Kategorie: Außenwirtschaft der EU


2. Der Mittelstand schmilzt wie das Eis im Klimawandel

Die großen Gewinner der „Geldschöpfung ohne Wertschöpfung“ (Bericht 1) sind die bisherigen Groß-Geldbesitzer. Es sind wenige Superreiche.

Nicht Arbeit, Wertschöpfung und das Stiften von Nutzen werden in diesem Weltkapitalismus belohnt, sondern die Geldschöpfung. Daher drängen inzwischen die besten Abgänger von Unis und MBA-Lehrgängen nicht in die Forschung und Führung von Unternehmen, sondern in Investmentgesellschaften, Hedgefonds und Banken.

[MBA = Master of Business Administration. Den begehrten Titel verleihen „Business-Schools“ nach einem ein- oder zweijährigen nachuniversitären Betriebswirtschafts-Studium angelsächsischer Art.]

Dort sind aber nicht die Wurzeln unseres Wohlstands. Von dort lässt sich nur eine gewisse Zeit die Realwirtschaft ausschlachten – bis der große Crash, der Zusammenbruch den Schwindel aufdeckt. So hat auch 2007 die Welt unsanft gemerkt, dass hinter den „hypothekenbesicherten Wertpapieren“ Schrottimmobilien steckten. Es dämmerte plötzlich, warum die US-Banken ihre „heißen Kartoffeln“ so listig und lukrativ verkauft hatten. (Später mehr im Blog-Bericht "Giftpapiere werden Schrottimmobilien".)

Die Großgeldbesitzer (Spekulanten und Staatsfonds, Ölscheichs und Oligarchen, Hedgefonds u.a.) wollen – ganz vernünftig – ihr vieles Geld in der Realwirtschaft und in Sachwerten anlegen, bevor der große Crash die Lösung ist. Denn dann ist Großgrundbesitzer besser als Groß-Geldbesitzer. Folglich kaufen sie Grund und Boden, Unternehmen und Immobilien, kurz das Vermögen des Mittelstands. Denn sie haben Geld wie Heu. Das verändert unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft völlig. Das ist ein gewaltiger Schritt zum Zustand: Die Reichen werden ganz reich, die Armen immer mehr, der Mittelstand schmilzt ab.

Francis Fukuyama, der bekannte amerikanische Politikwissenschaftler japanischer Abstammung und Autor einiger Weltbestseller, rief 2012 in einem Aufsatz dazu auf: „Rettet die Mittelschicht!“ Er zeigte, was oft beschrieben wird, dass es z. B. in den USA zu einem „massiven Anstieg der Ungleichheit“ gekommen ist: „1974 entfielen auf das reichste Prozent [1 %] der Haushalte 9 % des BIP [Bruttoinlandsprodukt]; 2007 waren es schon 23,5 %.“ (Fukuyama, Francis, Rettet die Mittelschicht! - Cicero, Magazin für politische Kultur 2/2012, S. 64 f) Diese Erscheinung lässt sich weltweit verfolgen (Piketty, Thomas, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014 – Dabei steckt im BIP noch eine Staatsquote (35 – 40%).

Der Mittelstand schmilzt wie das Eis im Klimawandel: stetig und lautlos.

Diese Tatsache ist unbestritten. Doch wie beim Klimawandel streiten sich die Geister und Gelehrten über die Ursachen. Sicher gibt es einige, vielleicht sogar viele Gründe, doch am größten und schnellsten wird der Reichtum auf den Finanzmärkten vermehrt, wie wir im 1. Bericht sahen.

Das hat z.B. schon der alte Fuchs und Manager Jack Welch gemerkt und in seinem Buch „Was zählt“ beschrieben (Welch, Jack, Was zählt: Die Autobiografie des besten Managers der Welt, München 2001). Er machte das Traditionsunternehmen General Electric (GE), das auf den Glühbirnenerfinder Edison zurückgeht, zum zeitweise wertvollsten Unternehmen der Welt. Dazu hat er den Umsatz von 27 Milliarden US-$ im Jahr 1981 auf 130 Milliarden US-$ im Jahr 2001 knapp verfünffacht. Der Jahresgewinn versiebenfachte sich in dieser Zeit sogar auf ca. 12,7 Milliarden US-$. Die Anzahl der Mitarbeiter senkte er weltweit von 400.000 auf 300.000.

Es waren harte Führungs- und Steuerungsmethoden, die er einsetzte. Doch alles wurde übertroffen, als GE mit „GE Capital“ ins Finanz- und Bankgeschäft einstieg. Das war „Die Wachstumsmaschine“ (S. 246 ff., Aktienwert GE Capital: 11 Mrd. $ (1980); 370 Mrd. $ (2001). Jack Welch war begeistert: „GE Capital wuchs tatsächlich mit atemberaubender Geschwindigkeit.“ (S. 252) So ist das eben im kapitalistischen Leben.

Seit langem lässt sich nun beobachten, dass die Großgeldbesitzer ihr Geld in der Realwirtschaft anlegen, dort „investieren“. Dazu bedienen sie sich „institutioneller Anleger“, wie es schön heißt. Das sind Hedgefonds, Investmentbanken und Vermögensverwalter aller Art. Die Liste und die Geschäftsmodelle der Verwalter sind lang. Blackrock ist das Größte unter den Investmenthäusern der USA und der Welt. Doch „keiner kennt Blackrock, den schwarzen Riesen“, bemerkt die FAZ-Sonntagszeitung in einem groß angelegten Bericht. Blackrock verwaltet 3.800 Mrd. US-$ und besitzt Anteile an allen Dax-Unternehmen.

[DAX = Deutscher Aktienindex. Dort sind die 30 größten und umsatzstärksten deutschen AG gelistet.]

Deka, die deutsche Fondsgesellschaft der Sparkassen, kommt dagegen nur auf 150 Mrd. €. DWS, die größte deutsche Fondsgesellschaft, dreht mit 203 Mrd. € auch kein großes Rad. Der zweitgrößte US-Vermögensverwalter verwaltet immerhin ein Anlagevermögen von 769 Mrd. US-$ (Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung vom 10.02.2013, S. 37). Das zeigt, wo die Musik spielt und der Dollar rollt. (TTIP und TiSA, die Transatlantischen Freihandelsabkommen, sollen die US-Einkäufe in Europa erleichtern. Denn um Zölle geht es dabei fast gar nicht. Dazu mehr im nächsten Bericht.)

Was wird gekauft? Alles, was einen realwirtschaftlichen Wert besitzt. Aktien und Anleihen, Unternehmen und Immobilien, Krankenhäuser und Wasserwerke, Grund und Boden aller Art, Gold und andere Edelmetalle, alte und moderne Kunst.

