Kategorie: Welthandel statt Weltkapitalismus


5. Geld- oder Globalsteuerung: Fehlsteuerung

Mario Draghi, Angela Merkel, Francois Hollande, und wie sie alle heißen, wollen den Euro retten und Europas Wirtschaftsschwäche überwinden. Doch die Wirkung bleibt aus, die Lage verschlechtert sich in weiten Teilen Europas. Denn man greift zu den alten Mitteln der Wirtschaftspolitik, folgt den herkömmlichen Empfehlungen der Wirtschaftswissenschaft. Dabei sind die Nebenwirkungen schon heute äußerst bedrohlich.

Das Geld aus der Geldschwemme von EZB (Europäischer Zentralbank) und südeuropäischer Staatsverschuldung fließt in die falschen Taschen. Statt in die Realwirtschaft strömt es in die Finanzwirtschaft. Nicht neue Güter und nützliche Dienstleistungen, nicht Arbeitsplätze und Investitionen werden geschaffen. Nein, die Spekulationen der Großgeldbesitzer und die Vermögensumverteilung von unten nach ganz oben werden befeuert (Der Mittelstand schmilzt wie das Eis im Klimawandel). Wie kommt das?

Es gibt zwei herrschende Theorien in der Wirtschaftswissenschaft. Beide schauen nur auf’s Geld und blicken nicht durch bis zur Realwirtschaft. Das sind (1.) die neoliberale Angebotstheorie und (2.) die Nachfragetheorie von Keynes (1883 - 1946). Beide wollen auf allen Märkten (Arbeits-, Güter-, Geldmarkt usw.) ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage erreichen. Alle sollen Arbeit haben, alle Güter sollen verkauft werden, die Geldversorgung soll ohne schädliche Nebenwirkungen (Inflation oder Deflation) von der Zentralbank gesteuert werden. Die EZB und die EU setzen heute beide Theorien nebeneinander ein. Doch die erwünschten Erfolge bleiben aus, gefährliche, systemverändernde Auswirkungen sehen wir.

Bei Krisen und Ungleichgewichten sagen die Neoliberalen, es liegt an der gestörten Geldversorgung, dass die Wirtschaft stockt. Daher fordern sie viel frisches Geld und niedrige Zinsen, um bei den Unternehmern Investitionen und Angebote anzuregen. „Das Angebot schafft sich seine Nachfrage“, sagen sie. Unternehmer lieben diese Theorie.

Anders sehen die Keynesianer und die Gewerkschaften die Welt. Was nützen Angebote, wenn die Leute aus Geldmangel nicht zugreifen. Über staatliche (fiskalische) Investitionen, über Ausgaben und Schulden muss die gesamtwirtschaftliche Nachfrage angestachelt werden. Das bringt mehr Arbeit und höhere Löhne – und das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht stellt sich ein. Das englische Schlüsselwort heißt „deficit spending“, also „Schulden machen“, und zwar durch den Staat (Fiskus).

Es wird daher die (1.) neoliberale Geldpolitik von der (2.) keynesianischen Fiskalpolitik unterschieden.

[Zur Vertiefung: Bei (1.) wird auch von Angebotspolitik oder Monetarismus gesprochen; das führt zur „Mikroökonomie“. (2.) wird auch Nachfragepolitik oder Globalsteuerung genannt und führt zur „Makroökonomie“. Gute Studienbücher sind: Stobbe, Alfred, Mikroökonomik (Heidelberg 1983 ff.) und Makroökonomik (Heidelberg 1975 ff.)]

In der Nachkriegszeit herrschte zunächst die Fiskaltheorie. Die Empfehlungen von Keynes hatten – so die Meinung – zur Überwindung der Weltwirtschaftskrise (1929 - 1936) geführt. Die Nachkriegszeit war weitgehend krisenfrei. Und die erste Wirtschaftsschwäche 1967 wurde mit Fiskalpolitik so gut überwunden, dass der Optimismus grenzenlos war. Karl Schiller war Wirtschaftsminister und Franz Josef Strauß der Finanzminister. Beide waren überzeugend und durchsetzungsstark. „Plisch und Plum“ wurde das erfolgreiche und beliebte Paar der ersten Großen Koalition genannt. „Wir haben alles im Griff. Wir können die Wirtschaft allzeit krisenfrei und allumfassend, eben „global“ steuern“, glaubten nun die Schwarzen und die Roten.

Das nannten sie jetzt „Globalsteuerung“ und erließen das Stabilitätsgesetz (1967). Darin wurde ein „magisches Viereck“ als Maßstab und Ziel vorgegeben:

1. hohe Beschäftigung (Arbeitslosenquote von unter 0,8 %), 2. Preisstabilität (Inflationsrate von unter 1 %), 3. stetiges, angemessenes Wirtschaftswachstum (4 % jährlich), 4. außenwirtschaftliches Gleichgewicht (Einfuhr ≈ Ausfuhr).

Niemand kann sich erinnern, dass diese Ziele daraufhin je erreicht wurden.

Ab Anfang der 1970er Jahre gewannen langsam die Neoliberalen die Oberhand. Der Staat sollte nun überhaupt keine Wirtschaftspolitik betreiben. Nur eine unabhängige Zentralbank sollte für die Geldmenge, die genau richtige Geldversorgung zuständig sein. Wenn alle Märkte frei und ungeregelt [dereguliert] sind, sorgt die „unsichtbare Hand“ für das umfassende Gleichgewicht. Dieser Neoliberalismus bekam bei uns auch deshalb Auftrieb, weil die Deutsche Bundesbank 1974 zur strengen Geldmengensteuerung überging. [Der Goldstandard des Dollars und damit das Weltwährungssystems von Bretton Woods war am 15.08.1971 aufgegeben worden. Es kam zum „Nixon-Schock.]

Nun hieß es, die Fiskalpolitik könne nur „Strohfeuer“, keine echte Stärkung der Marktkräfte hervorbringen. Die Neoliberalen aus den USA gewannen immer mehr die geistige Führung und nannten ihre Wirtschaftspolitik „Monetarismus“ [Geldsteuerung]. Mit der Finanzkrise (2007), die gerade eine Folge ungezügelter [deregulierter] Finanzmärkte war und zur Geldschöpfung ohne Wertschöpfung geführt hatte, kamen wieder die Keynesianer zu Ansehen.

Heute meinen viele, die Mittel von Keynes seinen wirksam bei den kurzen wirtschaftlichen Auf- und Abschwüngen (Konjunkturzyklen), der Monetarismus erfolgreich bei Strukturmängeln des Marktes .

In der gegenwärtigen Eurokrise mit ihrer ausgeprägten Wirtschaftskrise in Südeuropa wird beides gleichzeitig versucht. Die EZB wirft Billionen Euro auf den Markt. Mit Niedrigzins und großer Geldmenge wird im Sinne des Monetarismus versucht, die Angebotsseite, die Investitionen der Unternehmer aufzupäppeln und so Arbeitsplätze zu schaffen.

Gleichzeitig kauft die EZB Staatsanleihen. Mit den Anleihen können die Südeuropäer weiter Staatsschulden gemäß der Nachfragetheorie machen. Doch die Wirtschaftsschwäche in Süd- und Westeuropa bleibt. Früher hieß es: „Die Pferde [= Wirtschaft] saufen nicht.“ Die Geldschwemme aus der EZB und aus den Staatsschulden beeindruckt die Realwirtschaft wenig; sie wird allerdings von den Superreichen aufgekauft (Der Mittelstand schmilzt wie das Eis im Klimawandel).

Das ist Fehlsteuerung.

Dabei setzt die EZB sogar wichtige Grundsätze der Marktwirtschaft außer Kraft. Sie betreibt Konkursverschleppung, was sonst strafbar ist. 2006 platzte in den USA eine Immobilienblase. Es wurde sichtbar, dass hinter den „hypotheken-gesicherten Wertpapieren“ Schrottimmobilien steckten. Der auf diesen Papieren aufgedruckte Wert entsprach i. d. R. nicht im Geringsten dem Realwert der Immobilien. Die Blase platzte. Die viel zu hohen Immobilienpreise brachen ein. Von Juni 2006 bis Dezember 2008 kam es zu einem Preisrückgang von 28%; das ist ein Wertverlust von etwa 7,1 Billionen Dollar . Alle betroffenen Banken, die höchstens Eigenkapital von 8% hatten, hätten bei 28% Wertverlust Pleite gehen müssen. Denn auch die Aktien, Anleihen u.a. „Wert“-Papiere stürzten ab (um 70% bis 97%, d. h. auf 3% oder 30% der „Vor-Krisen-Werte“ (Sinn, Hans-Werner, Kasinokapitalismus, S. 49).

Es kam zu Kettenreaktionen. In Spanien und anderwärts platzten ebenfalls aufgeblähte Immobilienblasen. Auch in Griechenland, Italien gingen dem „Markt“ die Augen auf: Die Staaten waren überschuldet, hatten seit der Euro-Einführung weit über ihre Verhältnisse gelebt, hätten nun „Staatspleite“ anmelden müssen. Denn es ist der eiserne Grundsatz der Marktwirtschaft: Wer sich überschuldet und zahlungsunfähig wird, geht pleite. Die Gläubiger, die gutgläubig dem verwegenen Spekulanten Geld geliehen haben, gehen leer aus; haften für ihre Dummheit.

