Kategorie: Meinungs- und Religionsfreiheit


14. Pornografie als Leitperspektive im Bildungsplan

Kulturkampf im Südwesten

Seit Beginn des Jahres 2014 herrscht in Baden-Württemberg Kulturkampf-Stimmung. Die grün-rote Regierung hatte Leitperspektiven zum Bildungsplan veröffentlicht, der ab 2016 gelten soll. Dagegen richteten sich eine Online-Petition mit rund 200.000 Unterschützern, eine Unterschriften-Aktion mit 100.000 Unterzeichnern. Die Gegenpetitionen kamen auf ähnliche Werte. Es gab Demonstrationen dafür und dagegen.

Im Oktober 2014 ging der „Streit um den Bildungsplan in eine neue Runde“ (Die Welt): „Lehrer warnen vor Pornografisierung der Schule“ Der Philologenverband und sein Verbandschef Bernd Saur sprachen unter der Überschrift „Schamlos im Klassenzimmer“ von „nicht vertretbaren Übergriffen durch entfesselte, offensichtlich komplett enttabuisierte Sexualpädagogen“. Es sei unsäglich, „was Gender-Sexualpädagogen, neoemanzipierte Sexualforscher und andere postmoderne Entgrenzer“ in den Unterricht integrieren wollten: „Themen wie Spermaschlucken, Dirty Talking, Oral- und Analverkehr und sonstige Sexualpraktiken inklusive Gruppensex-Konstellationen, Lieblingsstellungen oder die wichtige Frage: ‚Wie betreibt man einen Puff‘ sollen im Klassenzimmer diskutiert werden.“ [Die Welt vom 21.10.2014]

Die Grünen und die SPD sehen das anders; die CDU schweigt. Ministerpräsident Kretschmann: „Wenn Ausdrücke wie ‚schwule Sau‘ zu den beliebtesten Schimpfwörtern auf Schulhöfen gehören, dann ist da Handlungsbedarf da.“ Deshalb sei es richtig, die Themen Pluralität und Toleranz im Unterricht angemessen zu verankern. [Die Welt vom 30.01.2014]

Nach Presseberichten wird vermutet, dass die Landesregierung wenige Tage vor der Landtagswahl (13.03.2016) den Bildungsplan heimlich in Kraft setzen will. Die Leitperspektiven wurden vom Internet-Portal des Bildungsministeriums genommen.

Unser Gehirn: Triebe und Triebbewältigung

(1.) Worum geht es? Was ist Pornografie? (2.) Wo steht das, was der Philologenverband behauptet?

„Porno“ kommt vom griechischen Wort „pornos“, und das heißt der „Hurenbock“. Pornografie ist die Beschreibung der Hurerei (graphein = beschreiben). Das ist Sexualität ohne jede seelische und menschliche Beziehung. Bei der Unterscheidung von Porno und Eros, Liebe und Leidenschaft hilft uns die moderne Hirnforschung weiter. Schon im letzten Blog-Bericht wurde das folgende Schaubild gezeigt. „Danach besitzt der Mensch drei miteinander verbundene Einzel-Gehirne von unterschiedlichem Aufbau und eigener Funktionszuständigkeit, die aus den verschiedenen Epochen seiner evolutionären Vergangenheit stammen.“ [Hans Günter Gassen, Das Gehirn, Darmstadt 2008, S.39]

Der reine Geschlechtstrieb steckt im Reptilhirn. Oft wird auch von körperlicher Liebe gesprochen. Er ist das, was die Pornografie beschreibt. Untersuchungen bei Reptilien oder Kriechtieren, wie sie auch heißen, zeigen deutlich: hier geht es nur um Beißen, Sex und Fressen.

Davon unterschieden wird die seelische Liebe, die im Limbischen System beheimatet ist. Denn das ist der Sitz von Gefühlen und Emotionen, Zu- und Abneigung, von Mitgefühl und Innigkeit, wie wir schon bei entsprechend höher entwickelten Tieren beobachten können. Ein passender deutscher Ausdruck ist „Minne“. Wir kennen den Begriff von den Minnesängern. Sie bezeichneten damit die höchst gefühlvolle und ritterliche Verehrung einer Frau (vgl. „Große Heidelberger Liederhandschrift"). Frauen und Männer spüren im täglichen Leben oft die gegenseitige Anziehungskraft, ohne dass die Sexualität ins Spiel kommt oder kommen kann. Früher hatte auch das Wort Erotik diesen Anklang. Doch seit die Sex-Messen sich Erotik-Messen nennen, ist die Begriffsverwirrung perfekt.