Blackrock besitzt am Dax-Unternehmen Allianz 10,5 %, das sind 4,9 Mrd. €. Insgesamt gehört die Allianz zu 71% ausländischen Aktionären (vgl. Schaubild unten). Das sind vor allem die professionellen Anleger und ihre Auftraggeber. Diese sind unzuverlässige und unberechenbare Kantonisten. „Ihnen geht es um hohe Gewinne in wachstumsstarken Zeiten wie 1999, 2007 oder 2012. Sobald die Stimmung aber zu kippen droht … wenden sich die Investoren vom deutschen Markt ab – immer nur vorübergehend.“ (Handelsblatt, 26.09.2014, S. 61 ff.) Die Angriffe kommen vornehmlich aus den USA, aber auch aus China und den Golfstaaten. Im Handelsblatt hieß es unter der Überschrift: „Drohender Angriff aus Übersee“: „In Deutschland boomt das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen. Das zieht internationale Investoren an. Profi-Anleger erwarten auch durch die Aufspaltung von Konzernen neue Impulse.“

„Sie heißen Carl Ichan, Daniel Loeb und Paul Singer. Der breiten Öffentlichkeit sagen die Namen wenig, aber die Vorstände in Deutschland wissen, mit wem sie es zu tun haben. Denn bei dem Trio handelt es sich um die wohl berühmtesten aktiven Investoren, die Firmen unter Druck setzen, um hohe Renditen zu erzielen. Sie sitzen in den USA, verwalten Milliarden und wissen nicht wohin mit ihrem Geld. Deshalb feilen sie an einer Strategie jenseits des Atlantiks.“ (Handelsblatt, 19.12.2014, S.32 f.)

Wie weit der Einkauf in die großen DAX-Unternehmen bereits fortgeschritten ist, zeigt das folgende Schaubild. 074_Schaubild_Dax-Konzerne_02

Wir sehen auch, dass Dax-Unternehmen mit Familien im Hintergrund wie BMW, Continental, auch noch VW weniger aufgekauft sind. Familien sind bessere Eigentümer als namenlose Finanzunternehmen, „institutionelle Anleger“ und Spekulanten.

Gefährlich sind dabei die sog. „Heuschrecken“ (vor allem Hedgefonds). Sie kaufen Unternehmen, zerlegen sie, blasen die Teile durch Personalkürzungen u.a. im Wert scheinbar auf und verkaufen mit oft großem Gewinn die Einzelteile. Leistungsstarke KMU [= kleine und mittlere Unternehmen] sind ein weiteres hochbegehrtes Aufkaufziel aller Großgeldbesitzer. Unserer mittelständischen Wirtschaft drohen die gezielte Enteignung und damit die langfristige Vernichtung.

Wieder andere, wie ausländische Staatsfonds, kaufen sich bis zu solchen Mehrheiten in große Aktiengesellschaften ein, dass sie die Geschäftspolitik über ihre Aufsichtsratssitze mitbestimmen können und an die Geschäftsgeheimnisse kommen. (Mit solchen und anderen raubkapitalistischen Geschäftsmethoden, z.B. dem „Shareholder value“ [= Politik zum alleinigen Aktionärsnutzen], müssen wir uns später einmal genauer beschäftigen.)

Neben Unternehmen sind Grund und Boden das älteste wertbeständige Vermögen – und das Anlage-Ziel der Groß-Geldbesitzer. Schon Mark Twain sagte: „Kaufen Sie Land. Es wird keins mehr gemacht.“ Das „Landgrabschen“ [engl. „Land Grabbing“] ist ein weltweit verbreitetes Übel. Land ist heute begehrt wie nie. Dazu gibt es aufschlussreiche Bücher, z.B. vom Britten Fred Peace: „Flächen von der Größe kleiner Staaten wechseln zum Spottpreis die Besitzer. … Doch wenn Agrarland zum Spekulationsobjekt wird und Hedgefonds über die fruchtbarsten Anbaugebiete unseres Planeten bestimmen, sind die Folgen für uns alle unabsehbar.“ (Peace, Fred, Land Grabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden, München 2012). [Fred Pearce ist Wissenschaftsjournalist für bekannte Zeitungen wie Guardian, Times, Independent u.a. Er wurde 2001 britischer „Umweltjournalist des Jahres“.]

Nicht nur in der Dritten Welt, sondern rund um den Erdball und auch bei uns in Deutschland ist das Landgrabschen feststellbar. Es ist die klammheimliche Landnahme unseres Bauernlandes durch auswärtige Großgeldbesitzer. Im Bayerischen Fernsehen klagte ein mittelgroßer Landwirt aus der mittelfränkischen Stadt Abenberg, dass das Pachtland immer teurer werde. Die Pachtpreise hätten sich mehr als verdoppelt. Sie seien mit den erzielbaren Agrarpreisen nicht mehr zu bezahlen. Immer mehr Land werde von auswärts aufgekauft.

In unserer Schwägerschaft haben wir eine Bauernfamilie in der Uckermark (Brandenburg). Sie konnte mit Not die DDR-Zeit überleben; doch jetzt geht es ihr durch den Kapitalismus an den Kragen. Rundherum kaufen Spekulanten alles auf, was sie bekommen können. Zwar dürfen nach dem Gesetz nur Landwirte landwirtschaftliche Flächen erwerben; doch die „Landgrabscher“ umgehen und hintergehen das. Sie gründen Kapitalgesellschaft mit Bauern als Strohmänner. So werden dort schon 10.000 Hektar auf einmal gekauft.

Der bäuerliche Mittelstand wird enteignet. (Mit der Frage, wie wir unseren Grund und Boden vor dem Zugriff des Weltkapitalismus schützen können, müssen wir uns später noch beschäftigen. Das ist zugleich eine der Antworten auf die umfassendere Frage, wie die jeweilige Volkswirtschaft vor dem Kapitalismus gerettet werden kann. Ideologen von rechts und links halten Marktwirtschaft und Kapitalismus für das Gleiche. Ein großer, ein gefährlicher Irrtum!)

Wenden wir unseren Blick vom Land in die Städte. Dazu lesen wir, was jeder lesen kann, weil es ganz normal und täglich in der Wirtschaftspresse steht: „Glänzende Aussichten – Umfrage: 2015 heizen internationale Investoren die Umsätze auf dem deutschen Gewerbeimmobilienmarkt weiter an. Weil die Renditen von Anleihen sinken, schichten institutionelle Anleger ihr Geld um in Immobilien. Asiatische Anleger sind auf dem Vormarsch. Viele Käufer sind bereit, hohe Risiken zu tragen.“ Unmittelbar vor der Finanzkrise, d.h. noch im Jahr 2007, betrug das Investitionsvolumen bei Gewerbeimmobilie in Deutschland 54,7 Milliarden €. Danach sackte es auf unter 10 Mrd. € ab, um nach Schätzungen 2015 wieder bei 50 Mrd. € jährlich zu liegen (Handelsblatt, 17.12.2014, S. 34).