Doch nun brach bei den Regierungen und Zentralbanken die Panik aus. Sie setzten die „Marktwirtschaft“ außer Kraft; gaben den Banken und Schuldenstaaten Milliarden Dollar oder Euro, damit der Bankrott nicht eintrat. Nicht die superreichen Spekulanten, sondern die kleinen und mittleren Steuerzahler wurden in Haftung genommen. Hans-Werner Sinn nennt es die Geiselhaft der nächsten Generation. Manche erwarten auch die Pleite der EZB, das Aus für den Euro. „Der Crash ist die Lösung.“

Schon 2009 stellt Hans-Werner Sinn fest:

„Insgesamt wurden etwa 580 Milliarden € als Hilfen und Bürgschaften für die Banken sowie 100 Milliarden € als Bürgschaften für die Privatunternehmen und 81 Milliarden € für zwei Konjunkturprogramme zur Verfügung gestellt. Die Politik wirft mit den Milliarden nur so um sich, um einer Krise des Finanzsystems Herr zu werden, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Schwindel entsteht, wenn man sich die Zahlen vor Augen führt, und Schrecken, wenn man an die Belastungen künftiger Generationen denkt.“ (Sinn, S. 11)

Inzwischen sind wir bei Billionen angelangt!

Sinn gibt uns zugleich einen Hinweis darauf, wo die Fehlsteuerung liegt:

„Der Transrapid war Deutschland keine dreieinhalb Milliarden Euro wert. Für die Kernfusion verwendet es im Jahr etwa 180 Millionen € auf, und alle 132 fünfjährigen Exzellenzinitiativen zu Gunsten der Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland kosten zusammen 1,9 Milliarden €.“ (Sinn, S. 11)

Was ist zu tun, wenn mehr Geld und mehr Schulden nicht weiterhelfen? Wir müssen den „Geldschleier“ wegziehen und auf die Realwirtschaft schauen. Nicht Geld und Schulden sind die „Wurzeln unseres Wohlstands“, sondern nützliche Waren und Dienste. Dazu gibt es ein nettes Büchlein der Industrie- und Handelskammern (IHK) Baden-Württemberg (Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1984). Darin werden Carl Benz, Robert Bosch, Graf Zeppelin und viele andere mit ihren Erfindungen und Unternehmensgründungen vorgestellt.

Die Technik und ihre Umsetzung in begehrte Güter haben uns Nachfrage, Arbeit und Wohlstand gebracht – nicht Schulden, Gelddrucken und andere Finanztricks.

Wir haben derzeit in Europa keinen Geldmangel, sondern eine Techniklücke. Während meiner Diplomarbeit für das VWL-Examen fand ich den Aufsatz des gar nicht so bekannten Wirtschaftswissenschaftlers Hanns-Joachim Rüstow (Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Unternehmergewinns, Eine Differentialgewinn-Theorie, in: Der Mensch im sozioökonomischen Prozess, Festschrift für Wilfried Schreiber, hg. v. Franz Greiß u.a., Berlin 1969, S. 165 ff – Nicht zu verwechseln mit Alexander Rüstow, dem bekannten Ordoliberalen).

Die Kernaussage leuchtete mir sofort ein. Vereinfacht ausgedrückt sagt Rüstow: „Es gibt zwei Arten von Erfindungen und daraus folgende Investitionen. Es werden (1.) ständig neue Maschinen erfunden, die Arbeitskräfte einsparen. Diese Rationalisierungen können nur ausgeglichen werden, wenn (2.) im gleichen Umfang neue Arbeitsplätze durch Erweiterungsinvestitionen geschaffen werden.“ Gesättigte Märkte rationalisieren und bauen Arbeitsplätze ab. Nur neue Technologien schaffen neue Märkte mit neuen Arbeitsplätzen.

Ein dazu passendes Modell sind die Kondratjew-Zyklen. Nikolai Kondratjew (auch: Kondratieff, 1892 -1938) war ein russischer Volkswirt.

KondratiewDie Kurve (Schlangenlinie) zeigt die langfristigen Auf- und Abschwünge. Das sind keine konjunkturellen, sondern sog. strukturelle Zyklen.

In gesättigten Märkten haben die Leute alles. Und wenn sie alles haben, dann kaufen sie nicht; und dann erweitern die Fabrikanten ihre Betriebe nicht. Die Tricks mit der Werbung, der Verschwendung und einer Verschleißwirtschaft lassen sich nicht endlos ausspielen. Allein mit Geld über die Angebots- oder die Nachfragetheorie lässt sich da nichts machen. Neue, bedarfsgerechte Waren und Dienste brauchen das Land und die Welt! Ziel der Wirtschaftspolitik muss sein, keine tiefen Täler entstehen zu lassen. Europa hat eine Techniklücke und genau daraus folgt eine Schwäche der Erweiterungsinvestitionen (vgl. Sinn, Hans-Werner, Die Basar-Ökonomie, S. 38 ff. – Ansonsten halte ich, anders als Sinn, eine „Basar-Ökonomie“ mit internationaler Arbeitsteilung für gut.)

Nun meinen grüne Technikfeinde: „Was sollen wir noch erfinden? Wir haben doch genug und brauchen nicht mehr.“ Das erinnert mich an Max Planck (1858 – 1947), den Entdecker der Quantenphysik. Als er 1874 sagte, er wolle Physik studieren, rieten ihm die „Experten“ und gestandene Physiker dringend ab. In der Physik sei alles Wesentliche erforscht. Hier seien keine Lorbeerkränze mehr zu holen. Planck ließ sich nicht entmutigen und entdeckte die kleine, unendlich weite Welt der Quantenphysik.

Heute ist z.B. die Kleinsttechnik mit Nano-, Bio- und Mikrotechnologien eine Welt mit unendlichen Weiten für Forschung, Entwicklung und Anwendung. Hinzu kommen die ungelösten Aufgaben der weltweiten Energie- und Trinkwasserversorgung (Meerwasserentsalzung). Und während die Nachrichtenübermittlung durch das Internet einen Quantensprung gemacht hat, verharrt die Beförderung von Menschen und Gütern noch auf der Technik des 19. Jahrhunderts (Eisenbahn und Auto). An die Magnetbahn wagen sich die Zauderer und Hasenfüße nicht heran. Dabei wäre das eine Alternative zum umweltschädlichen, begrenzten Luftverkehr. Arbeitsplätze, mindestens im Umfang der alten Autoindustrie, werden so nicht geschaffen. Wie wär’s mit einer ersten Strecke von Berlin nach Warschau? (Japans Magnetschwebebahn Maglev fuhr am 21.04.2015 im Probelauf 603 km/h – und wird gebaut!)

Das Gleichgewicht zwischen Rationalisierung und Erweiterung ist heute in Europa gestört. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr und bessere Technik. Nur so können wir die Umwelt retten und die Menschheit ernähren. Dabei müssen wir stets die Grenzen des Wachstums bedenken. Wachstum in die Qualität, nicht in die Masse ist das Gebot der Zukunft.

Keine 250 Jahre ist es her, seit die Industrialisierung mit der Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt begann (1769). Das ist im Maßstab der Menschheitsgeschichte noch frühe „technische Steinzeit“. Tatsächlich stinkt, lärmt und vergiftet unsere „grobe“ Technik noch die Menschen und die Umwelt. Und in der Wirtschaftstheorie saugen wir noch am Honig von Adam Smith (1723 – 1790); stecken wir noch in Frühformen dieser Wissenschaft. Denn eines ist klar: Mit dem heute praktizierten Neoliberalismus samt der keynesianischen Fiskalpolitik fahren wir die Welt und die Menschheit gegen die Wand, ins Verderben.

Unsere politisch-strategische Frage lautet: Wie können wir die Techniklücke umwelt- und menschengerecht schließen? Mit einem Knopfdruck auf die Druckerpresse für Geldscheine oder dem Öffnung des Geldhahns für Staatsschulden – geht das nicht. Da sind schon mehr Nachdenken und echte Arbeit nötig.

Schauen wir zuerst, wie es nicht geht. Es gibt Länder, die machen von Zeit zu Zeit Pleite. Dazu gehört Argentinien, an sich kein rückständiges Land. Doch dort studierten im Jahr 2009 20 % Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften, 12 % Recht, insgesamt also 32 % „Bürokratie“. Ihnen stehen nur 6 % Ingenieurwissenschaftler und 3 % Naturwissenschaftler sowie Mathematiker gegenüber. Das ist ein Ungleichgewicht zwischen der Produktion und ihrer „Verwaltung“. Hinzu kommen nur noch 8 % Architekten und Designer, 5 % Psychologen und 4 % Mediziner. Dazu heißt es im „Länderprofil“ (4 /2012, S. 17) des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) beschwichtigend: „Der geringe Anteil an Studierenden in den Ingenieurwissenschaften und der mit 3 % ebenfalls niedrige Anteil in Naturwissenschaften (Biologie, Physik, Chemie, Mathematik) sowie das geringe Wachstum der Absolventenzahlen in diesen Fächern wurde als Problem erkannt. Ministerien sowie Forschungseinrichtungen steuern dieser Entwicklung unter anderem mit Stipendienprogrammen entgegen.“ Viel Erfolg!