Nun fehlt noch die geistige Liebe in der Großhirnrinde. Unsere klassischen Dichter wie Goethe und Schiller hielten sie für unverzichtbar bei einer echte Liebesverbindung. Dabei musste nicht immer eine körperliche Beziehung bestehen, stark war aber die geistige und seelische Verbundenheit. Bei der geistigen Liebe wird auch von uneigennütziger und schenkender Liebe gesprochen. Diese wird in der christlichen Tradition „Agape“, zu Deutsch „göttliche Liebe“ genannt. „Geben macht seliger denn Nehmen“, heißt es im Volksmund. Wer nur nimmt und nichts gibt, kriecht und grabscht nur auf der Ebene des Reptilhirns.

Klassisches und bis heute weithin gültiges Ideal ist die vollendete Einheit und Harmonie von geistiger, seelischer und körperlicher Liebe. Auch die damit verbunden Tugenden wie Offenheit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit sowie Bindung und Treue sind nicht eindeutig einem Gehirnteil zuzuordnen; bei Reptilien sind sie aber noch nicht feststellbar.

Ehe und Familie brauchen alle drei Bereiche, wenn die Lebensgemeinschaft gelingen soll.

Bemerkenswertes und Erstaunliches haben dazu schon die alten griechischen Philosophen gesagt. Platon lieferte ein Modell, das wir als Vorläufer moderner Erkenntnisse zur Gehirnforschung ansehen können. [so auch Gassen, Gehirn, a.a.O., S. 19]. Danach hat der Mensch drei Seelen. Im Kopf sitzt der Verstand, die „geistige Seele“ (Erkenntnis der Wahrheit); nur sie ist unsterblich, göttlich. Beim Herzen wohnt die „Seele der Gefühle“ (Eifer, Ruhm, Tapferkeit); im Bauch wirkt die „Seele der Begierden“. Dabei haben Verstand und Weisheit dafür zu sorgen, dass die Gefühle und Triebe uns nicht überwältigen oder gar zerstören. Auch für Platon ist die Harmonie der drei Seelen das Ideal. [Anthony Kenny, Geschichte der abendländischen Philosophie, Band I Antike, Darmstadt 2016, S. 249 ff]

Seit Jahrtausenden ist es ein großes Anliegen der Philosophen, aber auch jeder Erziehung: Die Vernunft muss die animalischen Gelüste in uns steuern. Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer hat dazu das Buch „Heißer Frieden – Über Gewalt, Macht und das Geheimnis der Zivilisation“ (Köln 1995) geschrieben. Ein Grundgedanke durchzieht das Werk: Der Firnis der Zivilisation ist sehr dünn.

Außerdem stellt Antje Vollmer treffend fest:

„So kompliziert und arbeitsteilig moderne Staaten auch aufgebaut sind – sie haben im Kern immer mit den Urproblemen der Menschheit zu tun, die sich im wesentlichen auf drei Grundaufgaben reduzieren lassen: 1. Sicherung der Ernährung und Generationenfolge, 2. Verteidigung in Bedrohungssituationen, 3. Herausbildung von Normen für das gemeinsame Verhalten und deren verbindliche Durchsetzung. Mißlingt die Bewältigung auch nur einer dieser Bereiche, gerät jedes Gemeinwesen in ein erhebliche Legitimationskrise.“ [Antje Vollmer, Heißer Friede, a.a.O., S. 45]

Wir stecken heute in allen drei Bereichen in der Krise. Hier geht es um die Generationenfolge und damit um die Stärkung der Familie. Die heutige Sexualerziehung ist familienfeindlich, wie nun gezeigt werden kann.

Entbindung und Entwurzelung durch Gender

Was sind nun „Gender“ oder „Gender-Sexualpädagogen“? Dieses englische Wort hat die lateinische Wurzel „genus“, was auch schlicht „Geschlecht“ bedeutet. Der Ausdruck wird seit den 1970er Jahren für Geschlecht im sozialen und kulturgeprägten Sinn verwandt. Wir können von „Geschlechterrolle“ sprechen. Hier wäre nun im Unterricht der Platz für die Vorstellung der Familie als bevorzugte und gewünschte Lebensgemeinschaft. Doch das sucht man vergebens in den „Leitperspektiven“ (S. 9 – 11). Es fehlen alle über dem Reptilhirn angesiedelten Aspekte menschlicher Bindung und Liebe.