So werden riesige Einkaufszentren und Bürotürme gebaut. Der deutsche Bundesbankpräsident Jens Weidmann, Mitglied der EZB, meinte bei einem Blick aus der zwölften Etage seiner Frankfurter Betonfestung: „Da braut sich was zusammen.“ „Die vielen Kräne etwa, die er draußen sieht. Sie stehen für jenen Bauboom, den das billige Geld ausgelöst hat, auch wenn er sich allenfalls im übertragenen Sinne um Architektur sorgt. Ihm geht's um ‚Finanzstabilität‘.“ (Handelsblatt-Magazin, 02.10.2014, S. 18)

Doch es geht auch um Architektur und Kultur. Die überflüssigen neuen Büro- und Verkaufsflächen drücken die Mietpreise und führen zu Leerständen, gerade in den gewachsenen und den historischen Stadtteilen. Diese verkommen und verarmen. Werte werden zerstört, ohne dass wirklich neue Werte geschaffen werden. Vieles entpuppt sich bald als Bausünde, als Verschandelung der Stadt, der Landschaft und der Umwelt. Der städtische Mittelstand wird Stück für Stück enteignet.

Bisher waren die Toplagen (A-Lagen) der großen Innenstädte das Ziel der Investoren. Doch während ich an diesem Blog saß, fand ich zufällig einen passenden Bericht in „Spiegel Online“:

„Ausländische Investoren kaufen deutsche Billigimmobilien. Die Preise sind niedrig, die Bestände solide: Deutschlands Immobilien sind für Investoren so attraktiv, dass jetzt selbst B- und C-Lagen gekauft werden. 2015 dürfte die Nachfrage weiter steigen, auch wegen Interessenten aus China. … ‚Zu viel Kapital, zu wenige Investitionsmöglichkeiten‘, zitiert der Trendbarometer einen Investor. ‚Deutschland ist enorm attraktiv‘, sagt EY-Immobilienexperte [EY = Ernst & Young] Christian Schulz-Wulkow, ‚im internationalen Vergleich haben wir in Deutschland noch sehr niedrige Mieten‘. Die Aussichten für Anleger sind also gut. Für 2015 rechnen die Investoren mit Verkäufen von mehr als 50 Milliarden € – so viel wie zuletzt vor der Finanzkrise. ‚Die Bereitschaft, höhere Risiken einzugehen, hat zugenommen‘, stellt Schulz-Wulkow fest. So nehmen Käufer Leerstände in Kauf, und sie kaufen Immobilien auch in so genannten B- und C-Lagen, also in Städten wie Leipzig, Dresden, Erfurt, Itzehoe oder Flensburg. … um die überreichlich vorhandene Liquidität halbwegs sicher zu parken.‘ Vor allem sind es ausländische Käufer, die sich jetzt laut Schulz-Wulkow in Deutschland breitmachen: ‚Jetzt stehen auch chinesische Investoren vor der Tür. Die werden 2015 deutlich am Markt präsent sein‘.“ (Spiegel Online 13.01.2015, 13:34)

Die Bürger wollen das nicht. Als die städtische GGH [Gesellschaft für Grund- und Hausbesitz mbH] einen großen Wohnungsbestand in Heidelberg verkaufen wollte, verhinderte das ein Bürgerbegehren. (Liebe Leser, Sie sollten anfangen nachzudenken, wie der Markt nicht von oben und außen, sondern von unten und vom Kunden gesteuert werden kann. Diese Aufgabe und die Suche nach Lösungen wird uns begleiten.)

Das nächste Ziel der Spekulanten und Großgeldbesitzer sind die Rohstoffe. China ist hier vor allem in Afrika, aber auch anderswo sehr stark und strategisch am Werk. In Afrika ist das bei den korrupten Regierungen besonders leicht. Nigeria ist wegen seines Erdöls reich; aber das kommt bei der Bevölkerung nicht an. Die Ölkonzerne schmieren die Regierung. Den Herrschern genügt der Reichtum für sich und ihre nähere Verwandtschaft. So bleiben das Land und seine Bewohner arm. (Auch das wird uns beschäftigen. Wie kann mit Entwicklungshilfe ein Land von unten (den Bauern, Handwerkern, KMU [= Kleine und mittlere Unternehmen] ) nach oben aufgebaut und gemäß seiner eigenen Kultur und Ethik ins 21. Jahrhundert begleitet werden? „Kein Euro der Regierung, alles den kleinen Leuten in Stadt und Land“, ist einer von vielen Grundsätzen.)

Ergebnis: Es ist falsch, dass die Großgeldbesitzer, die alten und neuen Kapitalisten von New York über Dubai bis Peking, von oben und außen die Weltwirtschaft steuern. Wir haben keine Marktwirtschaft mehr, erst recht keine soziale Volkswirtschaft. Wir haben die Zusammenballung von Geld und Macht in wenigen, oft unbekannten Händen. Bei ihnen wächst der Reichtum immer schneller, der ganze Rest wird ärmer, langfristig wirklich arm. Das Ende ist die Unfreiheit, die Knechtschaft.

Genau davor warnten eindringlich die Väter der „sozialen Marktwirtschaft“ unmittelbar vor und nach dem Kriegsende. Zu dieser „Freiburger Schule“ gehörten bis heute bekannte Namen wie Walter Eucken, Wilhelm Röpke (Civitas Humana, verfasst in Genf 1943) und auch Ludwig Erhard. Diesen Ansatz müssen wir fortentwickeln, nur übernehmen ist zu wenig.