In Indien und China werden jedes Jahr rund 700.000 Ingenieure ausgebildet, das sind mehr als doppelt so viele wie in der ganzen EU (Handelsblatt 22.08.2012). Wo werden also die Wurzeln des Wohlstands gehegt und gegossen? Wo verdorren sie?

Unsere strategischen Ziele der Wirtschaftspolitik lauten nun:

1. Die „Soziale Volkswirtschaft“ dient den Menschen. Sie steuert die Realwirtschaft von unten; sie will „Mittelstand für alle“ (vgl.  „Soziale Volkswirtschaft statt Weltkapitalismus“).

2. Die Geldmenge und die Finanzmärkte sind auf den Bedarf der Realwirtschaft zurückzuführen. Die Umverteilung durch die Finanzmärkte von unten nach oben ist zu stoppen.

3. Die Techniklücke muss durch eine Reform der Schul- und Hochschulbildung, durch Forschung und Entwicklung – und einiges mehr – geschlossen werden.

Der „Weg zu diesen Zielen“ wird uns in vielen Blog-Berichten beschäftigen. Als nächstes fragen wir: Wie haben die Großgeldbesitzer so etwa seit 1990 ihre Geldschöpfung ohne Wertschöpfung zu Stande gebracht? Was ist dagegen zu tun? Daher unser nächster Blog-Bericht:

„Schrottimmobilien werden Giftpapiere“

 

4. Soziale Volkswirtschaft statt Weltkapitalismus

Dieser und die drei vorangegangenen Blog-Berichte bilden eine Einheit.

  1. Geldschöpfung ohne Wertschöpfung
  2. Der Mittelstand schmilzt wie das Eis im Klimawandel
  3. TTIP ist kein guter Tipp, aber TiSA ist das Raubtier

Jetzt kommen wir zur Gegenstrategie.

Wir wollen als erstes eine echte Marktwirtschaft und keinen von oben und außen gesteuerten Weltkapitalismus, der uns arm und unfrei macht. Doch dann muss noch etwas dazu kommen, die produzierende Realwirtschaft. Sie verlangt das Gegenteil von Deindustrialisierung. Bevor der Markt verteilen kann, muss eine erfinderische und am Kundenbedarf ausgerichtete Güterwirtschaft die benötigten Waren und Dienste erstellen. Dort liegen die Wurzeln unseres Wohlstands. Da unsere Betrachtung beim Volk beginnt, sprechen wir von Volkswirtschaft; die Marktwirtschaft ist nur ein Teil vom Ganzen. Wir betrachten im Folgenden zuerst die Arbeitsweise eines kundenbezogenen Marktes. Zum Schluss und in folgenden Blog-Berichten entwickeln wir die Grundzüge einer Sozialen Volkswirtschaft.

Als 1989 die Mauer gefallen war, konnten sich die Deutschen aus beiden Teilen des Landes gegenseitig besuchen. Das erste, was sie feststellten, war: Im Westen gab es alles, im Osten ganz vieles nicht. Im Westen hatten wir den „Markt“. Er ist eine sehr demokratische, ja sogar bürgerstaatliche Einrichtung. Denn an jeder Ladenkasse wird bei jedem Kauf durch einen Bürger abgestimmt, was hergestellt werden soll. So sollte ein „vollkommener Markt“ verlaufen.

Doch die „Geldschöpfung ohne Wertschöpfung“ seit 1990 führte zur Finanzkrise von 2007 und die leichtfertige Art der Einführung des Euro 1999 zur heutigen Eurokrise.

Inzwischen tauschen die superreichen Großgeldbesitzer ihre „Wert“-Papiere in Sachwerte. Sie kaufen die Welt und enteignen so den Mittelstand und den Rest der Menschheit. „Der Mittelstand schmilzt wie das Eis im Klimawandel“ Mit TTIP und TiSA, den Transatlantischen Handelsabkommen, wollen die neuen Weltbeherrscher sich diesen Zugriff absichern und dauerhaft ermöglichen. „TTIP ist kein guter Tipp, aber TiSA ist das Raubtier“

Bei unserer Gegenstrategie betrachten wir zuerst den „vollkommen Markt“. Dann fragen wir: Warum bringt uns die heutige Wirklichkeit das Gegenteil? Welche Wege führen aus der Krise?

Geld ist im machtfreien, im „vollkommenen Markt“ ein Abstimmungsmittel der Bürger. Es steuert die Wirtschaft von unten, von der Ladenkasse über die Bestellungen des Einzelhändlers bis zu den Herstellern. In der Planwirtschaft des Ostens war das umgekehrt. Oben saßen ein „paar schlaue Köpfe“, die dachten sich ganz genau aus, was die Menschen unten in den Städten und Dörfern, in ihren Familien und Haushalten brauchten. Das ist schief gegangen.

Das Marktmodell unterscheidet sich vom Sozialismus und (!) vom Weltkapitalismus durch seine Steuerung von unten nach oben. Wenn es klappt, dann ist der Kunde König. Denn der Kunde oder Verbraucher oder schlicht der Bürger bestimmt durch seine Kauf-Entscheidungen, welche Waren der Kaufmann beim Hersteller bestellt. Die Fabrikanten fertigen das an, was ihre Kunden, also die Kaufleute, bei ihnen ordern. Dazu brauchen die Fabrikbesitzer Maschinen. Diese Anschaffung wird Investition genannt. Die Hersteller von Maschinen bauen genau die Geräte, die bestellt werden.

Nun brauchen alle Geld, um ihre Bestellungen zu bezahlen. Geld war bis 1973 Gold (Goldstandard des Bretton-Wood-Abkommens). Die klassische Markttheorie sagt, Gold oder Geld ist eine Ware wie jede andere. Der Bauer bekam Gold- oder Silbermünzen, wenn er seine Erzeugnisse verkaufte. Der Arbeiter und der Fabrikbesitzer bekamen für ihre Leistung ebenfalls goldgedecktes Geld.

Wie viel Goldgeld jeder der vielen Marktteilnehmer bekommt, bestimmt der Markt. Schauen wir auf den samstäglichen Gemüsemarkt. Jeder Käufer schaut sich zuerst einmal um. Wo sind die schönsten Äpfel (Qualität) und wo sind diese am günstigsten (Preis)? Kein Bauer kann sich auf den Markt stellen und ein beliebiges Preisschild an seinen Apfelkorb heften. Entweder sind alle Äpfel weg und er hat nicht genug verdient oder er nimmt fast alle wieder mit heim. Der Markt bestimmt nicht nur den Preis, sondern auch die Qualität. Der richtige Preis spielt sich ohne Beeinflussung durch einzelne Käufer oder Verkäufer genau dort ein, wo alle damit leben können. Zu hohe Preise locken Konkurrenten an, bei zu niedrigen scheiden alle Anbieter aus, die nicht damit auskommen.

Hier müssen wir nun zwischen Theorie und Wirklichkeit unterscheiden. Nach der klassischen Theorie liegt der richtige Preis dort, wo der Markt geräumt und alle knapp, aber immerhin davon leben können (Grenzkosten- und Grenznutzentheorie). Superreiche gibt es in diesem Modell nicht. Doch gerade im vollkommen freien, ungeregelten Markt setzen sich die Superreichen, die wirtschaftlich Stärksten durch. (Das will die „soziale Marktwirtschaft“ verhindern.)

Auch der Lohn pendelt sich in der Theorie beim Überlebensminimum ein. Vor allem der Arbeitswert bestimmt die Preise (Arbeitswerttheorie). Diese zum Äußersten getriebene Grenznutzentheorie ist die wenig verlockende Seite des Marktmodells. Preisabsprachen und Verbände aller Art sind nach der Theorie böse und verboten. (Hier wollen die „soziale Marktwirtschaft“ und die Gewerkschaften Abhilfe schaffen.)

Nun fehlt noch etwas. Wer einen schönen Laden einrichten, ein Häusle oder gar eine Fabrik bauen will, braucht meist mehr Geld, als er hat. Banken sind noch nötig. Dort tragen die Leute ihr Geld hin, das sie für die Not oder das Alter oder aus anderen Gründen sparen, nicht sofort verbrauchen (konsumieren) wollen. Dieses Geld verleiht dann die Bank an Leute, die etwas anschaffen (investieren) wollen. Dafür verlangen aber der Sparer und die Bank etwas. Das ist der Zins oder der Preis für das Ausleihen von Geld. Auch das ist in der Theorie des vollkommenen Marktes ein Marktpreis, weil keiner wirtschaftlich so stark ist, dass er die Zinshöhe bestimmen oder manipulieren kann. (In der Welt des Papiergelds bestimmen die Zentralbanken und andere mächtige Marktteilnehmer die Zinshöhe.)