Genau das suchen aber die Jugendlichen. Das zeigen seit Jahrzehnten die Shell Jugendstudien. Die Familie hat den höchsten Stellenwert:

Die Familie hat für Jugendliche weiterhin einen hohen Stellenwert. Hier findet eine große Mehrheit von ihnen den nötigen Rückhalt auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Mehr als 90 Prozent der Buben und Mädchen pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast drei Viertel möchten ein gutes Familienleben führen und würden ihre Kinder ungefähr so oder genauso erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Dieser Wert hat seit 2002 stetig zugenommen. [so Studie 2010, ähnlich 2015]

Doch die Entwicklung der Sexualpädagogik ging in eine andere Richtung. Seit den 1980er Jahren hat sich eine feministische Sozial- und Sexualwissenschaft entwickelt, die sich Schritt für Schritt immer mehr mit den Ausnahmen und Besonderheiten wie Homosexualität und Transsexualität, Porno und Sadomasochismus beschäftigt. Als wissenschaftliche Forschung mag das noch einen Sinn haben, als Bildungsinhalt nicht. Früher griff hier der Jugendschutz ein, um keine Enthemmungen oder falsche Weichenstellungen bei den Jugendlichen fürs Leben einzuleiten. Denn die Triebe im Reptilhirn anzusprechen, ist leicht. Die Werte und Gefühle in den höheren Gehirngegenden zu wecken und zu festigen, ist die herausfordernde Aufgabe der Erziehung. Bei der Sexualerziehung geht es heute vor allem um Sex, also die Abläufe und Sonderbarkeiten im Reptilhirn.

Seit den 1970er Jahren wurde die Verwissenschaftlichung ab der Grundschule gefordert und eingeführt (Bildungsrat 1970). Seither wollen all diese Fachprofessoren, die von den 1968er noch als „Fachidioten“ beschimpft wurden, ihr Spezialwissen ungefiltert an den Schulen verbreiten. Zu kurz kommen dabei die „normalen“ Geschlechterrollen und insbesondere die Familie. Vor lauter Ausnahmen werden die tragfähigen Regeln vergessen. Vom Umfang des vermittelten Stoffes wird die Darstellung der Minderheiten zum Alleinspiel. Das wollen die meisten Eltern nicht.

Hinzu kommt als besonderer Missstand, dass in linker und marxistischer Denktradition die „normale Familie“ letztlich abgelehnt und als überholt dargestellt wird. Denn schon nach Marx, Lenin, Mao und den Neomarxisten ist die Familie ein bürgerliches Überbleibsel des Kapitalismus, das aufgelöst werden muss. Mao z.B. fordert den ‚Sturz der Sippengewalt‘, auch der religiösen und politischen Gewalt [S. 226, 293], um die Menschen sofort der neuen kommunistischen Gewalt zu unterwerfen, die „aus den Gewehrläufen kommt" [S. 256]. [Stuart R. Schram, Das Mao-System, Die Schriften vom Moa Tse-tung. Analyse und Entwicklung, München 1972, S. 226, 256, 293 mit Originaltexten] Die Doppelstrategie lautet: Befreiung von allen alten Bindungen und anlegen neuer Fesseln.

Pornografie als Unterrichtsinhalt

Daher stammt auch die ursprüngliche Forderung der Grünen, alles Sexualstrafrecht einschließlich des Kindesmissbrauchs abzuschaffen. Die skandalösen Zustände an der Odenwaldschule, die zur Schließung dieser hochgelobten Reformschule führten, zeigen die Auswirkungen bis in den Schulalltag. Die von der grün-roten Landesregierung verfolgte Sexualpädagogik steht weithin in dieser neomarxistischen, familienfeindlichen Tradition. „Enttabuisierung“ nennen sie das.

Das zeigt auch eine Veröffentlichung der von unserer schwarz-roten Regierung getragenen „Bundeszentrale für politische Bildung“. Sie gibt den „Fluter“ heraus. Er ist für Erzieher und Jugendliche gedacht. Die Ausgabe Winter 2015 /16 behandelt das „Thema Geschlechter“. Schon im Vorwort, im „Editorial“, wird das Ziel des Heftes klar ausgesprochen. Die Familie und die noch immer in der Gesellschaft geltenden Ansichten über die Geschlechter sollen nicht nur hinterfragt werden. Das Heft zeigt deutlich, dass sie abgelehnt werden. Es geht um eine pädagogische, besser gesagt volkspädagogische Umerziehung. „Die vermeintlich natürliche Ordnung der Geschlechter ist von Menschen gemacht“, heißt es dort. Nun soll die obrigkeitliche Schule lehren, wie es andres und richtig ist. So zeigt gleich das erste Bild ein Paar, bei dem Mann und Frau die Kleidung gewechselt haben.