Auch Karl Marx hat das vorausgesagt, doch sein Heilmittel brachte und bringt keine Heilung. Auch der Sozialismus wird nicht von unten und vom Kunden, sondern von oben und (!) außen (UdSSR, China) gesteuert. [Dazu gibt es ein ausgezeichnetes Buch von einem Einheimischen und Betroffenen: Voslensky, Michael, Nomenklatura. Die herrschende Klasse der Sowjetunion, Wien 1980]

Ein Gegenmittel ist eine Mittelstandspolitik auf allen Ebenen von der Gemeinde über die Länder und den Bund bis zur EU. Davon sind wir meilenweit entfernt. Das Gegenteil wird praktiziert – von der Steuerpolitik (Google zahlt 3% Steuern, viele Große 0%) bis zur geplanten Zerschlagung von Sparkassen und Volksbanken, öffentlicher Wasser- und Energieversorgung. Dazu gehören auch die geplanten TTIP und TiSA [Transatlantische Handelsabkommen, EU - USA]. Dabei geht es nicht um die kaum noch vorhandenen Zölle, sondern um den freien Eintritt der Großgeldbesitzer, der Großkonzerne, der großen Anwalts-, Steuer- und Wirtschaftsberatungs-Gesellschaften in die EU. [TTIP = Transatlantic Trade and Investment Partnership – TiSA = Trade in Services Agreement = Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen]

Handelsblatt 25.02.2015

Warren Buffet

Handelsblatt online - 22.02.2015 14:22 Uhr

Warren Buffett kauft Detlev Louis -  „Wir haben den Code für Deutschland geknackt“

Warren Buffett investiert in den mittelständischen Händler Detlev Louis für Motorradzubehör aus Hamburg. … „Dieses Investment ist kleiner, als etwas, das wir normalerweise tun würden, aber es ist ein Türöffner. Ich mag es, dass wir den Code für Deutschland geknackt haben.“

Folgende Themen werden in den nächsten, etwa 14-tägigen Berichten vorgestellt:

TTIP ist kein guter Tipp – aber TiSA ist das Raubtier

Soziale Volkswirtschaft statt Weltkapitalismus

Den Einstieg in diese andere Sicht des Wirtschaftsgeschehens bietet: Pfreundschuh, Gerhard, Vom Parteienstaat zum Bürgerstaat, 4.3 Die Wirtschaft, Heidelberg 2013, Buch: ISBN 978-3-944816-07-4 ansehen und bestellen Buecher.de E-Buch: ISBN 978-3- 00-041677-4 ansehen und bestellen XinXii Siehe auch: www.pfreundschuh-heidelberg.de

4.3 Die Wirtschaft

1. Der große Bluff: Geldschöpfung ohne Wertschöpfung

Vor unseren Augen spielt sich ein großer Bluff ab: die Geldschöpfung ohne Wertschöpfung. Von 1990 bis 2011 hat sich die Realwirtschaft, die weltweite Wertschöpfung von Waren und Diensten, verdreifacht. Doch die Finanzmärkte haben sich verzehnfacht. Schwindelerregend stieg das Volumen der Derivate oder Giftpapiere, nämlich um das 300-Fache. Das hat dann 2007 die große Finanzkrise ausgelöst. Seither wird nicht weniger, sondern noch mehr Geld von Draghi, der EZB, der US-Fed u.a. in den Kreislauf gepumpt. Große Geldmaschinen schöpfen Geld, ohne dass irgendjemand dafür einen Wert schafft. Papier-Geld fliegt aus den Fenstern von Banken und Zentralbanken. Von Geld allein kann niemand leben, Geld ist nicht essbar und hat nur einen Wert, wenn uns andere Leute dafür etwas geben. Das müssen sie noch, weil die eigene Währung in jedem Land gesetzliches Zahlungsmittel ist. Doch viele erwarten ein bitterböses Ende, wie es das schon öfter gab. Ein derzeitiger Bestseller heißt: „Die Lösung ist der Crash“ Das ist dann die Geldentwertung.

Wir wollen uns dazu anschauen. 1. Die Tatsachen: In welchem Umfang findet Geldschöpfung ohne Wertschöpfung statt? (dieser Beitrag) 2. Eine der vielen Folgen: Wer bekommt das Geld? Was machen die Glücksritter mit ihrem neuen, aus dem Hut gezauberten Reichtum? Wem kaufen sie damit was ab? Wer wird immer reicher, wer immer ärmer? (im nächsten Bericht)  3. Wie sichern sie sich ab (TTIP und TiSA-Abkommen, dritter Bericht). 4. Die Ursachen: Statt einer sozialen Volkswirtschaft haben wir Weltkapitalismus (im vierten Bericht)

Vor unseren Augen spielt sich ein großer Bluff ab: Die Geldschöpfung ohne Wertschöpfung. Das Schaubild zeigt es. Die kleineren braunen Kugeln zeigen die Werte von 1990, die blauen die von 2011. Insider sagen der Schwindel geht weiter. Und wir sehen: die Geldvermehrung wird fortgesetzt.

Geld Realwirtschaft

In den Jahren 1990 bis 2011 hat sich die Realwirtschaft verdreifacht (Kugeln ganz rechts: Welt-Bruttoinlandsprodukt). Mit Realwirtschaft ist hier die jährliche weltweite Wertschöpfung, die Erzeugung von Gütern und Dienstleistungen, gemeint. Doch die Geldschöpfung hat sich verzehnfacht (alle übrigen Kugeln).

Im Handelsblatt heißt es zum Ganzen: „Reale Weltwirtschaft und Finanzspekulation haben sich entkoppelt.“

Das müssen wir uns genauer anschauen, denn nur dann verstehen wir, warum die Reichen immer reicher, die Armen immer mehr werden und der Mittelstand schmilzt. Wer auf Arbeit gesetzt hat, ist in den letzten 20 Jahren höchsten „nominell“ doppelt so reich geworden. Wer gut mit Aktien spekuliert hat, konnte sein Vermögen verfünffachen. Wer aber auf Derivate gewettet oder mit ihnen sein Geld verdient hat, der konnte seinen Reichtum um das Dreihundertfache vermehren. Das gilt auch 2011 noch – nach der großen Finanzkrise von 2007.

Alle übrigen Gedankenspiele zur weltweit wachsenden Ungleichheit sind dagegen fast Kleinigkeiten. So ist jüngst das hochgelobte Buch des Franzosen Thomas Piketty „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ erschienen (816 Seiten, München 2014). Ich habe es mir gekauft, denn die Presse hatte geschwärmt – und war enttäuscht.

„Es ist DAS Wirtschaftsbuch, das die Welt im Sturm erobert hat.“ (The Economist) „Eine brillante Erzählung über Reichtum und Armut“ (Südd. Zeitung) „Thomas Piketty ist der Ökonom der Stunde.“ (FAZ)

Bei so viel Lob verschlägt es einem die Sprache. Ich will trotzdem dazu Stellung nehmen. Pikettys Fleißarbeit untersucht in langen Zeitreihen und weltweiten Vergleichen die Entwicklung der Arbeitseinkommen und der Kapitaleinkommen. Seine Untersuchung ist ganz wichtig und untermauert herrschende Vermutungen. Er stellt fest, dass sich die Ungleichheit bei den Arbeitseinkommen und dem Kapitalbesitz im Lauf des 20. Jahrhunderts verringert hat (1910 wird mit 2010 verglichen). Seit den 1970er Jahren ist die Ungleichheit wieder angstiegen. Am geringsten ist die Ungleichheit in den skandinavischen Ländern, am stärksten in den USA (nur Europa und die USA werden hier verglichen). (Piketty, S. 325 ff.) Auch entstand im 20. Jahrhundert eine vermögende Mittelschicht (S. 342 ff.).