Und da sind wir beim letzten Punkt. Alles läuft im Modell wie von selbst, wie von einer unsichtbaren, gar göttlichen Hand gesteuert. Wozu brauchen wir da noch den Staat? Die Antwort gab schon der heilige Augustinus: Nur, weil es Mörder und Räuber gibt.

So sah es auch Adam Smith, der Vater der Wirtschaftswissenschaft (1723 – 1790) (Der Wohlstand der Nationen, übersetzt v. Claus Recktenwald, München 1974, S. 371). Nur muss bei ihm der Staat noch die Zünfte, die Kaufmannsgilden und alle sonstigen Störer des Marktes verbieten. Letztlich muss er – wie seit uralten Zeiten – nur die innere und äußere Sicherheit gewähren. Das ist beim liberalen Modell vor allem die Sicherheit des Eigentums und der Person. Der Rest läuft von allein, und zwar richtig und gerecht. Die alten und neuen Liberalen meinen und erwarten das bis heute. Die Großgeldbesitzer und die Weltkapitalisten nutzen diese Arglosigkeit aus. (Auch der „vollkommene Markt“ ist eine verkürzte, unvollkommene und damit z.T. falsche Abbildung der Wirklichkeit – wie jedes Modell, jede Theorie.)

Daher ist nun unsere Frage: Warum richtet sich die Wirklichkeit nicht nach der Theorie?

Das hat die Wirtschaftswissenschaftler 2007 / 2008 kalt erwischt. Die Finanzkrise war im Modell nicht vorgesehen. Die Weltwirtschaft stand am Rand des Zusammenbruchs, dazu nahm die Euro-Krise ihren Lauf.

Die Wirtschaft ist seither in schwieriger Lage, die Wirtschaftswissenschaft in einer ernsten Krise. Der amerikanische Star-Ökonom Rogoff sagt: „Unsere Modelle sind sehr elegant, aber sehr, sehr erfolglos.“

Das Modell des vollkommenen Marktes ist die Ausnahme. Rogoff zieht daraus Schlüsse: „Nun ist die Zeit für mehr Experimente gekommen, für die Erforschung der Unvollkommenheit der Märkte.“ (Handelsblatt 23.01.2012) Wo wir hinschauen, sind Machtmärkte (Mono- und Oligopole), Kartellmärkte oder Staatsmärkte. Sie sind die Regel.

Heute erleben wir noch etwas ganz anderes. Der Weltkapitalismus ist dabei, die Steuerung von oben zu übernehmen. Außerdem ist es ihm gelungen, klammheimlich die Politik und die Staatsapparate nachhaltig zu beeinflussen (Lobbyismus). Doch alles lässt sich steigern. Ein kürzlich bekannt gewordenes geheimes Papier der EU-Kommission enthält den Vorschlag einer „Regulatorischen Kooperation“. Damit sollen EU-Gesetze künftig zunächst von Konzernen und der US-Regierung geprüft und so mitbestimmt werden. Was den Interessen der Großen und der Konzerne zuwider läuft, fällt durch den Rost. Die gewählten Abgeordneten dürfen noch „alternativlos zustimmen“, abnicken.

(Dem Lobbyismus widmen wir später einen eigenen Blog-Bericht.)

Die Folgen einer kapitalistischen Wirtschaftslenkung von oben sowie Geld- und Schuldenberge größer als die Realwirtschaft sind nicht neu. Es waren Reparationen und Kriegsschulden nach dem I. Weltkrieg, die große Geldentwertung von 1923 (Hyperinflation), die Weltwirtschaftskrise ab 1929, die Währungsreform von 1948 und gelegentliche Staatspleiten (z.B. Argentinien).

Dagegen haben ab den 1930er Jahren deutsche Wirtschaftswissenschaftler und Juristen der „Freiburger Schule“ das Modell der „Sozialen Marktwirtschaft“ erarbeitet. Diese Theorie wird auch Ordoliberalismus genannt. (Ludwig Erhard und seine Berater wie Alfred Müller-Armack haben vor allem dadurch die Grundlagen für das deutsche Wirtschaftswunder geschaffen.) Es bietet richtige Ansätze, muss aber als Gegenstrategie zeitgemäß weiterentwickelt werden.

Ab den 1960er Jahren sind die Vorstellungen der „Sozialen Marktwirtschaft“ oder des „Ordoliberalismus“ in Vergessenheit geraten. Der reine Neoliberalismus der US-Ökonomen (z.B. Milton Friedman) bestimmte den Zeitgeist und die Politik. So durften die Finanzmärkte frei laufen, wurden dereguliert.

Das änderte sich, nachdem 2007 die Weltwirtschaft am Abgrund stand. Inzwischen schwärmt sogar Sahra Wagenknecht von der Partei „Die Linke“ vom Ordoliberalismus. Im Cicero, Magazin für politische Kultur, wurde sie gefragt:

Cicero: „Sie sprechen im Vorwort Ihres Buches über den Ökonomen Friedrich August von Hayek, zitieren an späterer Stelle vor allem Walter Eucken und Alfred Müller-Armack, loben Ludwig Erhard und Joseph Schumpeter. Ihr Buch klingt wie ein ordoliberales Manifest. Wagenknecht: „Ich denke, dass der Ordoliberalismus sehr interessante Fragestellungen enthält, die noch heute aktuell sind. Beispielsweise hat Eucken das Problem wirtschaftlicher Macht und die Zerstörungspotentiale großer privater Machtkonzentration prominent thematisiert. Das wurde alles vergessen und verdrängt. … Wenn man wirklich zu Ende denkt, was die Ordoliberalen angesprochen haben, kommt man zu dem Ergebnis, dass wir eine andere Wirtschaftsordnung brauchen.“ (Cicero,18. Mai 2011)

Die nächste Antwort beginnt Wagenknecht mit der richtigen Feststellung: „Marktwirtschaft und Kapitalismus sind zwei verschiedene Dinge.“ (Allerdings entfernt sie sich im weiteren Verlauf des Interviews z.T. weit von den Vorstellungen des Ordoliberalismus.)

Doch es wäre ein großer Fortschritt, wenn auch bei uns wie in der Schweiz alle Parteien von rechts bis links miteinander Lösungen suchten. Dazu empfehle ich das Buch von Wolfgang Koydl, Die Besserkönner, Was die Schweiz so besonders macht (2014). Es hat ein Nachwort von Christoph Blocher (SVP, Initiator der Volksabstimmung „Gegen die Masseneinwanderung“) und von Jean Ziegler (Linksaußen der SP). „Das Schweizer Modell sprengt ideologische Raster. Denn letztlich geht es um etwas sehr Einfaches: dass freie Individuen frei darüber entscheiden können, was das Beste für ihre Gemeinschaft ist.“ (Koydl, S. 14)

Wie der Schweizer Bürgerstaat baut sich auch die Wirtschaftsordnung der „Freiburger Schule“ von unten nach oben auf. Geradezu leidenschaftlich hat dies mitten im Weltkrieg Wilhelm Röpke im Schweizer Exil in seinem Buch „Civitas Humana – Grundfragen der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung“ (1943) dargestellt. Er wollte – wie Ludwig Erhard mit seiner „Denkschrift“ vom gleichen Jahr – Grundlagen für eine deutsche und europäische Wirtschaftsordnung nach dem II. Weltkrieg schaffen. Dabei spricht sich Röpke „im Namen echter Marktwirtschaft gegen Monopolismus, Konzentration und Kolossalkapitalismus“ (Röpke, S. 80), gegen kapitalistischen „überstaatlichen Kollektivismus“ (S. 394) aus.

Erhards „Denkschrift“, die in der gleichen Zeit entstanden ist (1943), behandelt ein ganz aktuelles Thema: Wie kann der Berg von Kriegsschulden in Form von Papier-„Geld“ und „Wert“-Papieren mit der viel zu kleinen, vorhandenen Güterwirtschaft in Einklang, ins Gleichgewicht gebracht werden? Die Antwort war die Währungsreform. (Ich erinnere mich noch genau. Meine Mutter kam heim und sagte ganz erregt: „Es gibt alles in den Geschäften. Und die Leute kaufen und kaufen. Dabei hat doch jeder nur 40 DM bekommen.“)

Geben wir zuerst unserem Gegenentwurf einen Namen. Nennen wir ihn „Soziale Volkswirtschaft“. Das ist mehr und genauer als „soziale Marktwirtschaft“. Denn von unten, vom Kunden und Bürger soll das Ganze aufgebaut und gesteuert werden; seine Bedürfnisse sollen bedient werden. Die Wirtschaft dient dem Menschen, nicht umgekehrt. Die Länder der Dritten Welt, aber auch arme EU-Länder wie Griechenland brauchen vor allem nicht mehr Geld und mehr Kredite, sondern eine von unten über Handwerk und Mittelstand, moderne Technik und Erfindungen aufgebaute Realwirtschaft. Wenn diese fehlt nützen alles Geld und alle Kredite nichts. Wie das gelingen kann, zeigt keine Marktwirtschaft, sondern nur eine auf diesem industriellen Fundament aufgebaute Volkswirtschaft. Das sah übrigens die ältere deutsche und kontinentaleuropäische Volkswirtschaftslehre genauso. [vgl. Erik Reinert, Warum manche Länder reich und andere arm sind, Stuttgart 2014]

Dieser Name ist Programm und Strategie zugleich. „Strategie“ konzentriert sich nach Clausewitz auf das ganz Wesentliche und Wichtige. Sie ist sehr einfach, aber deswegen für viele sehr schwer, vor allem in der Umsetzung (Carl von Clausewitz, Vom Kriege, ungekürzte Ausgabe, Ullstein 1980, S. 77, 84, 108, 150). Ohne Strategie, ohne Festlegung der großen Ziele, gibt es keinen Weg zu den Zielen. Denn ohne Ziel ist jeder Weg falsch. Die „Wege zu den Zielen“ nennen wir Taktik.