Weiter wird kritisiert: „Zudem wurde Geschlecht immer wieder hetreonormativ gedacht: Homosexuelle und Transgender waren von der Gesellschaft ignoriert und ausgeschlossen.“ Bis auf eine Seite beschäftigt sich das Heft mit solchen Besonderheiten. Nur auf Seite 29 werden unter einem „schrägen“ Bild knapp 10 Zeilen der Familie gewidmet. Alles davor und danach betrifft „Männer, die auch weiblich sein dürfen, Frauen, die auf eine Quote drängen, und Menschen, die weder Frau noch Mann sein wollen. Die Diskussion über das Verhältnis der Geschlechter nimmt Fahrt auf.“ Die Schule und eine von oben verordnete Erziehung sollen als Beschleuniger wirken.

Hier geht es nicht mehr um Wissen über biologische Zusammenhänge, sondern um Werte bei der Erziehung. Denn genau das bedeutet ja „Gender“. Das zeigen auch unmissverständlich die „Leitperspektiven“ zum baden-württembergischen Bildungsplan. Bildung soll nach unserer Ansicht den jungen Menschen helfen, sich in ihrer Umwelt zu orientieren und ihr Leben erfolgreich zu gestalten. Das bedeutet, dass Überblick und Zusammenhänge aufzuzeigen sind. Doch die Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ vermittelt Orientierungslosigkeit pur. Nicht die eigene Kultur und ihre Werte sind Erziehungsinhalt. Es gilt zu beschreiben, zu recherchieren und zu präsentieren „unterschiedliche Kulturen, Nationalitäten, Ethnien, Religionen und Weltanschauungen, Lebensformen, sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität“ usw.

Auch die „möglichen Inhalte“ der Leitperspektiven in „allen Fächern“ beginnen sofort damit. Gleich der zweite Absatz kommt zur Sache: „Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle und Transgender, Intersexuelle“ sollen quer durch alle Fächer als „Leitperspektive“ unterrichtet werden. Das soll in die Köpfe der jungen Menschen eingetrichtert, infiltriert werden. Das ist dann „normal“. „Maß und Mitte“, uralte Tugenden, sind abgeschafft.

Der Philologenverband hat Recht

Die pikanten Einzelheiten stehen dann in den dazu gehörigen Unterrichtsmaterialien. Damit sind wir zu den harten Vorwürfen des Philologenverbandes vorgedrungen. Neben anderen schließt sich in Spiegel-online Jan Fleischhauer der Kritik an. Wir zitieren aus „Sexualpädagogik der Vielfalt – Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit“, herausgegeben von Elisabeth Tuider, Mario Müller, Stefan Timmermanns, Petra Bruns-Bachmann, Carola Koppermann, Beltz Juventa Verlag, Weinheim 2012, S. 124 ff .

Für die „Altersstufe ab 14 Jahren, bei Bedarf früher“ gibt es da einen „Fragebogen zur Methode „Voll Porno

„Frage 5. Ist der Besitz von Pornos mit Tieren strafbar? a. Ja b. Nein c. Das kommt auf die Tiere an.

Der Fettdruck zeigt, welche Antwort richtig sein soll.

Frage 8. Guter Sex hat immer die Reihenfolge: 1. Oralverkehr, 2. Vaginalverkehr, 3. Analverkehr und Samenerguss. Oder? a. Das ist schon in Ordnung so, denn dann weiß man, was als Nächstes auf einen zukommt. b. Das ist Quatsch. Die beteiligten Personen entscheiden, wie sie den Sex gestalten wollen. c. Die genannte Reihenfolge ist die beste, denn dabei ist die Frau vor einer Scheideninfektion durch Darmbakterien geschützt.“

Frage 15. Was ist gang-bang? a. Alle treiben es wild durcheinander. b. Eine Person hat ohne Pause nacheinander mit vielen bereits wartenden Männern Sex. c. Sex mit vorbestraften Gang-Mitgliedern.“

Ersparen wir uns weitere, abstoßende Einzelheiten und Verletzungen der Menschenwürde. Alles ist erlaubt, alles ist richtig, wer nicht alles für erlaubt und richtig hält, begeht Diskriminierung – und gehört zu den „neuen Bösen“!

Können sich die Eltern wehren?