Für das 21. Jahrhundert erwartet Piketty dann mit überzeugenden Begründungen große innerstaatliche und internationale Einkommens- und Vermögensungleichgewichte (S. 573 ff.). Doch es wird schneller und radikaler kommen, als Pikettys nette Gleichungen und Zeitreihen erwarten lassen. Denn er arbeitet mit den herkömmlichen Denkmodellen. Er vergleicht das „Kapital“ mit der „Arbeit“ wie Marx und auch unsere meisten Wirtschaftswissenschaftler.

Wenn wir jedoch das Schaubild oben anschauen, dann erschaudern wir wegen ganz anderer Tatsachen. Die Geldmärkte und die Realwirtschaft, das Realvermögen und das Geldvermögen, haben sich entkoppelt. Geldkapital und Realkapital (z.B. Fabriken) dürfen aber nicht in einen Topf geworfen werden. Mit nur 6 - 7 % jährlich Renditen wie in Pikettys Beispielen ist es da nicht mehr getan. [Er nennt auch seltene Ausnahmen mit 12 % wie einige US-Uni Stiftungen]

Doch das ist harmlos im Vergleich zum neuen Reichtum an den Finanzmärkten, zur dortigen Geldschöpfung ohne Wertschöpfung. Die hat in den letzten 20 Jahren eine Ungleichheit und Sprengkraft entwickelt, die 2007 zur Finanzkrise führte, bei der die Weltwirtschaft am Rand des Zusammenbruchs stand. Diese Gefahr ist überhaupt nicht gebannt. Mit all dem beschäftigt sich Piketty nicht. Das Ausnahmen-Vermögen von Bill Gates hat sich von 1990 bis 2010 um das 12-fache vermehrt (von 4 Mrd. auf 50 Mrd. US-$) (Piketty, S. 586). Der Wert der Derivate [= Ableitungen von Kreditgeschäften] hat sich dagegen von 1991 bis 2011 um das 300-fache vergrößert (von 2.000 Mrd. auf 601.000 Mrd. US-$ - mittlere Kugeln oben). Bill Gates hat Nutzen gestiftet, die Derivate haben Schaden angerichtet, ohne dass die Verursacher für die Folgen haften. Wie wir oben sehen, konnten sie mit Hilfen der Staaten und Zentralbanken ihren Reichtum über die Finanzkrise retten. (Dazu stellen u.a. die Bücher von Sinn, Hans-Werner, „Kasinokapitalismus“ sowie von Roubini, Nouriel und Mihm, Stephen, „Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft“ gut die Ursachen und Folgen dar.)

Betrachten wir den Unterschied genauer. Im Gegensatz zu Piketty müssen wir beim „Kapital“ zwischen Sach- oder Realkapital einerseits und Geld- oder Finanzkapital andererseits unterscheiden. Wer beides in einen Topf wirft, erkennt den Sprengstoff nicht.

In der Realwirtschaft schafft Sachkapital in Verbindung mit Arbeit neue Werte, die am Markt als Güter und Dienstleistungen nachgefragt werden. Wir kaufen ein Auto oder gehen zum Arzt. Das stiftet Nutzen, deckt Bedürfnisse von Bürgern und Kunden. (Das sind oben im Schaubild die beiden Kugeln ganz rechts.) Wir sprechen daher von Wertschöpfung, die im Welt-Bruttoinlandsprodukt (Welt-BIP, früher Bruttosozialprodukt BSP) für jeweils ein Jahr zusammengefasst wird. Wir können auch sagen, das ist der Markt für Güter und Dienste.

So hat sich das Gesamtvermögen der privaten Haushalte in Deutschland von 1991 bis 2011 „nur“ gut verdoppelt (von 5,4 Billionen € auf 11,8 Billionen). Das gilt auch für das darin enthaltene Geldvermögen (von 1,9 Bill. € auf 4,7 Bill. €). Die Gewinner der weltweiten Geldvermehrung sitzen also nicht in Deutschland. Genau das Gleiche gilt für das Immobilienvermögen der deutschen Privathaushalte, nämlich Verdoppelung von 2,7 Billionen € (1991) auf 5,9 Billionen € (2011). Das ist sogar weniger als die Verdreifachung der weltweiten Realwirtschaft. (Institut der Deutschen Wirtschaft Köln, Tim Clamor / Ralf Henger, Verteilung des Immobilienvermögens in Deutschland, März 2013 – mit Schaubild zu allen Vermögensarten)

Dem gegenüber steht die reine Geldschöpfung ohne reale Wertschöpfung. Sie hat sich von 1990 bis 2011 weltweit verzehnfacht, ist von 175.745 Mrd. $ auf 1.701.835 Mrd. $ angeschwollen (oben alle Kugeln außer Welt-BIP). Es war eine wunderbare Geldvermehrung mittels Geldscheinen, Aktien, Staatsanleihen, Gift- und anderen „Wert“-Papieren. Überdurchschnittlich angewachsen sind dabei die Devisen und die Derivate [Wertpapiere für Kreditnebengeschäfte].

Den Grund für die Ausweitung der Währungsgelder [Devisen] sehen viele im weltweiten, heimlichen bis offenen Währungskrieg. Um den Wert der eigenen Währung und damit die Preise für eigene Waren beim Export niedrig zu halten, drucken viele Zentralbanken Geld und werfen es auf die Devisenmärkte. Damit wird der eigene Export, z.B. der Chinesen, gefördert. Die Schweiz hat so bis zum 14.01.2015 den Franken vor einer Aufwertung, Verteuerung geschützt. Als die Schweizer Zentralbank ihr gezieltes Angebot von Franken auf dem Devisenmarkt aufgab, ist er hochgesprungen. Musste ich vorher für 1 Franken oder eine Schweizer Ware im Wert eines Franken 0,83 € bezahlen, so kostete am 16.01.2015 beides 0,99 € (+ 12,3%).

Jeder weiß: Schon eine Apfelschwemme verdirbt und senkt die Apfelpreise. So hat sich der Marktwert aller Währungen versechsfacht und ist damit doppelt so schnell gewachsen wie die Wertschöpfung der Realwirtschaft. Ob der Währungskrieg mit seiner Geldschwemme der alleinige Grund ist, bleibt unklar. Immerhin wird gegen einige Großbanken wegen Betrug bei Devisengeschäften ermittelt.