(Viele kennen nur Taktik und haben keine Strategie. Sie fahren den Karren in den Dreck oder an die Wand. – Dazu noch ein Grundgedanke von Clausewitz: „Das strategische Ziel des Krieges ist nicht der Sieg, sondern der Friede.“ Clausewitz, a.a.O., S. 104 ff.)

Die Soziale Volkswirtschaft braucht auf beiden Seiten den Mittelstand, um erfolgreich zu sein: in der Bürgerschaft (Nachfrage) und in der Wirtschaft (Angebot).

Für die Bürgerschaft gehen wir von Ludwig Erhards Programmsatz aus: „Wohlstand für alle“ Auch ihn fassen wir genauer und fordern: „Mittelstand für alle“. Das ist zugleich anspruchsvoller und bedeutet:

- Die Bürger sollen weder arm noch superreich sein; ein angemessener, nicht üppiger „Wohlstand für alle“ ist das Ziel. - Alle sollen mindestens ein mittleren Schulabschluss und einen Berufsabschluss haben. Die Schweiz schafft das bei 92% der Schulabgänger (Schweizer Bildungsbericht 2014). Das ist die Voraussetzung für die Eingliederung in die moderne Erwerbswelt als Fach-, Forschungs- oder Führungskraft. Alle werden gebraucht! (dazu: Pfreundschuh, Die Mittelschule – Reform der Sekundarstufe I) - „Eigentum für alle Bürger“ ist die Voraussetzung für soziale Sicherheit und persönliche Unabhängigkeit. Ein Mittelständler sollte eine Immobilie oder ein Grundstück, Kapitalgüter oder ein eigenes Unternehmen haben.

Auch die erwähnten Francis Fukuyama und Wilhelm Röpke haben im Grundsatz diese Merkmale zur Bestimmung des Mittelstands herausgearbeitet (Fukuyama, Rettet die Mittelschicht, in: Cicero, Magazin für politische Kultur, 2/2012, S. 64; Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 223 ff.)

Solch ein mündiger, souveräner und angemessen begüterter Bürger zeichnet sich dadurch aus, dass er in der heutigen Erwerbswelt Nutzen stiften kann. Dafür erhält er seinen Lohn, der ihm Geld und Kaufkraft bringt. – Außerdem ist er Stimmbürger und der Souverän, von dem alle Staatsgewalt ausgeht. Wahlen und Abstimmungen (Art. 20 Grundgesetz) gehören dazu.

Das Thema „gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung“ steht nicht nur wegen Pikettys Buch „Das Kapital“ auf der Tagesordnung. Ganze Regale von Büchern, Blogs und Fernsehsendungen treibt das Thema um. Piketty fordert eine massiv progressive Einkommensteuer. Damit gefährdet er aber die andere Seite des Marktes, die mittelständische produzierende Wirtschaft. Denn die Großkonzerne zahlen keine oder kaum Steuern. Die neuen Großgeldbesitzer hat er als eigene Spezies gar nicht im Blick. Wie wir an deren unverdientes Geld kommen und ihre Aufkaufstrategien durchkreuzen, sagte er nicht.

Dort, bei den „institutionellen Anlegern“ (Hedgefonds, Heuschrecken) gibt es Jahresgehälter (!) von über 1.000 Mio. US-$: „Wer regt sich über Millionen-Gehälter auf? Erfolgreiche Manager von Hedgefonds rechnen in Milliarden.“ Rund 3,5 Mrd. US-$ war der höchste, bekannt gewordene Jahresgehalt (Handelsblatt 02.03.2015, S. 34). Diese Leute spielen verrückt, und wir sollen mitspielen.

In der Wirtschaft nennt Warren Buffet (siehe 3. Blog-Bericht) unseren Mittelstand den „Code für Deutschland“, den er knacken, uns also wegnehmen will. Adidas und Bayer, Allianz und Daimler gehören den Großgeldbesitzern schon mehrheitlich. Jetzt wollen sie das Rückgrat unser Wirtschaft und unseres Exports, die „heimlichen Weltmeister“ (Hidden Champions). Die brauchen wir aber selbst – und davon noch mehr. Denn nicht zu wenig Geld, sondern eine Techniklücke (Pfreundschuh, „4.3 Die Wirtschaft, S. 63 ff.) und eine völlig verfehlte Bildungspolitik (Pfreundschuh, Die Mittelschule – Kurzfassung, S. 12 ff.) sind die Ursachen dauerhafter Arbeitslosigkeit – in Deutschland und ganz Europa.

Unsere Wirtschaftswissenschaftler bieten keine Lösungen zur wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheit. Zur Behebung der Ungleichgewichte in der Volkswirtschaft (Arbeitslosigkeit, Wachstumsschwäche) empfehlen sie entweder billiges Geld (Monetaristen) oder Staatsschulden (Keynesianer); beides versagt in diesen Tagen vor unseren Augen.

Das wollen wir uns im nächsten Blog-Bericht genauer anschauen.

Geld- oder Globalsteuerung: Fehlsteuerung

1. Der große Bluff: Geldschöpfung ohne Wertschöpfung

Vor unseren Augen spielt sich ein großer Bluff ab: die Geldschöpfung ohne Wertschöpfung. Von 1990 bis 2011 hat sich die Realwirtschaft, die weltweite Wertschöpfung von Waren und Diensten, verdreifacht. Doch die Finanzmärkte haben sich verzehnfacht. Schwindelerregend stieg das Volumen der Derivate oder Giftpapiere, nämlich um das 300-Fache. Das hat dann 2007 die große Finanzkrise ausgelöst. Seither wird nicht weniger, sondern noch mehr Geld von Draghi, der EZB, der US-Fed u.a. in den Kreislauf gepumpt. Große Geldmaschinen schöpfen Geld, ohne dass irgendjemand dafür einen Wert schafft. Papier-Geld fliegt aus den Fenstern von Banken und Zentralbanken. Von Geld allein kann niemand leben, Geld ist nicht essbar und hat nur einen Wert, wenn uns andere Leute dafür etwas geben. Das müssen sie noch, weil die eigene Währung in jedem Land gesetzliches Zahlungsmittel ist. Doch viele erwarten ein bitterböses Ende, wie es das schon öfter gab. Ein derzeitiger Bestseller heißt: „Die Lösung ist der Crash“ Das ist dann die Geldentwertung.

Wir wollen uns dazu anschauen. 1. Die Tatsachen: In welchem Umfang findet Geldschöpfung ohne Wertschöpfung statt? (dieser Beitrag) 2. Eine der vielen Folgen: Wer bekommt das Geld? Was machen die Glücksritter mit ihrem neuen, aus dem Hut gezauberten Reichtum? Wem kaufen sie damit was ab? Wer wird immer reicher, wer immer ärmer? (im nächsten Bericht)  3. Wie sichern sie sich ab (TTIP und TiSA-Abkommen, dritter Bericht). 4. Die Ursachen: Statt einer sozialen Volkswirtschaft haben wir Weltkapitalismus (im vierten Bericht)

Vor unseren Augen spielt sich ein großer Bluff ab: Die Geldschöpfung ohne Wertschöpfung. Das Schaubild zeigt es. Die kleineren braunen Kugeln zeigen die Werte von 1990, die blauen die von 2011. Insider sagen der Schwindel geht weiter. Und wir sehen: die Geldvermehrung wird fortgesetzt.

Geld Realwirtschaft

In den Jahren 1990 bis 2011 hat sich die Realwirtschaft verdreifacht (Kugeln ganz rechts: Welt-Bruttoinlandsprodukt). Mit Realwirtschaft ist hier die jährliche weltweite Wertschöpfung, die Erzeugung von Gütern und Dienstleistungen, gemeint. Doch die Geldschöpfung hat sich verzehnfacht (alle übrigen Kugeln).

Im Handelsblatt heißt es zum Ganzen: „Reale Weltwirtschaft und Finanzspekulation haben sich entkoppelt.“

Das müssen wir uns genauer anschauen, denn nur dann verstehen wir, warum die Reichen immer reicher, die Armen immer mehr werden und der Mittelstand schmilzt. Wer auf Arbeit gesetzt hat, ist in den letzten 20 Jahren höchsten „nominell“ doppelt so reich geworden. Wer gut mit Aktien spekuliert hat, konnte sein Vermögen verfünffachen. Wer aber auf Derivate gewettet oder mit ihnen sein Geld verdient hat, der konnte seinen Reichtum um das Dreihundertfache vermehren. Das gilt auch 2011 noch – nach der großen Finanzkrise von 2007.