Damit sind die Artikel 6 und 7 des Grundgesetzes einschlägig. Die Erziehung der Kinder ist zuvörderst das Recht der Eltern (Artikel 6). Der Staat hat ein Wächteramt im Sinne des Kindswohls und einen Bildungsauftrag (Artikel 7). Dazu wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder das Bundesverfassungsgericht angerufen. Es unterscheidet auch zwischen der Vermittlung von Wissen (Bildung) und Werten (Erziehung) in der Sexualaufklärung. Dazu stellt es fest, „daß die Schule sich nicht anmaßen darf, die Kinder in allem und jedem unterrichten zu wollen, weil sie sonst möglicherweise den Gesamterziehungsplan der Eltern unterlaufen würde. Der Staat ist verpflichtet, in der Schule die Verantwortung der Eltern für den Gesamtplan der Erziehung ihrer Kinder zu achten.“

„Bei der rechtlichen Beurteilung … muß davon ausgegangen werden, daß der Sexualerziehung grundsätzlich eine größere Affinität zum elterlichen Bereich als zum schulischen Sektor zukommt. a) Soweit es sich allerdings nur um die von Wertungen freie Mitteilung von Fakten in dem oben umschriebenen Sinne handelt, geschehen diese Belehrungen im Rahmen des staatlichen Bildungsauftrages; denn es geht hier um bloße Wissensvermittlung, also eine Aufgabe, die typischerweise der Schule zukommt … b) Die „eigentliche Sexualerziehung“ dagegen „muß daher in größtmöglicher Abstimmung zwischen Eltern und Schule geplant und durchgeführt werden.“ [BVerfGE 47, 46]

Das Bundesverfassungsgericht sieht den Staat aber nicht als Bürgerstaat, d.h. als Selbstorganisation der Bürger, sondern betont in seinen Entscheidungen die hoheitliche Überordnung im Sinne eines herkömmlichen Obrigkeitsstaats. Das (von den Parteien besetzte) Gericht gibt den Eltern kein Mitbestimmungsrecht und ließ in seiner Rechtsprechung im Laufe der Jahre den Staat immer weiter in den Erziehungsbereich eindringen, was auch kritisiert wurde. Allerdings haben die Eltern das Recht, Privatschulen zu gründen und dort weitgehend ihre Erziehungsvorstellungen umzusetzen (Art. 7 IV, V GG).

Im Übrigen ist es dem Gesetzgeber nicht verboten, den Eltern mehr Mitwirkungsrechte in der schulischen Erziehung einzuräumen. Das wäre dann der Schritt von der staatlich-obrigkeitlichen Schule zur Bürgerschule, was vom Grundgesetz weder geboten noch verboten ist. Der Bürgerstaat und die Bürgerschule, gehen genau diesen Weg.

In den nächsten drei Blog-Berichten wollen wir Grundprinzipien der Demokratie und des Rechtsstaats anschauen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Nächster Blog-Bericht: Was ist Gleicheit im Bürgerstaat?

13. Bürgerstaat: Werte und Wertewandel

Werte sorgen für das friedliche Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft. Die Ereignisse der Silvesternacht 2015 / 2016 haben die Bedeutung von Werten als allgemeine Verhaltensregeln wieder bewusst gemacht. Überhaupt hat die Auseinandersetzung mit dem Islam und anderen Kulturen die Frage nach europäischen Werten entfacht.

Gerade der Bürgerstaat, der von unten statt von oben seine Ziele, Gesetze und Lebensformen entwickelt, braucht gemeinsame Werte und Überzeugungen. Denn es wird nicht wie in einem Zwangs- oder Obrigkeitsstaat von Kommissaren kommandiert, was richtig oder falsch ist. Es ist auch nicht eine selbsternannte Elite oder politischen Klasse, die der Herde vorgibt, was zu glauben und zu tun ist. Die mündigen Bürger sprengen die ideologischen Raster, „denn letztlich geht es um etwas sehr einfaches: dass freie Individuen frei entscheiden können, was das Beste für sie ist“. [Wolfgang Koydl, Die Besserkönner, Zürich 2014, S. 14] Die Zeit und unsere Bürger sind reif dafür.

Machen wir uns also Gedanken darüber, wie bei jedem von uns Werte entstehen. Fragen wir, ob sich Werte wandeln oder immer gleich und ewig gültig sind. Fragen wir auch, ob Werte zeit-, raum- und kulturabhängig sind. Kant und andere große Philosophen, die Religionen und Ideologie samt ihren Gläubigen behaupten bis heute, dass es nur eine Wahrheit und Wertordnung gäbe, und zwar die jeweils eigene.

Die heutige Hirnforschung erklärt uns, warum wir Menschen zu unterschiedlicher Wahrheit und Moral kommen.