Der größte Sprengsatz auf den Finanzmärkten sind die Derivate [= wörtlich Ableitungen]. Nehmen wir an, ich habe bei meiner Sparkassen einen Kredit für eine realwirtschaftliche Investition bekommen (z.B. für den Bau von meinem Häusle). Wenn nun die Sparkasse diesen Kredit weiterverkauft oder irgendwo versichert, weil sie z.B. meinen Bankrott fürchtet, dann ist dieses neue Geschäft ein Derivat. Wir können das auch Kreditnebengeschäft bzw. Ableitung oder Derivation von Krediten für reale Investitionen nennen. Es wird auch von Kreditverbriefungen gesprochen.

In den USA wurden vor 2007 massenhaft solche faulen Immobilien-Krediten neu gebündelt und verpackt (verbrieft). Sie wurden weltweit mit Gewinn weiterverkauft. Plötzlich dämmerte es einigen; sie und immer mehr verkauften. Die Preise stürzten ab, die Blase platzte. Es kam zur Weltfinanzkrise. (Wir werden diese Geldschöpfung im dritten Bericht genauer anschauen.)

Gelockt wurden die Käufer mit hohen Renditen. Die Höhe des Zinses ist ein Gradmesser für das im Wertpapier steckende Risiko. So bringen z.B. Staatsanleihen von möglichen Pleitestaaten viel höhere Zinsen als Anleihen von gesunden Ländern.

Nehmen wir ein Beispiel: Der klassische Pleitestaat Argentinien muss an seine Gläubiger, die Käufer seiner Staatsanleihen, viel höhere Zinsen zahlen als die USA. Denn die Erfahrung zeigt, dass Argentinien immer wieder einmal Pleite geht und seine Anleihen wertlos sind oder ihr Wert gekürzt wird. Schuldenschnitt heißt das dann. Doch wer zu viel Geld hat, gern spielt und spekuliert, dem gefallen solche Geschäfte. Man hat ja oft Glück, viel, viel öfter als beim Lotto.

Entsprechendes gilt für Privatdarlehen. Giftpapiere, also solche mit hohem Ausfallrisiko, wurden hoch verzinst. Aus Gier auf solche Renditen und durch Verschleierung der wahren Risiken lief der Verkauf von US-Giftpapieren bestens. Am Ende der Kette standen sehr oft die deutschen Landesbanken. Sie und die Verkäufer (Investmentbanken) hatten glänzende Bilanzen. Doch der Glanz war Trug. Von 2001 bis 2006 stieg der Anteil der riskanten Giftpapiere bei „verbrieften US-Krediten“ [MBS-Wertpapiere] von 7% auf 42%. (Sinn, Hans-Werner, Kasino-Kapitalismus, Berlin 2009, S. 132)

Als der Schwindel erkannt wurde, waren die „Wertpapiere“ nichts mehr wert, unverkäuflich. (Die Schaffung von Derivaten ist nur eine Form der Geldvermehrung. Wir besprechen zunächst nur sie, weil hier die fehlende Wertschöpfung so offensichtlich ist und durch sie die große Finanzkrise ab 2007 ausgelöst wurde. Viele Insider sagen, der Schwindel ginge weiter.)

Da viele Banken in ihren „Wertpapier“-Beständen Derivate (in Form echter Giftpapiere) hatten und haben, drohen Bankpleiten. Wenn z.B. Sparer ihr Geld zurück wollen, können Banken nicht zahlen. Denn die Gegenwerte, die Anlage der Spargelder in Derivaten, sind wertlos geworden. Bei Großbanken fürchten Währungshüter Dominoeffekte; d.h. die gesamte Geldversorgung könnte zusammenbrechen und mit ihr die Weltwirtschaft. (Die Bankpleite von Lehman Brothers wurde zum Trauma.) Hier will nun Draghi helfen und das kaufen, was andere nicht mehr wollen.

Was kann mittel- bis langfristig passieren? Wir lesen es täglich in der Zeitung und hören es in den Medien: Mario Draghi und damit die EZB fluten die Märkte mit Geld. Sie kaufen Staatsanleihen und geben so den ohnehin schon überschuldeten Staaten weiter flüssige Mittel. Jetzt wollen sie auch „Giftpapiere“ wie riskante Derivate kaufen, die private Anleger nicht mehr wollen.

Die Wirtschaftswissenschaftler schnappen nach Luft und schauen ratlos in die Luft. „Hatten wir noch nie“, meinen sie. Stimmt nicht! In der Wirtschaftsgeschichte gab es immer wieder Entkoppelungen von Realwirtschaft und – sagen wir – Geldwirtschaft (genau müsste es Finanzwirtschaft heißen). Ludwig Erhard hat deswegen mitten im Krieg (1943 / 44) eine Denkschrift verfasst. Die Kriegswirtschaft war nämlich auch auf Pump, auf „Papier“-Geld aufgebaut. Erhard sah die große Schwierigkeit, nach dem Krieg Kriegsschulden, überschüssige Kaufkraft und die Realwirtschaft ins Gleichgewicht zu bringen.

Denn jedes Wertpapier hat einen Schuldner und einen Gläubiger. Schuldner war der Staat, Gläubiger waren die Bürger und die Banken, die ihr Geld dem NS-Staat im Krieg leihen mussten. Sie wollten nach Kriegsende ihre Ansprüche in Güter und Sachwerte tauschen. Doch für diese angehäufte Kaufkraft gab es nicht genug Güter, keine entsprechend leistungsfähige „Güterwirtschaft“, wie Erhard die Realwirtschaft nannte. Heute sagen wir Realwirtschaft, denn auch die Dienstleistungen zählen dazu. Erhard befürchtete zu Recht den Zusammenbruch der Finanz- und der Realwirtschaft. (Die Denkschrift 1943/44 „Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung“ gibt es als Faksimiledruck der Ludwig-Erhard-Stiftung e.V., Frankfurt/ M. 1977) Die Lösung war dann die Währungsreform von 1948. Dazu passt, dass derzeit ein Bestseller auf dem Markt ist, den nach dem Handelsblatt die Deutschen nachts unter der Bettdecke lesen: „Der Crash ist die Lösung – Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten“ (von Matthias Weik und Marc Friedrich, Frankfurt/ M., 5. Aufl. 2014)

Doch hinter dieser wunderbaren Geldvermehrung steckt noch ein weiteres ganz heimliches, ja heimtückisches Geschehen. Weltweit wittern die Geld- bzw. „Wert“-Papierbesitzer die Gefahr. Deswegen suchen sie Anlagen in der Realwirtschaft. Die ist aber nur ein kleines Mäusle im Vergleich zu den riesigen Kugeln von Derivaten, Devisen usw. Chinesische und arabische Staatsfonds, aber auch die schnell reich gewordenen Derivate-Könige und andere „Papier-Besitzer“ kaufen, was käuflich ist.

