem künstliche Intelligenz sehr hilfreich ist. Das aufgabenbezogene Ordnen einer Aufbauorganisation verlangt wieder viel systematisches Denken und die Kenntnis der beteiligten Menschen. Nicht jeder kann alles.

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