Im 20. Jahrhundert haben unsere Kenntnisse über „den gestirnten Himmel über uns“ und „das Gesetz in uns“ (Kant) gewaltig zugenommen. So kann erklärt werden, wie und warum nicht nur die „reine oder die praktische Vernunft“, sondern auch Gefühle und Instinkte unsere jeweils ganz persönlichen Werte bestimmen. Wir haben nämlich drei miteinander verbundene Einzel-Gehirne. Sie stammen aus verschiedenen Zeiten unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung (biologischen Evolution). Ihre Aufgaben und ihr Aufbau sind unterschiedlich.

Das älteste und innerste ist das Reptilhirn, auch Stammhirn genannt. Wir haben es mit den Kriechtieren gemeinsam; und bei ihnen wurden auch Aufbau und Funktionsweise erforscht. Fressen, Beißen und der reine Geschlechtstrieb sitzen hier. Instinkte und Hormone, Reflexe und Erregungszustände steuern das Verhalten, und man kann damit überleben. Höhere Tiere und wir Menschen haben dann noch das Limbische System als zweites Gehirn dazubekommen. Gefühle und Mitgefühle, Zu- und Abneigungen, Freude, Trauer und Stimmungen gehen unbewusst, spontan von hier aus. Schon an unserem Hund werden wir vieles davon entdecken. Wir könnten hier von „Seele“ oder „Herzlichkeit“ sprechen, im Unterschied zum kühlen mathematischen Verstand. Damit sind wir beim letzten und nur uns Menschen eigenen Gehirnteil: der Großhirnrinde. Das Denken und bewusste Erleben, der Wille mit den willkürlichen Bewegungen und die Sprache machen uns zum „homo sapiens“, zum vernunftbegabten Menschen.

Doch mit der Vernunft ist es so eine Sache. Denn unserem Bewusstsein entzogen wirken die zwei anderen Gehirne auf das oberste ein – und umgekehrt. Da alles zusammenwirkt, ist nach heutigem Wissensstand eine scharfe Trennung nicht möglich (z.B. Neugiertrieb). Einzelne Krankheiten werden jedoch ganz oder überwiegend einem der Gehirne zugeordnet (z.B. Autismus dem Limbischen System). Das obige Bild zeigt stark vereinfacht das Modell nach Paul McLean. [anschaulich und reich bebildert: Hans Günter Gassen, Das Gehirn, Darmstadt 2008; gut auch: Karl Popper und John Eccels, Das Ich und sein Gehirn, München 1987]

Werte sind Überzeugungen, die ins Limbische System abgesunken und so gefühlsmäßig aufgeladen sind. Das hat die Volksweisheit erkannt: „So können die Irrtümer des Geistes zu leidenschaftlichen Angelegenheiten des Herzens werden.“ Alles, was wir gut können, was uns in Fleisch und Blut eingegangen ist, läuft selbsttätig, unbewusst ab. Auto- und Skifahren erlernen wir bewusst und mit geistiger Anstrengung. Doch beim Könner läuft es sozusagen automatisch ab. Das gilt sogar für höchste Denkarbeit. In manchen Bereichen können wir blitzschnell reagieren, uns ist sofort klar, was für uns falsch oder richtig ist; wir wissen sofort, was wir tun oder lassen müssen. Das ist dann das Zusammenspiel von Großhirnrinde und Limbischem System.

Auch das Reptilhirn wirkt mit. Es gibt Menschen, die sind weniger, andere stärker Trieb gesteuert. Hypersexuell sind manche, der Volksmund nennt sie „notgeil“. Andere können ihre Treibe besser beherrschen. Das gilt für alle Triebe, die zur Sucht werden können. (Wir gebrauchen hier umgangssprachlich Trieb und Instinkt gleichbedeutend.)

Immanuel Kant hält Gefühle für sehr wertvoll, doch bei sittlichen Entscheidungen geht für ihn die Vernunft immer vor. Das gilt erst Recht für Triebe, wenn sie mit der Vernunft in Widerspruch geraten. „Wenn wir die Herzen öffnen, dürfen wir den Verstand nicht verlieren.“ [nach Garri Kasparow, Schachweltmeister, Vorsitzender der Human Rights Foundation, im Handeksblatt 08.12.2015] Das gilt gerade für die Politik in diesen Tagen.