Alle übrigen Gedankenspiele zur weltweit wachsenden Ungleichheit sind dagegen fast Kleinigkeiten. So ist jüngst das hochgelobte Buch des Franzosen Thomas Piketty „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ erschienen (816 Seiten, München 2014). Ich habe es mir gekauft, denn die Presse hatte geschwärmt – und war enttäuscht.

„Es ist DAS Wirtschaftsbuch, das die Welt im Sturm erobert hat.“ (The Economist) „Eine brillante Erzählung über Reichtum und Armut“ (Südd. Zeitung) „Thomas Piketty ist der Ökonom der Stunde.“ (FAZ)

Bei so viel Lob verschlägt es einem die Sprache. Ich will trotzdem dazu Stellung nehmen. Pikettys Fleißarbeit untersucht in langen Zeitreihen und weltweiten Vergleichen die Entwicklung der Arbeitseinkommen und der Kapitaleinkommen. Seine Untersuchung ist ganz wichtig und untermauert herrschende Vermutungen. Er stellt fest, dass sich die Ungleichheit bei den Arbeitseinkommen und dem Kapitalbesitz im Lauf des 20. Jahrhunderts verringert hat (1910 wird mit 2010 verglichen). Seit den 1970er Jahren ist die Ungleichheit wieder angstiegen. Am geringsten ist die Ungleichheit in den skandinavischen Ländern, am stärksten in den USA (nur Europa und die USA werden hier verglichen). (Piketty, S. 325 ff.) Auch entstand im 20. Jahrhundert eine vermögende Mittelschicht (S. 342 ff.).

Für das 21. Jahrhundert erwartet Piketty dann mit überzeugenden Begründungen große innerstaatliche und internationale Einkommens- und Vermögensungleichgewichte (S. 573 ff.). Doch es wird schneller und radikaler kommen, als Pikettys nette Gleichungen und Zeitreihen erwarten lassen. Denn er arbeitet mit den herkömmlichen Denkmodellen. Er vergleicht das „Kapital“ mit der „Arbeit“ wie Marx und auch unsere meisten Wirtschaftswissenschaftler.

Wenn wir jedoch das Schaubild oben anschauen, dann erschaudern wir wegen ganz anderer Tatsachen. Die Geldmärkte und die Realwirtschaft, das Realvermögen und das Geldvermögen, haben sich entkoppelt. Geldkapital und Realkapital (z.B. Fabriken) dürfen aber nicht in einen Topf geworfen werden. Mit nur 6 - 7 % jährlich Renditen wie in Pikettys Beispielen ist es da nicht mehr getan. [Er nennt auch seltene Ausnahmen mit 12 % wie einige US-Uni Stiftungen]

Doch das ist harmlos im Vergleich zum neuen Reichtum an den Finanzmärkten, zur dortigen Geldschöpfung ohne Wertschöpfung. Die hat in den letzten 20 Jahren eine Ungleichheit und Sprengkraft entwickelt, die 2007 zur Finanzkrise führte, bei der die Weltwirtschaft am Rand des Zusammenbruchs stand. Diese Gefahr ist überhaupt nicht gebannt. Mit all dem beschäftigt sich Piketty nicht. Das Ausnahmen-Vermögen von Bill Gates hat sich von 1990 bis 2010 um das 12-fache vermehrt (von 4 Mrd. auf 50 Mrd. US-$) (Piketty, S. 586). Der Wert der Derivate [= Ableitungen von Kreditgeschäften] hat sich dagegen von 1991 bis 2011 um das 300-fache vergrößert (von 2.000 Mrd. auf 601.000 Mrd. US-$ - mittlere Kugeln oben). Bill Gates hat Nutzen gestiftet, die Derivate haben Schaden angerichtet, ohne dass die Verursacher für die Folgen haften. Wie wir oben sehen, konnten sie mit Hilfen der Staaten und Zentralbanken ihren Reichtum über die Finanzkrise retten. (Dazu stellen u.a. die Bücher von Sinn, Hans-Werner, „Kasinokapitalismus“ sowie von Roubini, Nouriel und Mihm, Stephen, „Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft“ gut die Ursachen und Folgen dar.)

Betrachten wir den Unterschied genauer. Im Gegensatz zu Piketty müssen wir beim „Kapital“ zwischen Sach- oder Realkapital einerseits und Geld- oder Finanzkapital andererseits unterscheiden. Wer beides in einen Topf wirft, erkennt den Sprengstoff nicht.

In der Realwirtschaft schafft Sachkapital in Verbindung mit Arbeit neue Werte, die am Markt als Güter und Dienstleistungen nachgefragt werden. Wir kaufen ein Auto oder gehen zum Arzt. Das stiftet Nutzen, deckt Bedürfnisse von Bürgern und Kunden. (Das sind oben im Schaubild die beiden Kugeln ganz rechts.) Wir sprechen daher von Wertschöpfung, die im Welt-Bruttoinlandsprodukt (Welt-BIP, früher Bruttosozialprodukt BSP) für jeweils ein Jahr zusammengefasst wird. Wir können auch sagen, das ist der Markt für Güter und Dienste.

So hat sich das Gesamtvermögen der privaten Haushalte in Deutschland von 1991 bis 2011 „nur“ gut verdoppelt (von 5,4 Billionen € auf 11,8 Billionen). Das gilt auch für das darin enthaltene Geldvermögen (von 1,9 Bill. € auf 4,7 Bill. €). Die Gewinner der weltweiten Geldvermehrung sitzen also nicht in Deutschland. Genau das Gleiche gilt für das Immobilienvermögen der deutschen Privathaushalte, nämlich Verdoppelung von 2,7 Billionen € (1991) auf 5,9 Billionen € (2011). Das ist sogar weniger als die Verdreifachung der weltweiten Realwirtschaft. (Institut der Deutschen Wirtschaft Köln, Tim Clamor / Ralf Henger, Verteilung des Immobilienvermögens in Deutschland, März 2013 – mit Schaubild zu allen Vermögensarten)

Dem gegenüber steht die reine Geldschöpfung ohne reale Wertschöpfung. Sie hat sich von 1990 bis 2011 weltweit verzehnfacht, ist von 175.745 Mrd. $ auf 1.701.835 Mrd. $ angeschwollen (oben alle Kugeln außer Welt-BIP). Es war eine wunderbare Geldvermehrung mittels Geldscheinen, Aktien, Staatsanleihen, Gift- und anderen „Wert“-Papieren. Überdurchschnittlich angewachsen sind dabei die Devisen und die Derivate [Wertpapiere für Kreditnebengeschäfte].

Den Grund für die Ausweitung der Währungsgelder [Devisen] sehen viele im weltweiten, heimlichen bis offenen Währungskrieg. Um den Wert der eigenen Währung und damit die Preise für eigene Waren beim Export niedrig zu halten, drucken viele Zentralbanken Geld und werfen es auf die Devisenmärkte. Damit wird der eigene Export, z.B. der Chinesen, gefördert. Die Schweiz hat so bis zum 14.01.2015 den Franken vor einer Aufwertung, Verteuerung geschützt. Als die Schweizer Zentralbank ihr gezieltes Angebot von Franken auf dem Devisenmarkt aufgab, ist er hochgesprungen. Musste ich vorher für 1 Franken oder eine Schweizer Ware im Wert eines Franken 0,83 € bezahlen, so kostete am 16.01.2015 beides 0,99 € (+ 12,3%).

Jeder weiß: Schon eine Apfelschwemme verdirbt und senkt die Apfelpreise. So hat sich der Marktwert aller Währungen versechsfacht und ist damit doppelt so schnell gewachsen wie die Wertschöpfung der Realwirtschaft. Ob der Währungskrieg mit seiner Geldschwemme der alleinige Grund ist, bleibt unklar. Immerhin wird gegen einige Großbanken wegen Betrug bei Devisengeschäften ermittelt.

Der größte Sprengsatz auf den Finanzmärkten sind die Derivate [= wörtlich Ableitungen]. Nehmen wir an, ich habe bei meiner Sparkassen einen Kredit für eine realwirtschaftliche Investition bekommen (z.B. für den Bau von meinem Häusle). Wenn nun die Sparkasse diesen Kredit weiterverkauft oder irgendwo versichert, weil sie z.B. meinen Bankrott fürchtet, dann ist dieses neue Geschäft ein Derivat. Wir können das auch Kreditnebengeschäft bzw. Ableitung oder Derivation von Krediten für reale Investitionen nennen. Es wird auch von Kreditverbriefungen gesprochen.

In den USA wurden vor 2007 massenhaft solche faulen Immobilien-Krediten neu gebündelt und verpackt (verbrieft). Sie wurden weltweit mit Gewinn weiterverkauft. Plötzlich dämmerte es einigen; sie und immer mehr verkauften. Die Preise stürzten ab, die Blase platzte. Es kam zur Weltfinanzkrise. (Wir werden diese Geldschöpfung im dritten Bericht genauer anschauen.)