Was sie kaufen und was für Folgen das für jeden von uns hat, wollen wir das nächste Mal besprechen.

Folgende Themen werden in den nächsten, etwa 14-tägigen Berichten vorgestellt:

     Der Mittelstand schmilzt wie das Eis im Klimawandel

    TTIP ist kein guter Tipp – aber TiSA ist das Raubtier

    Soziale Volkswirtschaft statt Weltkapitalismus

Den Einstieg in diese andere Sicht des Wirtschaftsgeschehens bietet: Pfreundschuh, Gerhard, Vom Parteienstaat zum Bürgerstaat, 4.3 Die Wirtschaft, Heidelberg 2013 Buch: ISBN 978-3-944816-07-4 ansehen und bestellen Buecher.de E-Buch: ISBN 978-3- 00-041677-4 ansehen und bestellen XinXii

Siehe auch: www.pfreundschuh-heidelberg.de

4.3 Die Wirtschaft

21. Lösungen statt Auflösung verlangt die Weltlage

Die Lage

Theo Sommer von der Wochenzeitung „Die Zeit“ verschickte jüngst ein Morning-briefing (19.06.2018) mit der Überschrift „Auflösung überall“:

„In diesen Tagen kann einen der Blick in die Welt leicht in Depressionen stürzen. Wohin man auch schaut, auf die äußere Szene oder auf die heimische, überall ist nur Auflösung zu sehen, nirgendwo Lösung.“

Chinas Aufstieg, Amerikas Abschied als führende Weltmacht, der Kampf sowohl der Kulturen als auch der Wirtschaftssysteme markieren eine tiefgreifende Zeitenwende. Die westliche Welt löst sich auf. Denn ihr fehlt eine zukunftsfähige Strategie.

Bei einer Umfrage 2017 sagten 87 % der Chinesen, ihr Land bewege sich in die richtige Richtung; der Durchschnitt von 27 teilnehmenden Länder lag bei 40 %, Westeuropas Länder waren durchweg besonders pessimistisch.[Stefan Baron / Guangyan Yin-Baron, Die Chinesen – Psychogramm einer Weltmacht, Berlin 2018, S. 418, Baron ist bekannter Wirtschaftsjournalist, seine Frau Yin-Baron Chinesin aus alter Familie.]

Die Kanzler Adenauer und Helmut Schmidt waren wie Bismarck noch Strategen; sie dachten langfristig und vorausschauend. Sie waren Staatsmänner, keine kurzsichtigen, gehetzten Tagespolitiker. Wer es wissen will, muss Adenauers „Erinnerungen“ und Helmut Schmidts „Ein letzter Besuch, Begegnungen mit der Weltmacht China“ (2013) lesen.

Adenauer erkannte schon in den 1950er Jahren: „Ein weiteres Element weltpolitischer Bedeutung von großer Tragweite, das sich erst nach 1945 zeigte, ist das Erscheinen nichtweißer Völker auf der Bühne des politischen Weltgeschehens. Um die Bedeutung dieses neuen politischen und wirtschaftlichen Faktors klarzumachen, genügt es, wenn ich die beiden größten Vertreter nenne: Rotchina und Indien …“ [Erinnerungen, Band II (1955 – 1959), Stuttgart 1967, S. 19 f.] Jetzt ist es soweit. Schon Napoleon warnte: „Weckt mir den schlafenden Riesen China nicht auf!“

Ein genauerer Blick auf das heutige Vorgehen der neuen Weltmacht China zeigt uns, wie klare strategische Ziele, eine konsequente operative Umsetzung und eine geschickte Taktik aussehen.

 Ratlose neoliberale Ökonomen und Parteipolitiker Schon 1983 sagte der Altbundespräsident Richard von Weizsäcker:

„Zwischen der Macht der Parteien im Staate einerseits und ihrer Befähigung zur Lösung der Probleme andererseits hat sich eine breite Kluft aufgetan. Dieses Problem zu lösen, ist unsere zentrale verfassungspolitische Aufgabe. Sie entscheidet nicht nur über die Zukunft der Parteien, sondern über das Schicksal unserer Demokratie überhaupt.“ [R. v. Weizsäcker, Die deutsche Geschichte geht weiter, Berlin 1983, S. 154 f]

Die Kluft ist größer statt kleiner geworden. Kohl und Merkel waren und sind Aussitzer, ihre Problemlösungsfähigkeit geht gegen Null. Doch auch von den anderen kommen keine Lösungen.

Und unsere Wirtschaftswissenschaftler denken nur in den neoliberalen Modellen von Smith und Keynes. Danach hat sich der Staat aus dem Wirtschaftsgeschehen herauszuhalten. Die Klassiker im Gefolge von Adam Smith erlauben nur eine Geldpolitik mit Steuerung über Zinsen und Geldmenge; die Keynesianer fordern Fiskalpolitik mit öffentlichen Investitionen und Staatsverschuldung. Alles andere leistet ein angeblich „vollkommener Markt“ durch die „unsichtbare Hand“. Doch die ruht sich derzeit aus. Mächte mit starkem politischem Willen oder Marktteilnehmer mit reiner Profitgier sind am Werk, überlisten die Marktkräfte. Genau hier fehlen Gegenstrategien und Gegenkräfte.

Für alle Neoliberalen gilt der Satz von Albert Einstein: „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert.“ Strategien führen zu Lösungen

Strategisches Denken beginnt damit zu wissen, was man will und was die Gegenspieler wollen. Denn in der Politik wie in der Wirtschaft und im Krieg treffen menschliche Willenskräfte aufeinander. Es ist nicht die „unsichtbare Hand“, kein naturgesetzlicher „Weltenlauf“ (Determinismus), der unentrinnbar einer neoliberalen, westlich demokratischen oder einer kommunistischen Endzeit entgegeneilt. Daran glauben nur Ideologen.

All die komplexen und komplizierten, auf Deutsch verwirrten und verwickelten Dinge werden entwirrt und sogar einfach, wenn wir als Strategen fragen: Was wollen unsere Gegenspieler? Was wollen wir?