Unser Bewusstsein und unsere Werte sind geprägt von natürlichen und kulturellen Umwelterfahrungen, von Erziehung und Bildung, von Vererbung und Begabung – von den Ergebnissen des Zusammenspiels unserer drei Gehirne. Das alles wirkt bei jedem Menschen auf eine ganz eigene und persönliche Art zusammen. Wer in einer Oase in der Sahara aufgewachsen ist und dort erzogen wurde, denkt und fühlt anders als ein Inder aus Bombay oder ein Japaner aus Tokio.

„Soziale Bindung“ ist die Zugehörigkeit eines Menschen zu „seiner“ Gemeinschaft und ihren Werten. Soziale Bindungen üben immer über die jeweilige Gemeinschaft oder Gesellschaft eine soziale Kontrolle aus. Es wird zwischen Gut und Böse unterschieden. Darauf beruht auch unsere ganze Rechtsordnung. Nicht nur das Strafrecht mit seinen Verurteilungen, auch das Bürgerliche Recht mit dem Ersatz für vorsätzliche oder fahrlässige Schädigungen.

Damit sind wir mitten in einem Glaubensstreit der Gehirnforscher. Gut oder böse kann ein Mensch nur handeln, wenn er einen freien Willen hat, wenn es aus Verantwortung und Überzeugung das Gute tun und das Böse unterlassen kann. Ein sehr anerkannter heutiger Gehirnforscher ist Wolf Singer. Er sagte in einem Vortrag am 22.09.2011 in Heidelberg, dass die Forschung das Meiste über unser Hirn, etwa 90 %, noch nicht wisse. Trotzdem zog er weitreichende Schlüsse: „Der Mensch hat keinen freien Willen.“

Der oben erwähnte und ebenso anerkannte Forscher Hans Günter Gassen, Karl Popper, John Eccles u.a. sehen das anders. Sie vermuten einen freien Willen, obwohl er derzeit durch die Hirnforschung weder bestätigt noch widerlegt werden kann. Popper und Eccles gehen davon aus, dass das „Ich“ in Form eines freien Willen unser Hirn und Verhalten steuert. Eccles, auch ein angesehener Hirnforscher, spricht vom Liaison-Hirn, wo der Geist oder das „bewusste Ich“, auf die linke Hirnhälfte einwirkt. [Karl Popper und John Eccles, Das Ich und sein Gehirn, München 1987, Abb. S. 450; aufschlussreich auch Kapitel P3: Kritik am Materialismus] Singer kannte Eccles gut und meinte in der Diskussion beim o.g. Vortrag: „Das haben wir schon ausführlich mit Eccles erörtert. Aber wir haben das „Liaison-Hirn“ nicht gefunden.“ Könnte sich ja bei den unbekannten 90 % befinden! Hans Günter Gassen gibt uns eine gute Darstellung „Der freie Wille“ und über den Stand des heutigen Wissenschaftsstreits in seinem Buch. Er schließt das Kapitel mit einem Kollegen-Zitat: „Ignorabimus – wir werden es nie wissen.“ [Hans Günter Gassen, Das Gehirn, a.a.O., S. 143] – Doch unser ganzes Rechtsystem setzt einen freien Willen voraus. Andernfalls gäbe es keine Verantwortung. Niemand dürfte wegen seiner Straftaten verurteilt werden; er konnte ja nicht anders. Das Zusammenleben geriete aus den Fugen.

Manche Neomarxisten und Sozialpädagogen sehen heute keine Täter und Verbrecher mehr, sondern nur noch arme Kranke. Hans Magnus Enzensberger, selbst Neomarxist, hat das kritisiert und auf den Punkt gebracht: „Auf diese Weise wird das Verbrechen aus der Welt geschafft, weil es keine Täter mehr gibt, nur noch Klienten. Auch Höß und Mengele stünden damit als Opfer da, denen wir etwas schuldig wären, nämlich eine angemessene psychotherapeutische Behandlung auf Krankenschein. … Da alle andern für nichts etwas können, am allerwenigsten aber für sich selber, existieren sie als Personen nicht mehr, sondern nur noch als Objekte der Fürsorge.“ [Hans Magnus Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt / M. 1993, S. 38]

Wenden wir uns einem weiteren Kriegsschauplatz der Ideologien zu. Es ist der Kampf um unsere westlichen Werte und Menschenrechte. Sind sie ewig gültig und unabänderlich oder raum-, zeit- und kulturabhängig? Es ist die Frage nach dem Wertewandel. Nach allem, was wir bisher gesagt haben, ist der Wertewandel normal, der Werteverlust aber eine Katastrophe. Die Geschichte bestätigt das. Auch bei uns in Europa gab und gibt es Wertewandel.