Gelockt wurden die Käufer mit hohen Renditen. Die Höhe des Zinses ist ein Gradmesser für das im Wertpapier steckende Risiko. So bringen z.B. Staatsanleihen von möglichen Pleitestaaten viel höhere Zinsen als Anleihen von gesunden Ländern.

Nehmen wir ein Beispiel: Der klassische Pleitestaat Argentinien muss an seine Gläubiger, die Käufer seiner Staatsanleihen, viel höhere Zinsen zahlen als die USA. Denn die Erfahrung zeigt, dass Argentinien immer wieder einmal Pleite geht und seine Anleihen wertlos sind oder ihr Wert gekürzt wird. Schuldenschnitt heißt das dann. Doch wer zu viel Geld hat, gern spielt und spekuliert, dem gefallen solche Geschäfte. Man hat ja oft Glück, viel, viel öfter als beim Lotto.

Entsprechendes gilt für Privatdarlehen. Giftpapiere, also solche mit hohem Ausfallrisiko, wurden hoch verzinst. Aus Gier auf solche Renditen und durch Verschleierung der wahren Risiken lief der Verkauf von US-Giftpapieren bestens. Am Ende der Kette standen sehr oft die deutschen Landesbanken. Sie und die Verkäufer (Investmentbanken) hatten glänzende Bilanzen. Doch der Glanz war Trug. Von 2001 bis 2006 stieg der Anteil der riskanten Giftpapiere bei „verbrieften US-Krediten“ [MBS-Wertpapiere] von 7% auf 42%. (Sinn, Hans-Werner, Kasino-Kapitalismus, Berlin 2009, S. 132)

Als der Schwindel erkannt wurde, waren die „Wertpapiere“ nichts mehr wert, unverkäuflich. (Die Schaffung von Derivaten ist nur eine Form der Geldvermehrung. Wir besprechen zunächst nur sie, weil hier die fehlende Wertschöpfung so offensichtlich ist und durch sie die große Finanzkrise ab 2007 ausgelöst wurde. Viele Insider sagen, der Schwindel ginge weiter.)

Da viele Banken in ihren „Wertpapier“-Beständen Derivate (in Form echter Giftpapiere) hatten und haben, drohen Bankpleiten. Wenn z.B. Sparer ihr Geld zurück wollen, können Banken nicht zahlen. Denn die Gegenwerte, die Anlage der Spargelder in Derivaten, sind wertlos geworden. Bei Großbanken fürchten Währungshüter Dominoeffekte; d.h. die gesamte Geldversorgung könnte zusammenbrechen und mit ihr die Weltwirtschaft. (Die Bankpleite von Lehman Brothers wurde zum Trauma.) Hier will nun Draghi helfen und das kaufen, was andere nicht mehr wollen.

Was kann mittel- bis langfristig passieren? Wir lesen es täglich in der Zeitung und hören es in den Medien: Mario Draghi und damit die EZB fluten die Märkte mit Geld. Sie kaufen Staatsanleihen und geben so den ohnehin schon überschuldeten Staaten weiter flüssige Mittel. Jetzt wollen sie auch „Giftpapiere“ wie riskante Derivate kaufen, die private Anleger nicht mehr wollen.

Die Wirtschaftswissenschaftler schnappen nach Luft und schauen ratlos in die Luft. „Hatten wir noch nie“, meinen sie. Stimmt nicht! In der Wirtschaftsgeschichte gab es immer wieder Entkoppelungen von Realwirtschaft und – sagen wir – Geldwirtschaft (genau müsste es Finanzwirtschaft heißen). Ludwig Erhard hat deswegen mitten im Krieg (1943 / 44) eine Denkschrift verfasst. Die Kriegswirtschaft war nämlich auch auf Pump, auf „Papier“-Geld aufgebaut. Erhard sah die große Schwierigkeit, nach dem Krieg Kriegsschulden, überschüssige Kaufkraft und die Realwirtschaft ins Gleichgewicht zu bringen.

Denn jedes Wertpapier hat einen Schuldner und einen Gläubiger. Schuldner war der Staat, Gläubiger waren die Bürger und die Banken, die ihr Geld dem NS-Staat im Krieg leihen mussten. Sie wollten nach Kriegsende ihre Ansprüche in Güter und Sachwerte tauschen. Doch für diese angehäufte Kaufkraft gab es nicht genug Güter, keine entsprechend leistungsfähige „Güterwirtschaft“, wie Erhard die Realwirtschaft nannte. Heute sagen wir Realwirtschaft, denn auch die Dienstleistungen zählen dazu. Erhard befürchtete zu Recht den Zusammenbruch der Finanz- und der Realwirtschaft. (Die Denkschrift 1943/44 „Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung“ gibt es als Faksimiledruck der Ludwig-Erhard-Stiftung e.V., Frankfurt/ M. 1977) Die Lösung war dann die Währungsreform von 1948. Dazu passt, dass derzeit ein Bestseller auf dem Markt ist, den nach dem Handelsblatt die Deutschen nachts unter der Bettdecke lesen: „Der Crash ist die Lösung – Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten“ (von Matthias Weik und Marc Friedrich, Frankfurt/ M., 5. Aufl. 2014)

Doch hinter dieser wunderbaren Geldvermehrung steckt noch ein weiteres ganz heimliches, ja heimtückisches Geschehen. Weltweit wittern die Geld- bzw. „Wert“-Papierbesitzer die Gefahr. Deswegen suchen sie Anlagen in der Realwirtschaft. Die ist aber nur ein kleines Mäusle im Vergleich zu den riesigen Kugeln von Derivaten, Devisen usw. Chinesische und arabische Staatsfonds, aber auch die schnell reich gewordenen Derivate-Könige und andere „Papier-Besitzer“ kaufen, was käuflich ist.

Was sie kaufen und was für Folgen das für jeden von uns hat, wollen wir das nächste Mal besprechen.

Folgende Themen werden in den nächsten, etwa 14-tägigen Berichten vorgestellt:

     Der Mittelstand schmilzt wie das Eis im Klimawandel

    TTIP ist kein guter Tipp – aber TiSA ist das Raubtier

    Soziale Volkswirtschaft statt Weltkapitalismus

Den Einstieg in diese andere Sicht des Wirtschaftsgeschehens bietet: Pfreundschuh, Gerhard, Vom Parteienstaat zum Bürgerstaat, 4.3 Die Wirtschaft, Heidelberg 2013 Buch: ISBN 978-3-944816-07-4 ansehen und bestellen Buecher.de E-Buch: ISBN 978-3- 00-041677-4 ansehen und bestellen XinXii

Siehe auch: www.pfreundschuh-heidelberg.de

4.3 Die Wirtschaft

31. Unsere Wirtschaft und KI

Wir setzten die Blog-Berichte „29. Wozu brauchen wir KI?“ und „30. Der Mensch und KI“ fort. Viele bewegt nun die Frage, wie es um unsere Wirtschaft und die KI steht. Sind wir gegenüber China und den USA hoffnungslos zurückgefallen? Verlieren wir den technologischen Anschluss und verarmen bald? Solche Unkenrufe hallen durch den Blätterwald – und die Welt des Cyber-Raums.

Dabei kam es zu einem Daten-Fetischismus: Wer als erster die meisten Daten über alles gesammelt hat, kann damit seine KI füttern, dann die Wirtschaft beherrschen und hat schließlich die ganze Welt im Griff. Darüber nachzudenken, lohnt sich.

Daten an sich sind kein Wert. Sie stiften erst Nutzen, wenn sie dazu dienen, von uns gewollte Ziele zu erreichen. Das ist ein Datenproblem, das viele seit den 1990er Jahren kennen. Plötzlich konnten mit der Elektronischen Datenverarbeitung (EDV) fast unbegrenzt Daten gesammelt und in Kennzahlenvergleiche eingespeist werden. Es wurden kommunale Vergleichsringe z.B. für Jugend- und Sozialämter gebildet. Dicke Wälzer voller sog. „Kennzahlen“ lagen plötzlich auf den Tischen der Amtsleiter. Doch sie allein bewirkten gar nichts. Sie führten weithin zu keiner Verhaltensänderung, also zu keinem Lernen.

Was sind eigentlich Kennzahlen, fragte damals die Geschäftsführerin eines kommunalen Spitzenverbands. Ich antworte: „Das ist einfach! Kennzahlen sind Zahlen, die uns Erkenntnisse zur Steuerung der Verfahren liefern. Welche dazu gehören, hängt von unseren Zielen ab.“ Das unterscheidet den Zahlen-Friedhof von einem ‚erfolgsorientierten Zielzahlen-System. Das letztere wurde damals auf Englisch „Balanced Scorecard“ (BSC) genannt. [Robert S. Kaplan, David P. Norton, Balanced Scorecard – Strategien erfolgreich umsetzen, Stuttgart 1997] Dabei sind Erfolge erreichte Ziele, am besten mit Zeit und Zahlen (Z³).