Dazu sagt Carl von Clausewitz, der Vater des strategischen Denkens: Strategie konzentriert sich auf das ganz Wichtige und Wesentliche. „So ist denn in der Strategie alles sehr einfach, aber darum nicht auch sehr leicht.“ Vielen fällt es sehr schwer, einfach zu denken. Schwer ist auch die Umsetzung, weil Friktionen, d.h. Gegenkräfte und Widerwertigkeiten, am Werk sind. [Vom Kriege, ungekürzter Text, Frankfurt/M. 1980 (Ullstein Materialien), S. 150]

Das Beispiel China

Schauen wir nun, wie es China, unserer größter Gegenspieler, macht. Die von Deng, dem Vater des chinesischen Wirtschaftswunders, ausgegebenen strategischen Ziele Chinas sind ebenfalls ganz einfach und werden zugleich ohne Wenn und Aber umgesetzt. Deng spricht in Anlehnung an den Sprachgebrauch von Hegel und Marx vom Hauptwiderspruch. Wir nennen es besser das strategische Hauptziel, das Deng 1978 verkündete und bis heute gilt:

„Der Hauptwiderspruch in der chinesischen Gesellschaft ist der Widerspruch zwischen den wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnissen des Volkes und der rückständigen gesellschaftlichen Produktion.“ Das heißt Beseitigung von Armut und technischer Rückständigkeit.

Für die operative Umsetzung werden „operative Ziele“ festgelegt (z.B. Fünf-Jahres-Pläne). Während die Strategie die Grundlinie bestimmt, nennt die Betriebswirtschaft Ziele dann „operationalisiert“, wenn sie mit Zeit und Zahlen prüfbar, also Controlling fähig sind.

Dabei ist etwas ganz wichtig, das im Westen oft nicht erkannt wird: Die operative Steuerung durch die Kommunistische Partei Chinas erfolgt durchgängig bis in die letzten Dörfer und Betriebe. Das geschieht durch Parteizellen in allen Unternehmen. Sie sollen nun auch in ausländische Firmen eingebaut werden. Sie üben Mitbestimmung nach den Richtlinien der Partei aus. Deutsche Firmen in China fühlen sich dadurch bedroht, die deutsche Außenhandelskammer in China ist „entsetzt“. [Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Chinas Weg zur Weltherrschaft, 07. 01. 2018]

Andererseits kaufen auch „private“ chinesische Firmen und Investoren weltweit genau das, was den strategischen und operativen Zielen der KPCh entspricht, also der Überwindung des Hauptwiderspruchs bzw. der Hauptaufgabe dient. Das folgende Schaubild zeigt, wie stark der Aufkauf deutscher, vor allem mittelständischer, technologischer Unternehmen durch chinesische Staatskonzerne und sog. „private“ Unternehmen voranschreitet. „Inzwischen liegen die Zahlen für 2017 vor. „Chinesische Investoren kauften sich 2017 mit 12 Milliarden Euro in der deutschen Industrie ein. Umgekehrt funktioniert der Handel aber kaum.“ [Handelsblatt10, 24.05.2018]

Umgekehrt regulieren der chinesische Staat und die Partei zielgenau die ausländischen Investitionen in China. Dazu gibt es den „Wegleitenden Wirtschaftskatalog für Investitionen ausländischer Geschäftsleute“. Darin ist festgelegt, zu welchen Investitionen Ausländer ermutigt werden sollen, wo sie zu beschränken sind und was zu verbieten ist. [Harro von Senger, Moulüe – Supraplanung – Unbekannte Denkhorizonte aus dem Reich der Mitte, München 2008, S. 92] Hier müsste die EU dann mindestens nach dem Grundsatz der Gegenseitigkeit handeln und ebenfalls einen „Wegleitenden Wirtschaftskatalog“ aufstellen.

Das zweite strategische Ziel, das inzwischen auch operativ umgesetzt wird, ist der „weltweite Griff nach der Infrastruktur“. China will die Absatzwege schaffen und besitzen. Dazu gehört das Vorhaben „Seidenstraße“. Es ist der Ausbau der Landverbindung zwischen China und Europa mit schnellen Eisenbahnverbindungen und Autobahnen. Aber auch im Nahen Osten und in Afrika ist diese Strategie zu beobachten.

Besonders aufschlussreich ist das Vorgehen Chinas in Afrika. Inzwischen sprechen dabei manche vom „Chinesischen Modell“. Die Chinesen haben sich dort als erstes die Infrastruktur, aber nicht nur diese ausgesucht. „Ein Kontinent wird schanghait: Warum man in Afrika so viele Chinesen trifft“, heißt es schon. In Dschibuti haben sie eine Militärbasis, in vielen Ländern bauen sie Häfen, Straßen, Brücken, Hochhäuser.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtet am 07.01.2018: „Die chinesische Eroberung Afrikas beginnt das Gesicht des Kontinents zu verändern. … Sie prägen an vielen Orten den Alltag. Man sieht sie heute auf jedem innerafrikanischen Flug. Chinesen jeder Schicht und Prominenz – von Chef des Staatsunternehmens über den Bauarbeiter, die Businessfrau, den Touristen bis zum Kugelschreiberverkäufer. Oft sind es Menschen von großem Pioniergeist.“ Eine Million Chinesen arbeiten in Afrika.

Kommen wir nun zur „Taktik“. Das ist die Lehre, wie ein Gefecht, ein Geschäft oder Verhandlungen zu führen sind. Die Chinesen nennen es „Strategeme“ oder Kriegslisten.

Welche Taktik wird nun bei der Umsetzung der strategischen und operativen Ziele angewandt? Harro von Senger, ein guter Chinakenner und emeritierter Sinologe der Uni Freiburg / Br., weist darauf hin, dass es die jahrtausendealte, durch all diese Epochen gepflegte und weiterentwickelte „Kunst der List“ ist. Sie ist militärischen Ursprungs und begann mit Sun Tsu um 500 v. Chr. Das sei an einem Beispiel verdeutlicht. [Harro von Senger, Die Kunst der List, Strategeme durchschauen und anwenden, München 2001, S. 180 f.]

Chinesen haben keine Probleme, „strategische Feindschaft“ mit „taktischer Freundschaft“ zu verbinden. Bemerkenswert ist u.a. die Strategeme Nr. 30: „Die Rolle des Gastes in die des Gastgebers umkehren!“ Wir können auch sagen: „Vom Gast zum Hausherrn werden!“ Harro von Senger führt dazu ein Beispiel aus der spanischen Schuhindustrie an. Zuerst ließen die Spanier auch in China Schuhe fertigen. Dann bauten die Chinesen eigene Vertriebswege auf; und heute werden in Spanien keine dieser hochwertigen Schuhe mehr hergestellt. [Harro von Senger, Die Kunst der List, Strategeme durchschauen und anwenden, München 2001, S. 77]

Die chinesischen Erfolge zeigen, nicht die „unsichtbare Hand“, sondern Menschen steuern das Marktgeschehen. Und wer Strategie mit operativer Umsetzung und taktischem Handeln verbindet, bleibt Sieger.

Im nächsten Blockbericht: „Soziale Volkswirtschaft – eine Strategie für Europa“

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