Wie unterschiedlich die Ergebnisse sein können, zeigt uns einer der größten abendländischen Denker, Aristoteles. Er hat sich ausführlich mit den „intellektuellen und moralischen Tugenden“ beschäftigt und kommt zum Ergebnis: Frauen sind von Natur aus minderwertiger als Männer, Sklaverei ist nicht unmoralisch, sondern naturbedingt. Doch es ist barbarisch, Frauen wie Sklaven zu behandeln. [Anthony Kenny, Geschichte der abendländischen Philosophie, Band I - Antike, Darmstadt 2016, S. 99 mit Nachweis der Fundstellen] Das verstößt abgrundtief gegen alle heutigen westlichen Werte und Menschenrechte. Bei der Darstellung der Lehre von Aristoteles wird das meist nicht erwähnt. [vgl. Abschnitt „Aristoteles“ in Michael Erler und Andreas Graeser, Philosophen des Altertums, Von der Frühzeit bis zu Klassik, Darmstadt 2000, S. 163 ff.] Es ist ein Beispiel für einen krassen Wertewandel.

Doch wir brauchen nicht soweit zurückzugehen. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich auch bei uns wichtige Werte nachhaltig verändert. Das zeigen frühe Entscheidungen des Bundesgerichtshofs (BGH) in Strafsachen. So wurden Eltern wegen Kuppelei bestraft, wenn sie Verlobte in ihrem Haus miteinander schlafen ließen. Das wurde so begründet: „Normen des Sittengesetzes gelten aus sich selbst heraus; ihre Verbindlichkeit beruht auf der vorgegebenen und hinzunehmenden Ordnung der Werte und der das menschliche Zusammenleben regierenden Sollenssätze … Ihr Inhalt kann sich nicht deswegen ändern, weil die Anschauungen über das, was gilt, wechseln.“ [BGH, Strafsachen, Großer Senat, Bd. 6, S. 52, 1954, Az.: GSSt 3/53] Homosexualität war damals strafbar. Das Gleiche galt für die „Tubenligatur“ [= Durchtrennung der Eileiter zur dauerhaften Empfängnisverhütung].

Mit allem, was wir bisher besprochen haben, beschäftigen sich mindestens zwei Wissenschaften. Das sind einmal seit den Anfängen der Geschichte die Philosophie und heute die Gehirnforschung. Philosophie heißt übersetzt: Liebe zur Weisheit. Es ist keine Wissenschaft nach heutigem Verständnis. Das Gleiche gilt weithin für die Theologie, selbst für die Werte und unsere Lebensweisheit. Denn philosophische Aussagen lassen sich i.d.R. im Versuch, im Experiment weder widerlegen noch nachweisen. Wenn aber naturwissenschaftliche Forschung philosophische Erkenntnisse belegt oder widerlegt, dann scheidet dieser Bereich aus der Philosophie aus und wechselt zur Wissenschaft. Denken wir an die Hirnforschung oder an die Wissenschaft vom Weltall, die Kosmologie. Manche Vermutungen der griechischen Natur- und anderer Philosophen waren nach heutiger Wissenschaft richtig, andere falsch. [aber: Popper-Kriterium]

Das beschreibt gut der Oxforder Philosoph Anthony Kenny: „Obwohl die Philosophie keine Wissenschaft ist, stand sie im Laufe ihrer Geschichte in enger Beziehung zu den Wissenschaften. Viele Wissensgebiete, die in der Antike und im Mittelalter zur Philosophie gehörten, sind längst eigenständige Wissenschaften geworden.“ [Kenny, Geschichte der abendländischen Philosophie, a.a.O., Bd. I, S. 11] Es ist anzufügen, dass es die modernen Wissenschaften erst seit der Renaissance gibt. Sie sind eine Erfindung der europäischen Neuzeit. Ihre Folgen waren die moderneTechnik und die Industrialisierung.

Wir leben heute in einem wissenschaftsgläubigen Zeitalter. Doch fast zu jeder ernsten Frage gibt es heute zwei oder mehrere Antworten. (Die Frage nach dem freien Willen war ein Beispiel.) Hier stellen sich für den Bürgerstaat und sein Bildungssystem wichtige, grundlegende Fragen. Worin unterscheiden sich Wissenschaft und Bildung? Was hat die Erziehung, was die Bildung zu vermitteln? Wo sind die Grenzen staatlich-obrigkeitlicher Erziehung? Was bedeutet Bürgerschule?

Dazu wird im nächsten Blog-Bericht besprochen: Pornografie: eine Leitperspektive im Bildungsplan?

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