Das war damals ein Hype oder eine Massenbegeisterung. Alle Welt arbeitete mit BSC, auch Großkonzerne. Und deren Väter, Kaplan und Norton, sagten: Wichtig sind die Auswahl und Begrenzung der Zahlen. Selbst Weltunternehmen brauchen zur zielgerichteten BSC nur 20 bis 25 Kenn- und Zielzahlen, um strategisch zu steuern [Hauptkennzahlen; Kaplan / Norton, a.a.O., u.a.: S. VIII; 159, 295]. Der Mensch muss Herr des Geschehens bleiben und den Überblick behalten. Das ist zugleich die Kunst des abstrakten Denkens. Es wird von den vielen Einzel- und Besonderheiten abgesehen (abstrahiert), um das Wesentliche und Wichtige in den Blick zu bekommen. Wie ist das nun heute?

Am 27.02.2019 veranstaltete die SRH-Hochschule Heidelberg die Tagung „Sales 2020+: Perspektiven des Absatzmarktmanagements“. Die Redner überschlugen sich im englischen Wortschwall und Datenrausch. Gerade der erste Redner von BCG (Boston Consulting Group) war darin Perfektionist. Am aufschlussreichsten war bei ihm eine erlebte Episode, die er kurz berichtete. Vor über 20 Jahren besuchte er in China eine kleine Firma. Sie bestand aus lauter EDV-Spezialisten. Diese arbeiteten jeweils in zwei getrennten Gruppen an der gleichen Aufgabe zum Einsatz von KI für praktische Anwendungen. Der Name des Unternehmens war Huawei; es ist heute die Weltmarke, vor der auch die USA zittern. [Huawei will nun in die neuste Mobilfunktechnik (G5) auch in Europa einsteigen. Viele befürchten, dass dann das chinesische Ohr auch bei uns bei allem mithört.]

Etwas Weiteres wurde klar. Die Datensammler aus dem Silicon Valley (Google, Facebook u.a.) greifen vor allem personenbezogene Daten ab für Marketing und Werbung, womit sie ihre Milliarden verdienen. Das dient dem Verkauf und der Gewinnmaximierung. Die Chinesen sind Technik begeistert und auf Lösungen ausgerichtet. Wir können vereinfacht und damit näherungsweise sagen: Chinesen wollen die Technikführerschaft, US-Amerikaner die Marktführerschaft. Es sind unterschiedliche Blickwinkel und Schwerpunktsetzungen. Allerdings sammelt die chinesische Führung nun ganz viele Personendaten zur „Sozialisierung“, d.h. Kontrolle und Kollektivierung, ihrer Bürger.

Was wollen und können nun die Deutschen? Dazu gab es ein aufschlussreiches Interview im Handelsblatt (06.02.2019) mit Wolfgang Wahlster, seit 1988 Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI). Das DFKI ist mit über 700 Wissenschaftlern die weltweit größte Forschungseinrichtung für Künstliche Intelligenz. Es hat Standorte in Saarbrücken, Kaiserslautern, Bremen und Berlin. Bisher wurden mehr als 70 Unternehmen ausgegründet. Ein Zitat von Wahlster wurde die Interview-Überschrift: „Wir haben einen Vorsprung bei selbstlernenden KI-Algorithmen“.

Gleich zu Beginn verweist Wahlster auf einen Unterschied: „In den USA und China sammeln Unternehmen jede Menge personenbezogener Daten. Das passiert in Europa nur sehr beschränkt und ist aus datenethischer Sicht auch verständlich. Aber deutsche Unternehmen haben ein fantastisches Reservoir an digitalen Maschinendaten – mehr als jedes andere Land, da die modernsten Produktionsmaschinen hier entwickelt und gebaut werden.“

Der neuste Index für KI in den USA zeigt, dass bei den Top-Publikationen Europa mit 28 Prozent der Veröffentlichungen an der Spitze liegt, China folgt mit 25 Prozent auf dem zweiten Platz, und die USA sind auf 17 Prozent der Veröffentlichungen zurückgefallen. Wahlster führt dann Beispiele dafür an, dass China zu hohen Preisen deutsche KI-Firmen kauft, weil es deren Technik eben noch nicht entwickelt hat. Dazu gehöre z.B. eine KI, die Anomalien in Betriebsdaten erkennen kann. „Das ist hochinteressant – nicht nur für Wirtschaftsprüfer. … Deutschland hat definitiv einen Vorsprung bei der Echtzeit-Datenanalytik mit selbstlernenden KI-Algorithmen.“

Auch bei Bosch, BMW und ZF (Zahnradfabrik Friedrichshafen) ersetzen KI-Verfahren inzwischen die Endkontrolle, weil die Fertigungsabläufe laufend kontrolliert und notfalls nachgebessert werden. Das spare enorm viel Geld und Zeit. Inzwischen sind weniger Datenanalysten gefragt, sondern Spezialisten für maschinelles Lernen: „Sie müssen die passenden Algorithmen auswählen und die KI-Systeme trainieren. „Das Berufsbild des Datenanalysten wandelt sich durch KI fundamental, weil immer mehr selbstlernende Systeme entstehen.“

Auch zum Mangel an KI-Spezialisten, der weltweit herrscht, nimmt Wahlster Stellung. Es gäbe Anfragen von deutschen KI-Forschern, die aus den USA zurückkommen wollen. Allerdings profitiere auch China davon, dass derzeit zahlreiche chinesische KI-Experten aus den USA nach China zurückkehrten, wo sie heute teilweise schon mehr verdienen.

Sogar bei der Frage, ob wir auch Ausländer anlocken können, ist Wahlster zuversichtlich: Ja, vor allem in Ost- und Mitteleuropa gibt es hervorragende Leute. Wir am DFKI haben da beste Erfahrungen. Ich habe soeben den tausendsten Mitarbeiter eingestellt, ein Drittel sind Ausländer aus 60 Nationen, darunter viele Tschechen, Bulgaren, Russen und Polen. Sie passen von der Mentalität sehr gut und sind in Mathematik und Informatik sehr gut ausgebildet. Da gibt es noch ein Riesenreservoir.“ Was fehle, sei Wagnis-Kapital für junge Gründer und Ausgründungen aus Universitäten und Forschungsinstituten.

Zum Schluss sei noch auf eine sehr aufschlussreiche Antwort des DFKI-Chefs hingewiesen, dem im Februar mit Jana Koehler eine Frau folgte. Die Handelsblatt-Journalistin Barbara Gillmann verwies auf den Aktionsplan der EU, bei dem die europäischen Industriedaten in europäischen Datenräumen zusammengefasst und für das Training von KI zur Verfügung gestellt werden sollen. Auf die Frage, ob das realistisch sei, antwortete Wahlster: „Nein, das funktioniert so nicht, da digitale Betriebs- und Kundendaten oft das wichtigste Firmenkapital sind. Wechselseitiges Vertrauen, Datensouveränität, hohe Sicherheit und eine Monetarisierung der Daten sind daher unerlässlich.“

28. Industriepolitik 2030: Altmaiers Absicht ist richtig!

Mit der „Nationalen Industriestrategie 2030“ hat erstmals seit Erhard ein deutscher Wirtschaftsminister ein wirtschaftspolitisches Strategiepapier vorgelegt. Es soll mit allen Akteuren (Wirtschaft, Wissenschaft, Politik) diskutiert werden. Das ist ein lang eingeforderter, höchst notwendiger Schritt. Die deutschen Bedenkenträger meldeten sich sofort und lautstark zu Wort. „Ökonomen begrüßen den Vorstoß, kritisieren viele Maßnahmen aber heftig.“ [Handelsblatt, 06.02.2019] Doch ausgerechnet ihnen ist seit Jahrzehnten nichts eingefallen. Sie waren „Blindgänger“ (Lisa Nienhaus, Die Zeit), die uns vor der großen Finanz- und Wirtschaftskrise (2007 ff) beste Aussichten vorhersagten und Jahrzehnte lang prophezeiten, China entwickle sich zu  einer westlichen Marktwirtschaft. Nun sucht ein Politiker nach Gegenstrategien und legt Vorschläge vor. Altmaier will u.a. innovative und Schlüsselindustrien stärken (z.B. Kleinsttechnik wie Mikro-, Nano-, Bio-Technik, KI [künstliche Intelligenz]) und ggf. schützen (z.B. Kuka) Wertschöpfungsketten im Land, mindestens in der EU halten (z.B. bei Kfz-Bau nicht: die Batterien aus Asien, die KI aus den USA) aktive Industriepolitik betreiben mit Beihilfen, Beteiligungen, Staatsfonds (z.B. digitale Infrastruktur ausbauen; Huawei abwehren) Kartellrecht entschärfen (Das ist der problematischste Vorschlag, aber die heutige Handhabung ist weder schlüssig noch sachgerecht.) aktive Mittelstandspolitik betreiben (Dieser Vorschlag ist noch vage und ausbaufähig. Doch die KMU und Familienunternehmen sind oft leichte Beute von Großkonzernen und China ... newtab weiterlesen
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